Die Komplexität der Gepäckrichtlinien internationaler Fluggesellschaften hat sich in den letzten Jahren zu einer erheblichen Belastung für Flugreisende entwickelt. Eine aktuelle Untersuchung des Fluggastrechtportals AirHelp verdeutlicht das Ausmaß dieser Problematik: Rund 83 Prozent der Passagiere in Deutschland empfinden die Handhabung ihres Gepäcks als stressig, während 62 Prozent die bestehenden Regelungen als verwirrend bezeichnen.
Diese Intransparenz führt dazu, dass bereits 42 Prozent der Reisenden am Flughafen mit unerwarteten Zusatzgebühren konfrontiert wurden, da sie die spezifischen Vorgaben ihrer Airline nicht korrekt interpretiert hatten. Die Analyse von 25 führenden Fluggesellschaften zeigt, dass die Branche weit von einer Standardisierung entfernt ist. Während einige Traditionsflieger das Handgepäck weiterhin als Inklusivleistung führen, haben Billigflieger und zunehmend auch Netzwerk-Carrier Gebührenmodelle eingeführt, die den Endpreis einer Reise massiv beeinflussen können. Zudem offenbart die Studie ein gravierendes Informationsdefizit bei den Verbraucherrechten: Fast 94 Prozent der Befragten sind sich ihrer rechtlichen Ansprüche bei Gepäckverlust oder Beschädigung nicht bewusst.
Divergierende Standards beim Handgepäck
Die Zeiten, in denen ein klassischer Rollkoffer selbstverständlich zur Grundausstattung jedes Tickets gehörte, sind vorbei. Elf der 25 untersuchten Airlines verlangen mittlerweile Aufpreise für ein großes Handgepäckstück, das über die Maße einer kleinen Tasche hinausgeht. Besonders deutlich wird dieser Trend bei Fluggesellschaften wie Eurowings, die auf bestimmten Strecken bis zu 40,13 Euro für einen Kabinentrolley berechnen. Auch Wizz Air mit 28 Euro und Norwegian mit 18 Euro pro Strecke folgen diesem monetären Modell. Im Gegensatz dazu halten renommierte Linien wie die Lufthansa Group, Air France–KLM, British Airways und Turkish Airlines am kostenfreien Handgepäck fest, sofern der Tarif dies nicht explizit ausschließt.
Neben den Kosten variieren die erlaubten Dimensionen erheblich, was Reisende oft vor physische Probleme beim Packen stellt. British Airways und easyJet erweisen sich hier als besonders großzügig und erlauben ein Volumen von bis zu 63.000 Kubikzentimetern. Am anderen Ende des Spektrums finden sich Anbieter wie Ryanair, Pegasus oder Condor, deren Limit bei lediglich 44.000 Kubikzentimetern liegt. Diese Differenz von fast 30 Prozent entscheidet oft darüber, ob ein Standardkoffer in die Kabine darf oder am Gate gegen hohe Gebühren im Frachtraum verstaut werden muss.
Kostenfallen beim Aufgabegepäck
Das Aufgabegepäck stellt für viele Fluggäste nicht nur ein finanzielles, sondern auch ein emotionales Risiko dar. Laut der AirHelp-Umfrage fürchten 66 Prozent der Deutschen den Verlust ihres Koffers, und bei jedem dritten Reisenden ist es bereits zu Beschädigungen oder Verspätungen gekommen. Finanziell betrachtet lauern die größten Risiken in der Gewichtsbeschränkung und den damit verbundenen Übergepäcktarifen. Die Preisspanne für das erste aufgegebene Gepäckstück zwischen 20 und 23 Kilogramm ist enorm und erreicht Differenzen von bis zu 123 Euro zwischen dem günstigsten und dem teuersten Anbieter.
Überraschenderweise verlangt Turkish Airlines auf Kurzstrecken mit 140 Euro den höchsten Betrag für das erste Kofferstück im Basis-Tarif, während Low-Cost-Airlines wie Pegasus mit 17 Euro oder Volotea mit 19 Euro am unteren Ende der Preisskala rangieren. Die Lufthansa Group und SAS Group bewegen sich mit rund 30 Euro im preislichen Mittelfeld. Diese Zahlen verdeutlichen, dass der reine Flugpreis oft nur noch eine Ausgangsbasis darstellt und die tatsächlichen Reisekosten erst nach Addition der Gepäckoptionen vergleichbar werden.
Regelungen bei Gewichtsüberschreitungen
Sollte ein Koffer schwerer sein als am Check-in erlaubt, greifen zwei unterschiedliche Abrechnungsmodelle: Pauschalpreise pro Gepäckstück oder Gebühren pro Kilogramm. Bei der Pauschalabrechnung führt TAP Air Portugal das Feld mit 110 Euro pro Koffer an, gefolgt von ITA Airways mit 80 Euro. Die Lufthansa liegt hier bei vergleichsweise moderaten 50 Euro. Noch unübersichtlicher wird es bei der Kilogramm-Abrechnung. Hier verlangt Jet 2 stolze 16 Euro für jedes zusätzliche Kilo, während easyJet und Norwegian 15 Euro berechnen. Günstigere Optionen bieten hier die türkischen Carrier: Turkish Airlines berechnet sieben Euro und Pegasus lediglich fünf Euro pro Kilogramm Übergepäck.
Besonders auf Langstreckenflügen eskalieren diese Kosten weiter. Bei TAP Air Portugal kann ein zusätzliches Gepäckstück auf transatlantischen Routen bis zu 235 Euro kosten. Im Durchschnitt steigen die Gebühren für Aufgabegepäck von 42 Euro auf der Kurzstrecke auf rund 76 Euro auf der Langstrecke an. Diese massiven Preissteigerungen erklären, warum 54 Prozent der Reisenden Zusatzgebühren als eine ihrer größten Sorgen bei der Flugplanung angeben.
Informationsdefizite und Fluggastrechte
Ein zentrales Ergebnis der Untersuchung ist die Unkenntnis über die rechtliche Situation bei Unregelmäßigkeiten. Das Montrealer Übereinkommen und die EU-Fluggastrechteverordnung bieten zwar Schutz bei beschädigtem oder verspätetem Gepäck, doch 62 Prozent der Deutschen wissen nicht, dass sie durch diese Gesetze abgesichert sind. Noch kritischer ist die Unkenntnis über Meldefristen: 96 Prozent der Befragten kennen nicht den korrekten Zeitraum, in dem eine Beschädigung gemeldet werden muss. Bei beschädigtem Gepäck muss die Meldung schriftlich innerhalb von sieben Tagen erfolgen, bei verspätetem Gepäck innerhalb von 21 Tagen nach Erhalt.
Reiseexperten raten daher dringend dazu, Gepäckansprüche unmittelbar am Flughafen am Schalter für die Gepäckermittlung (Lost and Found) geltend zu machen und sich einen schriftlichen Nachweis, den sogenannten Property Irregularity Report (PIR), aushändigen zu lassen. Ohne dieses Dokument ist eine spätere Durchsetzung von Entschädigungsansprüchen nahezu aussichtslos. Das Defizit an Aufklärung führt dazu, dass viele Passagiere auf Kosten sitzen bleiben, die rechtlich von den Fluggesellschaften zu tragen wären.
Die Analyse unterstreicht die Notwendigkeit einer gründlichen Vorab-Recherche vor jeder Flugbuchung. Die drastischen Unterschiede in den Gebührenstrukturen machen einen direkten Preisvergleich allein über Flugsuchmaschinen schwierig, da Gepäckkosten oft erst im letzten Buchungsschritt transparent werden. Experten empfehlen, Gepäck grundsätzlich online und so früh wie möglich hinzuzubuchen, da die Preise am Flughafenschalter oft um ein Vielfaches höher liegen. Angesichts der hohen Stresswerte und der weitverbreiteten Verwirrung unter den Passagieren bleibt abzuwarten, ob regulatorische Eingriffe auf EU-Ebene künftig zu einer stärkeren Harmonisierung der Maße und Gewichtsgrenzen führen werden, um die Transparenz im Luftverkehr wieder zu erhöhen. Bis dahin bleibt das Kofferpacken eine mathematische und finanzielle Herausforderung für Millionen von Urlaubern.