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Handelspolitische Turbulenzen im Luftfrachtverkehr: US-Zolländerungen bremsen Asien-Nordamerika-Frachtvolumen erheblich

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Das Luftfrachtvolumen aus Asien nach Nordamerika ist im Mai drastisch gesunken, ein direkter Ausfluß der sich wandelnden US-Handelspolitik. Ein Rückgang von 10,7 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat, wie Daten der International Air Transport Association (IATA) belegen, wird hauptsächlich auf die Streichung einer Steuerbefreiung für niedrigwertige Pakete aus China durch die Vereinigten Staaten zurückgeführt.

Seit Anfang Mai 2025 werden Sendungen unter 800 Dollar aus China und Hongkong besteuert, was insbesondere den boomenden E-Commerce von Plattformen wie Shein und Temu trifft. Dieser plötzliche Einbruch zwingt Fluggesellschaften zur Anpassung ihrer Kapazitäten und wirft Fragen über die zukünftige Entwicklung des Transpazifik-Handels auf.

Die De-minimis-Regelung fällt: Ein Paradigmenwechsel im Handel

Der Hauptgrund für den signifikanten Rückgang des Luftfrachtvolumens liegt in der Abschaffung der sogenannten De-minimis-Regelung durch die Vereinigten Staaten. Diese Regelung hatte es bisher ermöglicht, geringwertige Warensendungen bis zu einem Wert von 800 US-Dollar zollfrei in die USA einzuführen. Seit dem 2. Mai dieses Jahres fallen Sendungen im Wert von unter 800 Dollar aus China und Hongkong unter die Besteuerung. Die Einführung dieser Zölle erfolgte mit anfänglichen Sätzen von bis zu 145 Prozent, die nach einer Phase der Handelsentspannung zwischen den USA und China Mitte Mai auf mindestens 30 Prozent gesenkt wurden.

Diese Änderung hat weitreichende Konsequenzen, insbesondere für den schnell wachsenden Sektor der niedrigwertigen E-Commerce-Sendungen. Plattformen wie der chinesische Modehändler Shein und der Online-Marktplatz Temu, die für ihre extrem günstigen Produkte bekannt sind, nutzten die De-minimis-Regelung intensiv, um ihre Waren direkt an US-Kunden zu verschicken. Ein Großteil dieser Sendungen wurde per Luftfracht transportiert, um schnelle Lieferzeiten zu gewährleisten. Die plötzliche Besteuerung dieser Waren erhöht die Kosten für die Endverbraucher und macht das Geschäftsmodell dieser Plattformen in den USA weniger attraktiv.

Die Luftfracht-Beratung Aevean schätzt, daß solche Sendungen aus China in die USA im Mai um erstaunliche 43 Prozent gegenüber dem Vormonat zurückgingen. Dies ist ein Indikator für die sofortige und drastische Auswirkung der neuen Zollpolitik. Gleichzeitig stiegen die Sendungen in andere Exportmärkte wie Europa und Südostasien, was darauf hindeutet, daß die Nachfrage nach diesen Produkten weiterhin besteht, sich aber geographisch verlagert.

Unsicherheit in der Branche: Eine Frage der Rentabilität

Willie Walsh, der Generaldirektor der International Air Transport Association (IATA), sprach von der „dämpfenden Wirkung sich wandelnder US-Handelspolitik“. Diese Einschätzung unterstreicht die Rolle der politischen Entscheidungen als treibende Kraft für die globalen Handelsströme und damit auch für die Luftfrachtbranche.

Marco Bloemen, Geschäftsführer von Aevean, äußerte sich unsicher über die weitere Entwicklung: „Werden diese E-Commerce-Akteure in die USA zurückkehren, jetzt da sie 30 Prozent Zölle statt null Prozent zahlen?“. Diese Frage steht im Zentrum der Unsicherheit in der Branche. Die Unternehmen hatten die Abschaffung der De-minimis-Regelung antizipiert, aber die drastische Reduzierung der Gewinnmargen durch die Zölle könnte dazu führen, daß sie ihre Strategien langfristig ändern oder sich stärker auf andere Märkte konzentrieren. Die Wettbewerbsfähigkeit dieser Billig-Plattformen hängt maßgeblich von niedrigen Preisen ab, und zusätzliche Zölle können diesen Vorteil erheblich schmälern.

Der Luftfracht-Spediteur Dimerco Express berichtete beispielsweiße, daß seine E-Commerce-Buchungen im Mai und Juni um 50 Prozent zurückgingen. Dies zeigt die unmittelbare und massive Auswirkung der neuen Politik auf die operative Ebene der Logistikdienstleister.

Reaktionen der Fluggesellschaften: Kapazitätsanpassungen und Flugstreichungen

Die sinkende Nachfrage im Transpazifik-Handel zwingt die Fluggesellschaften zu einer schnellen Anpassung ihrer Kapazitäten. Die Airlines haben bereits reagiert und Frachtflugzeuge von den Transpazifik-Routen abgezogen. Die direkte Frachtkapazität zwischen China und den USA lag im Juni um elf Prozent unter dem März-Niveau. Damit wurde das beeindruckende Kapazitätswachstum des vergangenen Jahres auf diesen Strecken zunichte gemacht. Planmäßige Frachtflüge werden weiterhin gestrichen, um die Überkapazitäten zu reduzieren und die Rentabilität der verbleibenden Flüge zu sichern.

Dieser Rückgang ist bemerkenswert, da niedrigwertige E-Commerce-Sendungen aus Asien in den letzten Jahren einen wachsenden Anteil an der globalen Luftfracht hatten. Im vergangenen Jahr machten solche Sendungen mit 1,2 Millionen Tonnen ganze 55 Prozent der per Luftfracht von China in die USA transportierten Waren aus. Zum Vergleich: Im Jahre 2018 waren es nur fünf Prozent. Dieser explosive Anstieg verdeutlicht, wie stark die Luftfrachtbranche vom E-Commerce-Boom profitiert hat und wie anfällig sie nun für Änderungen in der Handelspolitik ist.

Die Verlagerung von Kapazitäten von einer Route auf eine andere ist ein gängiges Instrument im Frachtgeschäft, um auf Nachfrageschwankungen zu reagieren. Die Frage ist jedoch, ob die nun freigewordenen Kapazitäten auf anderen Routen – beispielsweiße nach Europa oder Südostasien, wo die Sendungen zunehmen – vollständig absorbiert werden können oder ob es zu einem generellen Rückgang des Luftfrachtvolumens kommt.

Die Rolle der Handelspolitik und die Zukunft der globalen Lieferketten

Die aktuelle Entwicklung zeigt einmal mehr die enge Verknüpfung von Handelspolitik und globalen Lieferketten. Politische Entscheidungen können binnen kürzester Zeit immense Auswirkungen auf etablierte Handelsströme und Logistikprozesse haben. Die USA haben die Abschaffung der De-minimis-Regelung unter anderem damit begründet, den heimischen Herstellern einen fairen Wettbewerb zu ermöglichen und die Einfuhr von gefälschten oder unsicheren Produkten zu erschweren. Kritiker sehen darin jedoch auch eine Protektionismus-Maßnahme, die den Konsumenten durch höhere Preise schadet.

Der Rückgang des Luftfrachtvolumens zwischen Asien und Nordamerika könnte langfristige Auswirkungen auf die Struktur der globalen Lieferketten haben. Unternehmen könnten gezwungen sein, ihre Beschaffungsstrategien zu überdenken und möglicherweise ihre Produktion näher an die Verbrauchermärkte zu verlagern, um Zollbarrieren zu umgehen. Auch die Entwicklung des E-Commerce wird durch solche politischen Entscheidungen maßgeblich beeinflußt. Die Flexibilität der Luftfracht, die schnelle Lieferzeiten ermöglicht, ist ein entscheidender Faktor für den Erfolg von Online-Handelsplattformen. Wenn diese Flexibilität durch Zölle oder andere Handelshemmnisse beeinträchtigt wird, könnten andere Transportmittel wie der Seefrachtverkehr wieder an Bedeutung gewinnen, obschon dies zu längeren Lieferzeiten führt.

Die IATA und andere Branchenverbände werden die Situation weiterhin genau beobachten und hoffen auf eine Stabilisierung der Handelspolitik, die langfristige Planbarkeit und Investitionssicherheit ermöglicht.

Ein Weckruf für die Luftfrachtbranche

Der drastische Rückgang des Luftfrachtvolumens aus Asien nach Nordamerika ist ein deutlicher Weckruf für die gesamte Luftfrachtbranche. Die Abschaffung der US-De-minimis-Regelung für chinesische Sendungen hat innerhalb kürzester Zeit massive Auswirkungen auf die Nachfrage und zwingt die Airlines zu einer schnellen Anpassung ihrer Kapazitäten.

Dieser Vorfall unterstreicht die Sensibilität globaler Lieferketten gegenüber handelspolitischen Entscheidungen und wirft wichtige Fragen über die zukünftige Entwicklung des E-Commerce-Frachtverkehrs auf. Die Branche muß sich auf eine erhöhte Volatilität einstellen und Strategien entwickeln, um flexibel auf solche externen Schocks reagieren zu können, um langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben.

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