Die Ausbaupläne der Deutschen Bahn erleiden einen herben Rückschlag. Wie aus aktuellen Berichten des Bundesverkehrsministeriums hervorgeht, klafft in der Finanzierung wichtiger Schienenprojekte bis zum Jahr 2029 eine Lücke von insgesamt zwei Milliarden Euro. Dies hat zur Folge, dass fünf bereits vollständig durchgeplante und baureife Vorhaben vorerst auf Eis gelegt werden müssen.
Besonders betroffen ist die Region Rhein-Main: Die sogenannte Wallauer Spange, ein strategisch entscheidendes Verbindungsstück zwischen Wiesbaden und dem Frankfurter Flughafen, kann mangels finanzieller Zusagen des Bundes nicht realisiert werden. Damit rückt das Ziel einer deutlichen Reisezeitverkürzung auf dieser hochfrequentierten Strecke in weite Ferne. Die Entscheidung unterstreicht die massiven budgetären Herausforderungen, vor denen die Infrastrukturpolitik der Bundesregierung derzeit steht, und wirft Fragen zur langfristigen Priorisierung des Schienenausbaus auf.
Die Wallauer Spange als strategisches Nadelöhr
Unter dem Motto kurze Strecke, große Wirkung wird die Wallauer Spange seit Jahren als eines der effizientesten Projekte im deutschen Schienennetz gehandelt. Es handelt sich dabei um lediglich vier Schienenkilometer, die den Wiesbadener Ast der Schnellfahrstrecke Köln-Rhein/Main mit dem Frankfurter Ast verknüpfen sollen. Technisch betrachtet würde diese Neubaustrecke eine direkte Verbindung schaffen, die den bisherigen zeitaufwendigen Umweg über das Mainzer Becken oder das Frankfurter Kreuz überflüssig macht. Die Deutsche Bahn prognostizierte durch diesen Lückenschluss eine Halbierung der Fahrzeit zwischen dem Wiesbadener Hauptbahnhof und dem Fernbahnhof des Frankfurter Flughafens auf nur noch 16 Minuten.
Derzeit benötigen ICE-Züge für diese Relation etwa 30 bis 35 Minuten. Die Zeitersparnis würde nicht nur den Pendlern und Geschäftsreisenden aus der hessischen Landeshauptstadt zugutekommen, sondern das gesamte regionale Verkehrsgefüge entlasten. Da die Strecke zudem eine bessere Einbindung Wiesbadens in das nationale Fernverkehrsnetz ermöglichen würde, gilt sie als Schlüsselprojekt für die Standortattraktivität des Rhein-Main-Gebiets. Trotz der abgeschlossenen Planfeststellungsverfahren und der vorliegenden Baureife bleibt der erste Spatenstich nun auf unbestimmte Zeit ausgesetzt.
Finanzielle Engpässe im Bundeshaushalt
Die Ursache für den plötzlichen Stopp liegt in der angespannten Haushaltslage des Bundes. Eine Kleine Anfrage im Bundestag brachte ans Licht, dass das Verkehrsministerium unter der Führung von Bundeskanzler Friedrich Merz und seinem Kabinett mit erheblichen Deckungslücken im Bereich der Schieneninfrastruktur zu kämpfen hat. Bis 2029 fehlen nach aktuellen Berechnungen zwei Milliarden Euro, um alle bereits zugesagten oder baureifen Projekte finanzieren zu können. Diese Lücke ist das Ergebnis steigender Baukosten, hoher Zinsen und einer generellen Neuordnung der budgetären Prioritäten im Bundeshaushalt 2025 und 2026.
Das Verkehrsministerium sieht sich gezwungen, eine Priorisierung vorzunehmen, bei der laufende Instandhaltungsmaßnahmen am Bestandsnetz Vorrang vor Neubauprojekten haben. Für die Wallauer Spange bedeutet dies, dass die für den Baustart notwendigen Verpflichtungsermächtigungen nicht erteilt werden können. Ohne diese rechtliche Absicherung der Finanzierung darf die Deutsche Bahn keine Bauverträge mit externen Unternehmen abschließen. Die bereits investierten Millionen für die Planung und Vorbereitung des Geländes drohen somit vorerst zu versickern, während die Infrastruktur auf dem Stand der 1990er Jahre verharrt.
Auswirkungen auf weitere Bahnprojekte bundesweit
Die Wallauer Spange ist kein Einzelfall. Insgesamt fünf Projekte, die als unmittelbar umsetzbar galten, sind von der Finanzierungssperre betroffen. Dazu zählen unter anderem Ausbaumaßnahmen in Norddeutschland und Optimierungen an wichtigen Güterverkehrskorridoren. Experten warnen davor, dass ein Aufschub dieser Projekte langfristig zu noch höheren Kosten führen wird. Baumaschinen und personelle Kapazitäten, die für diese Vorhaben reserviert waren, müssen nun anderweitig eingesetzt werden, was bei einer späteren Wiederaufnahme der Projekte zu neuen Verzögerungen und Preissteigerungen führen dürfte.
Die Deutsche Bahn selbst befindet sich in einer schwierigen Lage. Einerseits wird von der Konzernleitung verlangt, die Pünktlichkeit und Kapazität des Netzes massiv zu steigern, andererseits werden die dafür notwendigen Mittel durch den Bund gedeckelt. Die Unvorhersehbarkeit der Finanzflüsse erschwert eine seriöse Bauplanung. In der Branche wird befürchtet, dass der jetzige Stopp ein Signal für eine generelle Investitionsmüdigkeit im Schienensektor sein könnte, während der Straßenbau in anderen Budgettöpfen oft stabiler finanziert wird.
Reaktionen aus Politik und Wirtschaft
In der Region Wiesbaden und Frankfurt ist die Enttäuschung über die Nachricht groß. Wirtschaftsverbände betonen, dass die Anbindung an einen der größten europäischen Flughäfen ein entscheidender Wettbewerbsfaktor sei. Die Halbierung der Fahrzeit hätte die Attraktivität Wiesbadens als Wohn- und Wirtschaftsstandort gestärkt und den Flughafen für Passagiere aus dem Westen besser erreichbar gemacht. Lokale Politiker fordern nun vom Bund, die Entscheidung zu überdenken und alternative Finanzierungsmodelle, etwa über Infrastrukturfonds oder öffentlich-private Partnerschaften, zu prüfen.
Kritik kommt auch von den Oppositionsparteien im Bundestag. Sie werfen der Regierung vor, die Zukunft des Schienenverkehrs durch eine kurzfristige Haushaltspolitik zu gefährden. Wenn baureife Projekte nicht umgesetzt werden, verliere man nicht nur Zeit, sondern auch das Vertrauen der Bauindustrie, die sich auf die zugesagten Investitionsprogramme verlassen habe. Das Verkehrsministerium verteidigt den Kurs hingegen als notwendige Haushaltsdisziplin in Zeiten wirtschaftlicher Neuorientierung. Man konzentriere sich nun auf die Generalsanierung der Hochleistungskorridore, um das bestehende Netz erst einmal wieder stabil zu betreiben.
Langfristige Folgen für das Netzkonzept 2030
Die Aussetzung der Projekte hat unmittelbare Auswirkungen auf das Ziel des Deutschlandtakts. Dieses Konzept sieht vor, Züge bundesweit so aufeinander abzustimmen, dass kurze Umsteigezeiten und regelmäßige Takte entstehen. Projekte wie die Wallauer Spange sind integrale Bestandteile dieses Puzzles. Fehlt ein Teil, gerät die gesamte Taktplanung für Südhessen und die angrenzenden Bundesländer ins Wanken. Anschlussverbindungen in Wiesbaden oder am Frankfurter Flughafen können nicht wie geplant optimiert werden, da die physische Verbindung der Gleise fehlt.
Für die Fahrgäste bedeutet dies, dass sie weiterhin mit den gewohnten Fahrzeiten kalkulieren müssen. Die Hoffnung auf eine Entlastung der Autobahnen A66 und A3 durch ein attraktiveres Schienenangebot schwindet vorerst. Da der Baustart nun frühestens nach 2029 erfolgen könnte, sofern die Finanzierung dann gesichert ist, wird eine Inbetriebnahme der Strecke wohl nicht vor der Mitte der 2030er Jahre erfolgen. Bis dahin bleibt die Infrastrukturlücke zwischen der Landeshauptstadt und dem Luftfahrtdrehkreuz bestehen.