Ein weitreichender Korruptionsskandal innerhalb der kasachischen Luftfahrtindustrie hat am Bezirksgericht Almaly in Almaty zu ersten harten Urteilen geführt. Im Zentrum des Verfahrens standen drei hochrangige Mitarbeiter der nationalen Fluggesellschaft Air Astana und ihrer Tochtergesellschaft FlyArystan, denen die systematische Veruntreuung und Unterschlagung anvertrauter Gelder sowie deren anschließende Legalisierung vorgeworfen wurde.
Das Gericht sah es als erwiesen an, dass die Angeklagten über einen Zeitraum von fünf Jahren, zwischen 2019 und 2024, beträchtliche Summen aus dem Unternehmen entwendet und für den Erwerb von Immobilien und beweglichen Gütern genutzt haben. Die Urteilssprüche sehen langjährige Freiheitsstrafen von bis zu neun Jahren sowie die Einziehung des gesamten Privatvermögens vor. Während die Verurteilten ihre Unschuld beteuerten, enthüllten die Verteidigung und belastende Zeugenaussagen im Prozessverlauf ein mutmaßliches Schattennetzwerk innerhalb der Airline-Führung, das weit über die ursprünglichen Anklagepunkte hinausgeht. Der Fall hat eine nationale Debatte über Transparenz und Vetternwirtschaft bei staatlich geführten Unternehmen in Kasachstan ausgelöst.
Struktur der Veruntreuung und gerichtliche Feststellungen
Die Ermittlungen des Gerichts in Almaty konzentrierten sich auf die Aktivitäten der Manager E. und I. sowie des Abteilungsleiters A., die innerhalb der hierarchischen Struktur von Air Astana Schlüsselpositionen besetzten. Laut offiziellen Dokumenten der Justizbehörden nutzten die Beschuldigten ihre Befugnisse, um finanzielle Mittel der Airline in Millionenhöhe umzuleiten. Der Gesamtschaden wird auf über eine Milliarde Tenge geschätzt. Die Beweisaufnahme ergab, dass die illegal erlangten Gelder durch komplexe Transaktionen gewaschen wurden, um sie anschließend in luxuriöse Privatgüter zu investieren.
Das Gerichtsurteil, das am 19. Januar 2026 bekannt gegeben wurde, fiel entsprechend drakonisch aus. I. und A. wurden nach mehreren Artikeln des Strafgesetzbuches der Republik Kasachstan – insbesondere wegen Unterschlagung in besonders großem Umfang und Geldwäsche – zu jeweils acht Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Der Angeklagte E. erhielt aufgrund seiner zentralen Rolle eine Freiheitsstrafe von neun Jahren. Das Gericht ordnete zudem die vollständige Beschlagnahmung der durch die Straftaten erworbenen Vermögenswerte an. Da das Urteil zum aktuellen Zeitpunkt noch nicht rechtskräftig ist, wird erwartet, dass die Verteidigung Berufung einlegt, zumal die Angeklagten im gesamten Prozessverlauf jede Schuld von sich gewiesen hatten.
Enthüllungen über ein geheimes Ticketsystem
Eine unerwartete Wendung nahm der Prozess durch die Aussagen von Renat Abulkhanov, einem der Hauptbeschuldigten und ehemaligen Abteilungsleiter bei der Low-Cost-Tochter FlyArystan. In einer öffentlichen Verteidigungsstrategie behauptete Abulkhanov, dass das identifizierte finanzielle Defizit nicht allein auf individuellen Diebstahl zurückzuführen sei, sondern durch ein intern installiertes System von Sonderrabatten für Privilegierte mitverursacht wurde. Seine Verteidigung veröffentlichte Screenshots privater Korrespondenz, die belegen sollen, dass Familienmitglieder der obersten Führungsriege, hochrangige Beamte und ausgewählte Journalisten über Jahre hinweg Flugtickets zu Bruchteilen des Marktpreises erhielten.
Besonderes Aufsehen erregte die namentliche Nennung von Tatyana Foster, der Ehefrau des langjährigen Konzernchefs Peter Foster. Laut der veröffentlichten Korrespondenz gab es angeblich einen separaten Bereich im Buchungssystem, zu dem Mitarbeiter manuell Zugang zu Kleinstpreisen freischalteten, sobald entsprechende „Anfragen“ aus der Führungsebene eingingen. Während normale kasachische Bürger über massiv gestiegene Flugpreise klagten, sollen bevorzugte Personenkreise das offizielle System umgangen haben. Diese Praktiken könnten nach kasachischem Recht unter den Artikel 250 – Amtsmissbrauch – fallen, was die Ermittlungen nun auf weitere Teile des Managements ausweiten könnte.
Der strategische Kontext und personelle Konsequenzen
Der Skandal bricht zu einem kritischen Zeitpunkt über die Fluggesellschaft herein. Erst kürzlich wurde bekannt, dass Peter Foster, der das Unternehmen über zwei Jahrzehnte lang prägte, im März 2026 von seinem Posten als CEO zurücktreten wird. Obwohl Präsident Kassym-Jomart Tokajew Foster in einem offiziellen Dankesbrief für seine Verdienste um die zivile Luftfahrt Kasachstans würdigte, werfen die aktuellen Gerichtsentwicklungen einen Schatten auf seine Amtszeit. Die Diskrepanz zwischen der öffentlichen Betonung moralischer Integrität und den vor Gericht präsentierten Beweisen über manuelle Eingriffe in die Preisgestaltung sorgt für erheblichen öffentlichen Unmut.
Air Astana reagierte auf die Vorwürfe des ehemaligen Mitarbeiters Abulkhanov und betonte, dass man die Aufarbeitung der finanziellen Unregelmäßigkeiten konsequent vorantreibe. Die Airline versucht derzeit, ausstehende Zahlungen in Milliardenhöhe einzutreiben, die durch das Ticketchaos und die Veruntreuungen entstanden sind. Juristische Experten weisen darauf hin, dass die Fluggesellschaft durch diesen Prozess einen massiven Reputationsschaden erleidet, der auch die zukünftige Privatisierungsstrategie und internationale Investitionen beeinflussen könnte. Das Gericht muss nun in weiteren Verhandlungen klären, inwieweit das Management von den manipulierten Tarifen wusste oder diese gar aktiv einforderte.
Luftverkehr in Kasachstan vor dem Umbruch
Die zivile Luftfahrt in Kasachstan steht durch diesen Kriminalfall vor einer Zäsur. Während die Verurteilung der drei Manager ein Signal gegen die Straflosigkeit von Wirtschaftskriminalität setzt, deuten die Enthüllungen über die „Sonderaufträge“ auf tief verwurzelte strukturelle Probleme hin. Der Vorwurf, dass normale Passagiere durch überhöhte Ticketpreise die Vergünstigungen für eine VIP-Elite subventionieren mussten, wiegt schwer. Die nationale Airline wird sich nach dem Führungswechsel im Frühjahr 2026 neu positionieren müssen, um das Vertrauen der Öffentlichkeit und der Behörden zurückzugewinnen.
Der Ausgang des Berufungsverfahrens wird darüber entscheiden, ob die verurteilten Manager als Einzeltäter gelten oder ob das Verfahren der Auftakt zu einer umfassenderen Säuberungsaktion innerhalb der kasachischen Luftfahrtverwaltung ist. Die gerichtliche Dokumentation zeigt bereits jetzt, dass die digitale Nachverfolgbarkeit von Korrespondenz und Buchungsdaten zu einem mächtigen Werkzeug der Justiz geworden ist. Für Air Astana und FlyArystan bedeutet das Jahr 2026 nicht nur einen personellen Neuanfang an der Spitze, sondern auch die notwendige Einführung strikterer Compliance-Regeln, um künftigen Amtsmissbrauch und Veruntreuung systematisch auszuschließen.