Die Entwicklung und Indienststellung des neuen Tankflugzeugs KC-46A Pegasus der US-Luftwaffe ist weiterhin von technischen Schwierigkeiten begleitet. Ein jüngster Zwischenfall, bei dem ein KC-46 während eines Betankungsmanövers vor der Ostküste der Vereinigten Staaten seinen Betankungsausleger verlor, hat die Debatte über die Zuverlässigkeit des Flugzeugs erneut entfacht.
Dieser Vorfall, der sich am 8. Juli 2025 ereignete und bei dem glücklicherweise keine Verletzungen oder Schäden an den empfangenden Flugzeugen zu verzeichnen waren, ist der zweite bekannte Vorfall dieser Art und wirft Fragen zur strukturellen Robustheit des Systems auf. Der KC-46 ist dazu bestimmt, das Rückgrat der US-Luftwaffe in der Luftbetankung zu bilden, doch anhaltende Probleme verzögern seine volle Einsatzbereitschaft und zwingen die Luftwaffe, ältere Modelle länger im Dienst zu halten.
Der jüngste Zwischenfall und seine Hintergründe
Am 8. Juli 2025 verlor ein KC-46A Pegasus, Rufzeichen FELL 81, welcher der 22. Luftbetankungsflügel auf der McConnell Air Force Base zugeordnet ist, seinen Betankungsausleger während einer Trainingsmission. Der Vorfall ereignete sich vor der Küste Virginias, Berichten zufolge während des Kontakts mit einem F-22 Raptor Kampfflugzeug. Das ATC-Audio, welches von The War Zone über LiveATC.net veröffentlicht wurde, belegt, daß die Besatzung nach der Ablösung des Auslegers einen Notfall im Flug erklärte und eine Umleitung beantragte. Die beteiligten F-22 Kampfflugzeuge kehrten sicher zur Joint Base Langley-Eustis zurück, während der KC-46 ohne weitere Zwischenfälle auf der Seymour Johnson AFB in North Carolina landete. Wie in der Einleitung erwähnt, wurden glücklicherweise keine Verletzungen oder Schäden an den empfangenden Flugzeugen gemeldet.
Dieser Vorfall markiert das zweite bekannte Ablösen eines Betankungsauslegers im Flug bei einem KC-46. Im August 2024 ereignete sich ein ähnliches Ereignis während einer Betankungsmission mit F-15E Strike Eagles über Kalifornien. Obwohl auch in diesem Falle keine Verletzungen gemeldet wurden, haben diese Vorfälle Bedenken hinsichtlich der strukturellen Widerstandsfähigkeit des Auslegersystems aufkommen lassen, insbesondere bei der Betankung von wendigen Kampfflugzeugen. Die Tatsache, daß das KC-46-Auslegersystem bereits eine Neugestaltung durchlaufen hat, um Steifigkeitsprobleme zu beheben, welche einen zuverlässigen Kontakt mit einigen Empfängern, einschließlich langsamerer Flugzeuge wie der A-10, verhinderten, verdeutlicht die Komplexität der technischen Herausforderung. Experten der Luftfahrtindustrie, wie sie beispielsweise in Fachzeitschriften wie „Aviation Week & Space Technology“ regelmäßig analysiert werden, betonen stets die kritische Bedeutung eines stabilen und zuverlässigen Betankungsauslegers für die Sicherheit und Effizienz von Luftbetankungsoperationen.
Anhaltende technische Schwierigkeiten und Programmverzögerungen
Der jüngste Auslegerverlust reiht sich ein in eine Liste von technischen Problemen, welche die Entwicklung des KC-46-Programms seit seiner Konzeption beeinträchtigt haben. Zu den wiederkehrenden Schwierigkeiten zählen Treibstofflecks, Fehlfunktionen der Laderaumverriegelung und strukturelle Risse. Anfang 2025 mußten die Auslieferungen des KC-46A vorübergehend gestoppt werden, nachdem Risse in strukturellen Komponenten nahe dem Höhenleitwerk des Flugzeugs entdeckt worden waren. Mindestens 23 Flugzeuge waren betroffen, obwohl Boeing die Reparaturen an den meisten dieser Maschinen inzwischen abgeschlossen hat. Trotz dieser Rückschläge wird der KC-46 weiterhin von der US-Luftwaffe im Rahmen einer Vereinbarung abgenommen, welche Lieferungen erlaubt, während Entwicklungsprobleme behoben werden. Diese sogenannte „category 1 deficiency“ ermöglicht es, daß Flugzeuge ausgeliefert werden können, auch wenn bekannte Mängel vorliegen, welche im Laufe der Zeit behoben werden müssen.
Ein weiteres zentrales Problem ist die verzögerte Einführung des Remote Vision System 2.0 (RVS 2.0). Dieses neu gestaltete System aus Kameras und Sensoren wird von den Auslegerbedienern zur Steuerung der Betankungsvorgänge verwendet. Während die Auslieferungen des RVS 2.0 im April 2025 begonnen haben, wird eine vollständige Integration nicht vor Ende des Fiskaljahres 2027 erwartet. Das ursprüngliche RVS-System wurde für seine schlechte Bildqualität kritisiert, insbesondere unter schwierigen Lichtverhältnissen. Ein Bericht des Government Accountability Office (GAO) aus dem Jahre 2024 hob hervor, daß das RVS als ein „Critical Deficiency“ eingestuft wurde, da es die Fähigkeit des Betankungspersonals beeinträchtigte, sichere und effiziente Betankungen durchzuführen. Die Behebung dieser Mängel ist entscheidend für die volle Einsatzbereitschaft und Akzeptanz des KC-46 in der Flotte.
Die Zukunft der Luftbetankung: KC-46 und KC-135
Boeing hat bisher über 75 KC-46 an die US-Luftwaffe ausgeliefert. Das Flugzeug ist dazu bestimmt, das Rückgrat der Tankerflotte der US-Luftwaffe zu bilden und ältere KC-135 und KC-10 Flugzeuge zu ersetzen. Die KC-10 Extender, eine Modifikation der McDonnell Douglas DC-10, wurde bereits schrittweise aus dem Dienst genommen, zuletzt im September 2024, als die letzte KC-10 außer Dienst gestellt wurde. Diese Flugzeuge hatten über vier Jahrzehnte lang eine entscheidende Rolle bei der globalen Mobilität der US-Luftwaffe gespielt.
Aufgrund der anhaltenden Verzögerungen und Fähigkeitslücken im KC-46-Programm erwartet die US-Luftwaffe jedoch nun, einen Teil ihrer KC-135 Stratotanker-Flotte weit über die ursprünglichen Pläne hinaus bis in die 2050er Jahre im Dienst zu behalten. Die KC-135, ursprünglich in den späten 1950er Jahren eingeführt, hat im Laufe der Jahrzehnte zahlreiche Modernisierungsbemühungen durchlaufen, um ihre Lebensdauer zu verlängern und ihre Fähigkeiten aufrechtzuerhalten. Ein Bericht der Rand Corporation aus dem Jahre 2023, welcher sich mit der Zukunft der US-Luftbetankung befaßt, stellte fest, daß die Beibehaltung älterer Tanker notwendig sei, um die Lücke zu schließen, bis eine ausreichende Anzahl von KC-46 verfügbar ist und die Fähigkeit der nächsten Generation von Tankern, bekannt als KC-Z, entwickelt ist.
Die US-Luftwaffe hatte ursprünglich geplant, die KC-46 solle die KC-135 vollständig ersetzen. Jedoch machen die wiederkehrenden technischen Rückschläge und die Abwesenheit eines Tankers der nächsten Generation (KC-Z) einen vollständigen Phasenwechsel auf absehbare Zeit unwahrscheinlich. Gemäß Planungsdokumenten des Air Mobility Command könnte die Beibehaltung älterer Tanker bis Mitte des 21. Jahrhunderts notwendig sein, um den operativen Bedarf zu decken. Dies unterstreicht die anhaltende Abhängigkeit von einer alternden Flotte, während die neuen Systeme noch nicht die volle Reife erreicht haben. Während Frankreich seine letzten KC-135 Tanker nach 60 Dienstjahren bereits ausgemustert hat, bleibt die US-Luftwaffe auf diese bewährten, aber in die Jahre gekommenen Flugzeuge angewiesen, um ihre globalen Einsatzanforderungen zu erfüllen.
Ausblick und Herausforderungen
Die Vorfälle mit dem KC-46 werfen wichtige Fragen zur Zuverlässigkeit und zur strategischen Planung der Luftbetankungsfähigkeiten der US-Luftwaffe auf. Während Boeing und die Luftwaffe weiterhin an der Lösung der technischen Probleme arbeiten, bleibt die Notwendigkeit einer robusten und zuverlässigen Tankerflotte bestehen. Die Luftbetankung ist ein kritischer Faktor für die globale Reichweite und die Einsatzfähigkeit moderner Luftstreitkräfte. Jede Einschränkung in dieser Fähigkeit kann weitreichende Auswirkungen auf die nationale Sicherheit und die Projektion von Macht haben.
Die kontinuierliche Behebung von Mängeln, die vollständige Integration des RVS 2.0 und die Sicherstellung der strukturellen Integrität des Betankungsauslegers sind entscheidende Schritte, um das Vertrauen in den KC-46 als das zukünftige Rückgrat der US-Tankerflotte wiederherzustellen. Gleichzeitig müssen die Planer der Luftwaffe die Realität berücksichtigen, daß die KC-135 noch viele Jahre im Dienst bleiben wird, was weitere Investitionen in Wartung und Modernisierung dieser älteren Flugzeuge erfordert. Die Herausforderung besteht darin, eine ausgewogene Strategie zu finden, welche die Entwicklung neuer Technologien vorantreibt, während gleichzeitig die operativen Anforderungen durch die bestehende Flotte erfüllt werden. Der Weg zur vollständigen Einsatzbereitschaft des KC-46 ist noch lang und wird weiterhin sorgfältige Aufmerksamkeit und erhebliche Investitionen erfordern.