Nationalflagge Kroatiens (Foto: Pixabay).
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Historische Narrative und architektonische Zeugnisse der kroatischen Adria

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Die Republik Kroatien, gelegen an der Schnittstelle zwischen Mitteleuropa und dem Mittelmeer, verfügt über eine jahrtausendealte Kulturgeschichte, die sich in monumentalen Bauwerken und markanten geographischen Formationen manifestiert.

Während die moderne Geschichtsschreibung präzise Daten für die Errichtung römischer Arenen oder die Entstehung feudaler Kastelle liefert, existiert parallel dazu ein reichhaltiger Schatz an volkstümlichen Überlieferungen. Diese Legenden, die oft von übernatürlichen Wesen, tragischen Schicksalen oder heldenhaftem Widerstand berichten, sind untrennbar mit der Identität der Region verbunden. Sie bieten einen alternativen Zugang zur Wahrnehmung bekannter Sehenswürdigkeiten und verdeutlichen, wie tiefgreifend Mythen das kulturelle Erbe eines Volkes prägen können.

Das hydrologische Wunder im Karstgebirge

Im Herzen des kroatischen Karsts befindet sich mit den Plitvicer Seen eine Formation, die durch ein komplexes System von 16 terrassenförmig angeordneten Seen und zahlreichen Wasserfällen besticht. Die wissenschaftliche Erklärung für dieses Phänomen liegt in der jahrtausendelangen Ablagerung von Rauwacke und der Erosion durch kalkhaltiges Wasser. Die lokale Überlieferung hingegen schreibt die Entstehung dieses Systems einer mystischen Gestalt zu: der Schwarzen Königin.

Nach dieser Erzählung war die Region einst von einer verheerenden Dürre geplagt, die das wirtschaftliche und soziale Leben zum Erliegen brachte. In ihrer Verzweiflung riefen die Bewohner nach göttlichem Beistand. Die Schwarze Königin, die laut Überlieferung in den umliegenden Bergen residierte, erhörte das Flehen und entfesselte ein gewaltiges Unwetter. Die Wassermassen füllten die ausgetrockneten Flussbetten des Schwarzen und Weißen Flusses und schufen so die heutige Seenlandschaft. Historisch gesehen spiegelt diese Legende die existenzielle Bedeutung der Wasserressourcen in der Region wider. Als Zeichen der Wertschätzung wurde der Königin ein Hof am Kozjak-See zugeschrieben, von dem aus sie über ihr Werk wachen konnte.

Plitvicer Seen (Foto: Ivo Biočina / CNTB).

Antike Baukunst und die Legende der Divic-grad

In der Hafenstadt Pula steht eines der bedeutendsten Denkmäler der römischen Antike: das Amphitheater, auch Arena von Pula genannt. Mit einer Kapazität von einst über 20.000 Zuschauern gehört es zu den größten erhaltenen Bauwerken dieser Art weltweit. Die Baugeschichte erstreckt sich über das 1. Jahrhundert nach Christus, wobei Kaiser Augustus und die flavische Dynastie als die maßgeblichen Initiatoren gelten. Die architektonische Besonderheit liegt in der fast vollständigen Erhaltung der Außenmauern aus Kalkstein.

Trotz der belegten römischen Herkunft hält sich in der Region Istrien hartnäckig die Legende der Feen von Pula. Diesen ätherischen Wesen wird nachgesagt, sie hätten das Bauwerk in einer einzigen Nacht aus Steinen errichtet, die sie vom Ucka-Gebirge herantrugen. Da Feen laut Volksglauben das Tageslicht meiden müssen, blieb das Gebäude unvollendet, als die ersten Sonnenstrahlen sie zur Flucht zwangen. Dies erklärt in der Mythologie das Fehlen eines Daches. Der Name Divic-grad, der heute noch vereinzelt für die Arena verwendet wird, verweist direkt auf diese wunderbare Entstehungsgeschichte und unterstreicht die Faszination, die dieses massive Bauwerk seit jeher auf die Bevölkerung ausübt.

Arena von Pula (Foto: Ivan Šardi / CNTB).

Feudale Konflikte und eine tragische Allianz in Dalmatien

Die Bucht von Kastela zwischen Split und Trogir ist bekannt für ihre wehrhaften Kastelle, die im 15. und 16. Jahrhundert zum Schutz gegen osmanische Angriffe errichtet wurden. In Kastel Luksic ist die Geschichte des Ortes jedoch eng mit dem Schicksal zweier adliger Familien verknüpft: den Vitturi und den Rusinic. Im 17. Jahrhundert wurde diese Gegend Schauplatz einer Liebesbeziehung zwischen Miljenko Rusinic und Dobrila Vitturi, die aufgrund einer tiefen Familienfehde keine gesellschaftliche Akzeptanz fand.

Die historischen Parallelen zum literarischen Stoff von Romeo und Julia sind unverkennbar. Nach zahlreichen Versuchen der Familien, das Paar durch Klöster und Auslandsaufenthalte zu trennen, kam es scheinbar zur Versöhnung. Die folgende Hochzeit endete jedoch in einer Katastrophe, als Dobrilas Vater seinen Schwiegersohn unmittelbar nach der Zeremonie tötete. Das Grabmal in der kleinen Kirche St. Johann in Rusinac ist heute ein stilles Zeugnis dieser Epoche. Die jährlichen Festspiele in Kastela halten die Erinnerung an dieses soziale Drama aufrecht, das exemplarisch für die starren gesellschaftlichen Strukturen und die Ehrengerichtsbarkeit des damaligen Adels steht.

Widerstand an der Cetina und das Erbe der Mila Gojsalic

Südlich von Split liegt die Stadt Omis, die durch ihre strategische Lage an der Mündung der Cetina bekannt wurde. Die Region war über Jahrhunderte ein Zentrum des Widerstands gegen fremde Mächte, insbesondere gegen das Osmanische Reich. Eine zentrale Figur in der lokalen Geschichtsschreibung ist Mila Gojsalic. Im Jahr 1530 soll sie maßgeblich zur Verteidigung der Republik Poljica beigetragen haben.

Der Legende nach infiltrierte sie das Lager des osmanischen Heerführers Ahmed-Pascha. Durch eine strategische List gelang es ihr, das Pulvermagazin der Invasoren zu sprengen, was zur Dezimierung des feindlichen Heeres führte, jedoch auch ihren eigenen Tod zur Folge hatte. Ob sie bei der Explosion starb oder sich von den Klippen in die Cetina stürzte, bleibt Gegenstand verschiedener Erzählstränge. Das Monument von Ivan Mestrovic, das heute über der Schlucht thront, fungiert als nationales Symbol für Standhaftigkeit. Es verdeutlicht die historische Bedeutung der Republik Poljica, die als eine der wenigen Regionen eine Form der frühen bäuerlichen Selbstverwaltung und Demokratie praktizierte.

Kontinuität und kulturelle Identität

Die Analyse dieser Erzählungen zeigt, dass die kroatische Geschichte weit mehr ist als eine chronologische Abfolge von Herrschaftsperioden. Die Legenden fungieren als ein Bindeglied, das die physischen Monumente mit den Werten und Erfahrungen der Menschen verknüpft. Sie transformieren geographische Gegebenheiten und architektonische Leistungen in Orte der kollektiven Erinnerung.

In einer Zeit, in der historische Fakten oft im Vordergrund stehen, bieten diese Überlieferungen einen Einblick in die psychologische und soziale Verfassung vergangener Epochen. Sie erzählen von der Sehnsucht nach Gerechtigkeit, der Bewunderung für außergewöhnliche Taten und dem Umgang mit menschlichen Tragödien. Die Bauwerke und Landschaften Kroatiens bleiben somit nicht nur Zeugen der Vergangenheit, sondern aktive Träger einer lebendigen Tradition, die bis in die Gegenwart hineinreicht und das Selbstverständnis der Region maßgeblich prägt.

Heldin Mila Gojsalić (Foto: Zoran Jelača / CNTB).
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