Die spanische Zivilluftfahrtbehörde hat der Fluggesellschaft Air Europa sieben wöchentliche Flugfrequenzen für die prestigeträchtige Verbindung zwischen Barcelona und Istanbul zugesprochen. Damit setzt die Airline ihren Expansionskurs in Richtung Osten fort, nachdem sie bereits im Mai 2025 erfolgreich eine Direktverbindung von Madrid in die türkische Metropole etabliert hatte.
Die Zuweisung erfolgt in einer Phase intensiven Wachstums des Luftverkehrsmarktes zwischen der iberischen Halbinsel und dem Bosporus, der durch eine gesteigerte Nachfrage im Tourismus sowie durch engere wirtschaftliche Verflechtungen beider Länder angetrieben wird. Neben Air Europa bauen auch Wettbewerber wie Vueling sowie die türkischen Anbieter Turkish Airlines und AJet ihre Kapazitäten massiv aus. Ein besonderer Faktor bei der strategischen Neuausrichtung von Air Europa ist die Beteiligung von Turkish Airlines an dem spanischen Unternehmen, was den Weg für eine engere operative Abstimmung und die Nutzung gegenseitiger Zubringereffekte ebnet.
Wachstumsvektor Mittelost statt Lateinamerika
Traditionell war das Geschäftsmodell von Air Europa stark auf die Verbindung von Westeuropa mit den Märkten in Lateinamerika fokussiert. Das Drehkreuz in Madrid-Barajas diente jahrelang als zentrales Bindeglied für Passagiere aus der Region, die den Atlantik überqueren wollten. Die jüngsten Entwicklungen markieren jedoch einen signifikanten Strategiewechsel. Der Einstieg von Turkish Airlines, die im Jahr 2025 einen Anteil von 26 Prozent am Eigenkapital von Air Europa erwarb, hat neue kommerzielle Horizonte eröffnet. Die nun zugewiesenen Frequenzen ab Barcelona ermöglichen es der Airline, ihre Präsenz auf dem türkischen Markt zu verdoppeln und ein zweites spanisches Standbein für diese Region aufzubauen.
Die Expansion begann moderat mit vier wöchentlichen Flügen ab Madrid, wurde jedoch aufgrund der hohen Auslastung rasch auf eine tägliche Verbindung hochgestuft. Mit den sieben neuen Frequenzen für die Strecke Barcelona-Istanbul kann Air Europa nun auch im katalanischen Markt direkt mit etablierten Anbietern konkurrieren. Branchenkenner sehen darin den Versuch, die Abhängigkeit vom volatilen Südamerika-Geschäft zu verringern und stattdessen von den stabilen Passagierströmen im Mittelmeerraum und dem Mittleren Osten zu profitieren.
Dynamik im spanisch-türkischen Luftverkehrsmarkt
Das Jahr 2025 entwickelte sich zu einem Rekordjahr für die Flugverbindungen zwischen Spanien und der Türkei. Mehrere neue Direktverbindungen wurden initiiert, um dem gesteigerten Verkehrsaufkommen gerecht zu werden. Turkish Airlines eröffnete im September 2025 die erste Nonstop-Verbindung zwischen Istanbul und Sevilla. Nur einen Monat später folgte die Tochtergesellschaft AJet mit neuen Routen von Ankara-Esenboga sowohl nach Madrid als auch nach Barcelona. Diese Entwicklung zeigt, dass das Interesse nicht mehr nur auf die primären Hubs beschränkt ist, sondern zunehmend auch sekundäre Ziele in beiden Ländern in den Fokus rücken.
Besonders aggressiv agiert derzeit der Billigflieger Vueling, eine Tochter der International Airlines Group. Vueling startete seine Verbindung zwischen Barcelona und Istanbul zunächst mit drei wöchentlichen Flügen, steigerte die Frequenz jedoch innerhalb kürzester Zeit auf einen täglichen Dienst. Für den Sommer 2026 plant Vueling bereits eine weitere Aufstockung auf insgesamt 13 wöchentliche Flüge. Dies verdeutlicht den enormen Druck auf dem Markt und die Notwendigkeit für Air Europa, sich durch die Sicherung eigener Kapazitäten rechtzeitig zu positionieren.
Rechtliche Rahmenbedingungen und Kapazitätsreserven
Grundlage für diese Ausweitung ist das bilaterale Luftverkehrsabkommen zwischen Spanien und der Türkei. Trotz des massiven Kapazitätsaufbaus gibt es nach wie vor Spielräume für weitere Expansionen spanischer Fluggesellschaften. Ende 2024 waren für spanische Carrier noch 25 wöchentliche Frequenzen auf der Strecke Barcelona-Istanbul verfügbar. Durch die jüngsten Zuweisungen an Air Europa und die Erhöhungen bei Vueling wurden davon mittlerweile elf Frequenzen in Anspruch genommen. Dennoch verbleiben Reserven: Auf der Strecke Madrid-Istanbul stehen spanischen Fluggesellschaften noch 35 freie Frequenzen pro Woche zur Verfügung, während für andere Routen zwischen den beiden Staaten insgesamt 14 wöchentliche Einheiten ungenutzt sind.
Diese Zahlen verdeutlichen, dass der regulatorische Rahmen derzeit kein Hindernis für das weitere Wachstum darstellt. Vielmehr liegt die Herausforderung für die Fluggesellschaften darin, die notwendigen Flugzeuge bereitzustellen und die Wirtschaftlichkeit auf den zunehmend umkämpften Strecken zu sichern. Das Überangebot an freien Frequenzen deutet darauf hin, dass die Behörden in den kommenden Jahren mit weiteren Anträgen rechnen, falls sich der positive Trend bei den Passagierzahlen fortsetzt.
Strategische Allianz mit Turkish Airlines
Ein zentrales Element für den Erfolg von Air Europa auf den neuen Routen ist die Kooperation mit Turkish Airlines. Professor Ahmed Bolat, der Vorstandsvorsitzende von Turkish Airlines, bestätigte am Rande einer Veranstaltung in Sevilla, dass beide Unternehmen künftig eine engere Abstimmung anstreben. Obwohl Details zu gemeinsamen Vermarktungsstrategien oder Code-Share-Abkommen noch nicht vollständig offengelegt wurden, liegt der Vorteil auf der Hand: Die Netzwerke beider Gesellschaften ergänzen sich nahezu ideal.
Während Air Europa über ein dichtes Netz in Spanien und weitreichende Verbindungen nach Amerika verfügt, bietet Turkish Airlines von ihrem riesigen Hub in Istanbul aus Anschlüsse in nahezu jeden Winkel Asiens und Afrikas. Durch die neue tägliche Verbindung ab Barcelona kann Air Europa spanische Passagiere effizient an das globale Netzwerk des Partners anbinden. Im Gegenzug profitiert Turkish Airlines von der stärkeren Präsenz in den wirtschaftlich bedeutenden Regionen Kataloniens und Zentralspaniens. Diese operative Allianz ermöglicht es beiden Partnern, als geschlossener Block gegen Konkurrenten wie die Lufthansa-Gruppe oder Air France-KLM aufzutreten.
Wirtschaftliche Bedeutung des Standorts Barcelona
Die Entscheidung für Barcelona als neuen Ausgangspunkt für die Istanbul-Route ist strategisch klug gewählt. Barcelona-El Prat ist nicht nur ein bedeutender Touristenmagnet, sondern auch ein wichtiger Industriestandort mit engen Handelsbeziehungen in den östlichen Mittelmeerraum. Viele spanische Unternehmen nutzen Istanbul als Tor zu den Märkten Zentralasiens. Zudem hat sich Barcelona zu einem bedeutenden Kreuzfahrthafen entwickelt, was zusätzlichen Bedarf an internationalen Flugverbindungen generiert.
Die Tatsache, dass sowohl Air Europa als auch Vueling ihre Kapazitäten in Barcelona massiv ausbauen, zeigt, dass die Nachfrage das Angebot bisher übersteigt. Durch die Zuweisung der sieben wöchentlichen Flüge stellt die Zivilluftfahrtbehörde sicher, dass Air Europa ein konkurrenzfähiges Produkt anbieten kann, das vor allem für Geschäftsreisende durch tägliche Frequenzen attraktiv ist. Ein Flugplan mit geringeren Frequenzen hätte es schwer gegen die hohe Dichte der Konkurrenzangebote zu bestehen.
Ausblick auf die Sommersaison 2026
Mit Blick auf das Jahr 2026 zeichnet sich eine weitere Intensivierung des Wettbewerbs ab. Wenn die Planungen von Vueling und die volle Inbetriebnahme der neuen Air-Europa-Frequenzen realisiert werden, wird sich das Flugangebot zwischen Barcelona und Istanbul fast verdoppeln. Dies dürfte zu einer Stabilisierung der Preise auf einem moderaten Niveau führen, was wiederum die Nachfrage weiter ankurbeln könnte.
Für Air Europa ist die Etablierung dieser Strecke ein entscheidender Test für die Tragfähigkeit der Partnerschaft mit Turkish Airlines. Sollte sich die Route ab Barcelona als profitabel erweisen, ist damit zu rechnen, dass die Airline auch die verbleibenden Kapazitätsreserven in Madrid oder auf anderen Strecken ins Auge fassen wird. Die Transformation von einer rein westlich orientierten Airline zu einem Akteur mit starken Verbindungen in den Osten ist in vollem Gange. Die Unterstützung durch die spanische Luftfahrtbehörde liefert hierfür die notwendige administrative Basis, um in einem dynamischen Marktumfeld bestehen zu können.