Kommentar: Ready2Fly – Wenn die Bordkarte nach dem Abflug kommt…

Embraer 170 (Foto: Robert Spohr).
Embraer 170 (Foto: Robert Spohr).

Kommentar: Ready2Fly – Wenn die Bordkarte nach dem Abflug kommt…

Embraer 170 (Foto: Robert Spohr).
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Einige Fluggesellschaften, darunter auch Air France, bieten das Vorab-Einreichen von „Corona-Unterlagen“ an. Das Versprechen der Airlines: Das Reisen soll durch den digitalen Dokumentencheck vereinfacht werden. Allerdings kann dies auch ad-absurdum geführt werden.

Air France schickt ein paar Tage vor dem Abflug eine Einladung zur Teilnahme am so genannten Read2Fly-Programm. Die Passagiere laden ihren Impf-, Genesungs-, und/oder Testnachweis sowie – falls erforderlich – die ausgefüllten Einreisedokumente hoch und sollen – sofern alles passt – dann einen Vermerk auf die Bordkarte bekommen. Diese soll man dann online oder über das Smartphone erhalten, so dass bei Reisenden ohne Aufgabegepäck der Gang zum Check-in-Schalter entfällt. Soweit die Theorie.

In der Praxis kann es aber unrund laufen und zwar dann, wenn die elektronische Bordkarte erst rund eine Stunde nach dem Start des Flugzeugs zugeschickt wird. Somit bleibt Reisenden nichts anderes übrig als sich am Check-in-Schalter anzustellen. Wenn dann der Counter-Agent ausschließlich am Reisepass interessiert ist und die „Corona-Dokumente“ gar nicht „kontrolliert“, wirkt es schon ein wenig absurd.

Es kann ja mal etwas schief gehen, denn die digitalen Prüfverfahren sind recht neu und die Nutzung durch die Reisenden ist stark schwankend, so dass der Personalbedarf im Hintergrund schwer kalkulierbar ist. Doch unabhängig davon, ob man nun den „Ready2Fly“-Vermerk auf der Bordkarte hat oder nicht, lässt sich das Bodenpersonal beim Boarding die „Corona-Dokumente“ zeigen oder eben nicht. Ganz unabhängig davon, ob man mit Air France oder einer anderen Airline fliegt: Es hängt sehr stark vom jeweiligen Airport und der aktuellen Laune des Boarding-Personals ab. Mal prüft man penibel genau und mal ist das Interesse gleich null. Erinnerung aus der Vergangenheit: Genau so verhielt es sich vor der Corona-Pandemie auch mit dem Vorzeigen des Reisepasses direkt am Gate.

Wenn das Personal trödelt, verspätet sich der Flug

Doch zurück zu Air France: Während das Bodenpersonal im österreichischen Wien nur oberflächlich schaute, ob nebst Bordkarte und Reisepass auch weitere Zettel in Papierform oder auf dem Smartphone vorhanden sind, ist man in Paris-CDG genauer. Penibel genau werden die Unterlagen gesichtet und zwar so genau, dass sich das Boarding auf einem von zwei Flügen dermaßen in die Länge zog, dass der Kapitän an Bord wiederholte Durchsagen machte. Warum? Das Boarding startete pünktlich, aber die „Dokumentenkontrollen“ wurden so penibel und langsam durchgeführt, dass 20 Minuten nach der Blocktime noch immer nicht alle Passagiere an Bord waren.

Was hätte der Flugkapitän also machen sollen? Tür zu und Abflug, obwohl die Reisenden pünktlich am Gate waren und sich schon länger die Beine plattgestanden haben? Air France hätte in diesem Fall jeden einzelnen Passagier, der seinen Flug verpasst hätte, entschädigen müssen. Ganz abgesehen davon: Der Image-Schaden wäre wohl enorm, wenn man einfach nicht mitgenommen wird, weil das Bodenpersonal das Boarding im Schneckentempo durchführt.

Somit entschied sich der verantwortliche Kapitän für das Abwarten und hielt jene Fluggäste, die bereits an Bord darauf warteten, dass der Airbus A319 endlich zum Gate rollt, mit regelmäßigen, humorvollen Durchsagen bei Laune. „Ich weiß nicht wie oft Sie heute noch Ihre Corona-Dokumente vorzeigen müssen, aber wenn es noch länger dauert, könnten wir überlegen, ob wir aussteigen und am Vorfeld ein paar Fitness-Übungen machen. Leider hat das Wetter etwas dagegen, denn wie Sie durchs Fenster sehen können, regnet es in Strömen. Aber ich habe auch gute Nachrichten für Sie: In Wien ist laut Wetterbericht strahlender Sonnenschein und zumindest den Regenschirm werden Sie nicht brauchen.“

Drei von vier Air France Flüge überpünktlich

Sicherlich ist die geschilderte Situation nicht der Regelfall, sondern eher die Ausnahme, denn auf vier Air-France-Flügen entstand nur auf einem eine Verspätung aufgrund penibler und langsamer Sichtung der „Corona-Unterlagen“. Die übrigen drei Flüge sind überpünktlich abgeflogen und deutlich vor der Blocktime, die auf den Buchungsunterlagen ersichtlich ist, angekommen. Das hängt sicherlich auch damit zusammen, dass auf den drei pünktlichen Flügen das Boarding zügig durchgeführt wurde, denn auch diese drei Verbindungen waren fast vollständig ausgebucht.

Dennoch stellt man sich als Reisender die Frage wozu man eigentlich „Corona-Unterlagen“ vorab einreichen soll, wenn die Prüfung nicht rechtzeitig abgeschlossen werden kann und das nicht nur einmal, sondern auf allen vier Flügen und somit der Gang zum Check-In-Schalter zur Abholung der Bordkarte notwendig ist. Air France gibt auf vielen Strecken keine Bordkarte mehr aus, sondern eine „Check-in-Bestätigung“. Mit dieser, dem Reisepass und den „Corona-Unterlagen“ soll man dann zum Check-in-Schalter kommen. Genau das sollte aber das „Read2Fly“-Programm ersparen. Wenn es denn so funktionieren würde, wie die Airline verspricht.

Statt Zeit und Warteschlangen sparen sieht das Szenario bei Umsteigeflügen via Paris-Charles de Gaulle so aus: Online-Einreichen der Unterlagen, Web-Check-in, Anstellen am Counter zur Abholung der Bordkarte und vorzeigen der „Corona-Unterlagen“, falls sich der Agent dafür interessiert, Vorzeigen der „Corona-Unterlagen“ beim Boarding des Zubringers, Vorzeigen selbiger Papiere beim Boarding des Weiterflugs und erneutes Vorweisen bei einer behördlichen Kontrolle am Zielort. Und jetzt wird es absurd: Beide Zielländer haben gar keine Auflage an die Airlines erteilt, dass diese die Dokumente prüfen sollen, denn die Einreise ist auch ohne Unterlagen zulässig, jedoch muss dann innerhalb von 24 Stunden eine Testung vorgenommen werden…

Austrian Airlines und Eurowings können „digitale Dokumentenkontrolle“ besser

Das Ready2Fly-Programm von Air France ist eine gute Idee, jedoch ist es nicht wirklich nützlich, wenn die Bordkarten nach dem Abflug zugeschickt werden und Passagiere keinen praktischen Nutzen haben, denn Anstehen am Schalter weiterhin erforderlich ist. Das können andere Airlines, beispielsweise Eurowings und Austrian Airlines, wesentlich besser, denn diese haben es im Praxistest wiederholt geschafft, dass nach dem Einreisen der Dokumente die Bordkarten elektronisch zugeschickt werden.

Generell – und das ist nicht spezifisch auf Air France bezogen – stellt sich die Frage, ob es sinnvoll ist, dass dermaßen unterschiedlich „kontrolliert“ wird oder auch gar nicht. Vieles ist abhängig vom Abflugsort und der Laune des Bodenpersonals. Mal wird penibel und langsam gesichtet und gar Verspätungen werden in Kauf genommen, während „andere Kollegen“ die Dokumente überhaupt nicht anschauen.

So richtig kurios ist es übrigens auf dem Flughafen Malta: Alle Passagiere müssen vor dem Betreten des Sicherheitsbereichs am Check-in-Schalter mit ihren „Corona-Unterlagen“ antanzen. Andernfalls wird der Zutritt verweigert, sprich man kommt nicht mal bis zur „Siko“. Hier lauert bei den Billigfliegern Wizz Air und Ryanair sogar keine Kostenfalle, denn wer meint, dass man ja eh sowieso zum Schalter muss und daher nicht übers Web eincheckt, wird von den Lowcostern zur Kasse gebeten. Kreuzt man aber mit Boardkarte am Smartphone oder ausgedruckt auf, weist Pass und „Corona-Unterlagen“ vor, gibt es ein „Small Paper“ und somit den Zutritt zum Sicherheitsbereich. Tipp: Bei Billigfliegern immer übers Web einchecken und zwar unabhängig davon, ob man noch zum Schalter muss oder nicht.

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Jan Gruber ist Leitender Redakteur von Aviation.Direct. Zuvor war er seit 2012 in selbiger Funktion bei AviationNetOnline (vormals Austrian Aviation Net) tätig. Er ist auf Lowcost-Carrier, Regionalluftfahrt in der D-A-CH-Region und tiefgehende Recherchen spezialisiert.

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