Boeing 737-800, betrieben von Buzz (Foto: Jan Gruber).
Redakteur
Letztes Update
Give a coffee
Informationen sollten frei für alle sein, doch guter Journalismus kostet viel Geld.
Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, können Sie Aviation.Direct freiwillig auf eine Tasse Kaffee einladen.
Damit unterstützen Sie die journalistische Arbeit unseres unabhängigen Fachportals für Luftfahrt, Reisen und Touristik mit Schwerpunkt D-A-CH-Region und zwar freiwillig ohne Paywall-Zwang.
Wenn Ihnen der Artikel nicht gefallen hat, so freuen wir uns auf Ihre konstruktive Kritik und/oder Ihre Hinweise wahlweise direkt an den Redakteur oder an das Team unter unter diesem Link oder alternativ über die Kommentare.
Ihr
Aviation.Direct-Team

Konflikt um Pünktlichkeit: Flughafen Eindhoven entzieht Ryanair begehrte Slots wegen chronischer Verspätungen

Werbung

Der Flughafen Eindhoven, der zweitgrößte Flughafen der Niederlande, hat der irischen Billigfluggesellschaft Ryanair in einem ungewöhnlichen Schritt zwei ihrer Landerechte entzogen. Der niederländische Slot-Koordinator Airport Coordination Netherlands (acnl) begründete die Sanktion mit der chronischen Unpünktlichkeit der Ryanair-Flüge, die im Durchschnitt eine Stunde Verspätung aufwiesen. Die entzogenen Slots betreffen zwei Verbindungen am Montag- und Donnerstagabend in der Hauptverkehrszeit, die während der Sommersaison 2026 (März bis Oktober) nicht mehr bedient werden dürfen.

Ryanair hat das Vorgehen als „beispiellos, irrational und unverhältnismäßig“ kritisiert und Berufung bei den örtlichen Gerichten und der Europäischen Kommission eingelegt, während ein lokales Gericht bereits zugunsten des Flughafens entschieden hat.

Der Kern des Konflikts: Zwei Abendflüge und die strikte Slot-Disziplin

Der Entzug der Landerechte betrifft zwei spezifische Slots, die Ryanair für Flüge aus Sofia (sof) und Pisa (psa) jeweils am Montag- und Donnerstagabend um etwa 20:00 Uhr zugewiesen waren. Diese Zeiten sind an dem kapazitätsbeschränkten Flughafen Eindhoven, der strenge Lärmschutzbestimmungen und Nachtflugverbote einhalten muss, besonders sensibel. Wiederholte Verspätungen in diesen späten Abendstunden können einen Dominoeffekt auf andere Flüge und die Einhaltung der gesetzlichen Betriebsgrenzen des Flughafens haben.

Die acnl, die für die faire und effiziente Zuteilung der begehrten Slots zuständig ist, erklärte, dass in einem Dreimonatszeitraum im Sommer 2025 über 30 dieser Flüge verspätet waren. Der Koordinator behauptet, Ryanair bereits wegen der anhaltenden Unpünktlichkeit gewarnt und sogar angedeutet zu haben, die schlechte Performance des Carriere sei „absichtlich“. Der Entzug von Slots ist eine Strafe, die in der Regel nur selten verhängt wird, was die Frustration des Flughafens und des Koordinators über die anhaltende Nichteinhaltung der zugewiesenen Ankunftszeiten unterstreicht.

Ryanair kontert diese Anschuldigungen vehement. Ein Unternehmenssprecher betonte, dass die acnl Fluggesellschaften bereits für Verspätungen sanktioniere, die lediglich 15 Minuten über die geplante Ankunftszeit hinausgehen. Dies sei „völlig außer Verhältnis“ zu den Schwellenwerten der meisten europäischen Flughäfen, die deutlich höhere und angemessenere Toleranzen aufwiesen. Ryanair hält sich selbst für die pünktlichste Fluggesellschaft in Europa und sieht sich als ungerecht behandelt an.

Juristisches Tauziehen und politische Dimension

Nachdem Ryanair im August zunächst mit unspezifischen Sanktionen belegt und dann über den Entzug der beiden Slots informiert wurde, legte die Fluggesellschaft sofort Berufung ein. Ein lokales niederländisches Gericht entschied jedoch gegen den irischen Carrier und stützte die Argumentation der acnl. Das Gericht bekräftigte das Recht des Koordinators, die begehrten Slots in Eindhoven, dem zweitverkehrsreichsten Flughafen der Niederlande nach Amsterdam Schiphol, fair zu verteilen. Die Einhaltung der Slot-Disziplin sei an einem derart kapazitätslimitierten Flughafen von größter Bedeutung.

Unbeirrt von der Gerichtsentscheidung kündigte Ryanair eine weitere Beschwerde bei der Europäischen Kommission an. Die Fluggesellschaft ist zuversichtlich, dass die Entscheidung der acnl auf europäischer Ebene gekippt wird. Ryanair verlagert die Verantwortung für die Verspätungen auf das überlastete europäische Flugverkehrskontrollsystem (atc). Tatsächlich sehen sich viele europäische Fluggesellschaften regelmäßig mit Verzögerungen konfrontiert, die durch Kapazitätsengpässe bei der Flugsicherung in verschiedenen Ländern verursacht werden. Die Frage, inwieweit eine Fluggesellschaft für Verspätungen, die durch externe atc-Faktoren verursacht werden, zur Rechenschaft gezogen werden kann, ist ein zentraler Streitpunkt in diesem Fall.

Auswirkungen auf das Streckennetz und die Marktposition

Die entzogenen Slots standen Ryanair seit Jahren zur Verfügung, werden nun aber für konkurrierende Fluggesellschaften zur Versteigerung freigegeben. Trotz des Verlusts dieser zwei wichtigen Landerechte behält Ryanair eine signifikante Präsenz in Eindhoven. Die Fluggesellschaft bedient weiterhin über 30 Destinationen von dem niederländischen Flughafen aus und bleibt zusammen mit Transavia und Wizz Air einer der drei Hauptakteure, die für über 90 Prozent der Flugbewegungen in Eindhoven verantwortlich sind. Ryanair spielte seit den 1990er Jahren eine Schlüsselrolle beim Aufbau Eindhovens als bedeutendes Drehkreuz für Billigflieger und war zeitweise für über 50 Prozent des Flugbetriebs verantwortlich.

Der Verlust der Slots fällt jedoch in eine Zeit, in der Ryanair ohnehin eine aggressive Neugestaltung ihres europäischen Streckennetzes vornimmt. Aufgrund gestiegener lokaler Gebühren und Steuern hat der Carrier bereits Millionen von Sitzen aus seinem Winter- und Sommerflugplan gestrichen. Dazu gehören Kürzungen von 800.000 Sitzen in Deutschland und 1,2 Millionen Sitzen in Spanien für den kommenden Sommer. Diese Ressourcen werden strategisch auf rentablere Märkte umverteilt.

Die Auseinandersetzung in Eindhoven verdeutlicht die zunehmende Härte im Kampf um knappe Kapazitäten an europäischen Flughäfen. Die Konsequenz der Slot-Entziehung, selbst wenn sie nur zwei von Dutzenden betrifft, sendet ein starkes Signal an alle Fluggesellschaften, dass die strikte Einhaltung der Pünktlichkeit, insbesondere an Flughäfen mit strengen Betriebseinschränkungen, nicht verhandelbar ist.

Werbung

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..

Werbung