Overhead-Bin Boeing 737-800 (Foto: Jan Gruber).
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Konfrontationskurs in der Luftfahrt: Ryanair kürzt massiv in Deutschland und kritisiert Steuerpolitik

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Die irische Fluggesellschaft Ryanair hat eine drastische Reduzierung ihres Flugangebots in Deutschland für die kommende Wintersaison 2025/2026 angekündigt. Diese Entscheidung, die die Streichung von 24 Routen und eine Kapazitätskürzung von etwa 800.000 Sitzplätzen umfasst, ist nach Angaben des Unternehmens nicht primär auf mangelnde Passagiernachfrage zurückzuführen.

Vielmehr stellt sie eine direkte Reaktion auf die jüngsten Erhöhungen der deutschen Luftverkehrsteuer und die generellen hohen Betriebskosten am Standort Deutschland dar. Die Maßnahme ist eine der signifikantesten Kürzungen Ryanairs im deutschen Markt der letzten Jahre und verdeutlicht die anhaltenden Spannungen zwischen der Billigfluglinie und den deutschen Luftfahrtbehörden und der Politik. Der Schritt wird voraussichtlich nicht nur Reisende betreffen, sondern auch die regionale Anbindung und den Tourismussektor an den betroffenen Flughäfen empfindlich treffen.

Umfang der Streichungen und betroffene Standorte

Ryanair kündigte an, Flüge an insgesamt neun deutschen Flughäfen zu reduzieren, die das Unternehmen als „kostenintensiv“ einstuft. Zu den betroffenen Standorten gehören große Drehkreuze wie Berlin-Brandenburg und Hamburg, aber auch kleinere Regionalflughäfen wie Memmingen und Frankfurt-Hahn. Die Streichung der 24 Routen und die Reduktion von 800.000 Sitzen werden das Kapazitätsniveau von Ryanair in Deutschland deutlich unter das Niveau des Winters 2024 drücken. Einzelne Flughäfen, wie beispielsweise Memmingen, sollen sogar ein Viertel ihres Winterprogramms von Ryanair verlieren. Auch Standorte wie Köln/Bonn sind von empfindlichen Einschnitten betroffen, und im Januar droht eine Reduzierung der Verbindungen um bis zu 30 Prozent an einzelnen Basen.

Diese Reduzierung steht im klaren Gegensatz zur generellen Erholung der Luftfahrtmärkte in anderen europäischen Ländern. Während das Sitzplatzangebot von Punkt-zu-Punkt-Airlines (wie Ryanair) im europäischen Durchschnitt das Vor-Pandemie-Niveau deutlich übertroffen hat, hinkt Deutschland im Vergleich zur Erholung in Südeuropa oder osteuropäischen Märkten merklich hinterher. Der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) bestätigt, dass das Sitzplatzangebot der sogenannten Punkt-zu-Punkt-Airlines im restlichen Europa zuletzt auf 124 Prozent des Niveaus von 2019 gestiegen ist, während es in Deutschland lediglich 76 Prozent erreichte. Die Gründe für diese Diskrepanz liegen laut Branchenvertretern maßgeblich in der Kostenstruktur.

Die Kritik an der deutschen Kostenpolitik

Ryanair nutzt die angekündigten Kürzungen bewusst als öffentlichen Hebel, um die deutsche Regierung zu einer Kursänderung bei der Luftverkehrsteuer und den Flughafengebühren zu bewegen. Die Fluggesellschaft kritisiert seit Langem die hohen Abgaben und Steuern in Deutschland, die ihrer Meinung nach ein Wachstum in diesem Markt unattraktiv machen.

Die Luftverkehrsteuer, die von den Fluggesellschaften für jeden Passagier entrichtet werden muss und in der Regel an die Reisenden weitergegeben wird, ist in Deutschland seit ihrer Einführung mehrfach erhöht worden und liegt im europäischen Vergleich auf einem der höchsten Niveaus. Aktuelle Sätze sehen für Kurzstreckenflüge innerhalb Europas Steuern von über 15 Euro pro Passagier vor, während bei Mittelstrecken (bis 6.000 Kilometer) sogar Sätze von fast 40 Euro pro Person fällig werden. Im Gegensatz dazu liegen die staatlichen Abgaben in Ländern wie Griechenland, Italien oder Spanien, wohin Ryanair nun Kapazitäten verlagert, teils signifikant niedriger. Beispielsweise zahlen Fluggäste von Ryanair an vielen italienischen Flughäfen lediglich eine feste Gemeinde- und Flughafensteuer von rund 6,50 Euro.

Die Fluggesellschaften in Deutschland, darunter auch der BDL, warnen davor, dass die staatlich veranlassten Gesamtkosten für den Luftverkehr im Jahr 2025 um weitere 1,2 Milliarden Euro steigen werden und fordern dringend eine Senkung oder gar Abschaffung der Luftverkehrsteuer. Sie argumentieren, dass die Kombination aus erhöhter Luftverkehrsteuer, stark gestiegenen Flugsicherungsgebühren und hohen Luftsicherheitsabgaben die Wettbewerbsfähigkeit des Luftverkehrsstandorts Deutschland empfindlich schwächt.

Die Strategie der Kapazitätsverlagerung

Ryanair verfolgt mit seiner Entscheidung eine klare strategische Logik: Kapazitäten dorthin zu verlagern, wo die operativen Bedingungen am günstigsten sind. Die Fluggesellschaft ist bekannt dafür, Flugzeuge und Personal dorthin zu verschieben, wo staatliche Rahmenbedingungen und Flughäfen die besten Anreize bieten. Märkte wie Italien, Spanien und Polen bieten nicht nur niedrigere Steuersätze, sondern oft auch Anreizsysteme und günstigere Gebührenstrukturen an Regionalflughäfen, was die Wirtschaftlichkeit der Routen für einen Niedrigpreis-Anbieter entscheidend verbessert.

Die nun aus Deutschland abgezogenen Flugzeuge und die damit freigewordenen Sitzplatzkapazitäten werden in diese günstigeren europäischen Märkte verlagert. Die Drohung Ryanairs, diese Kapazitäten nur dann zurückzubringen und gegebenenfalls sogar zu erweitern, wenn die deutschen Steuern und Gebühren reduziert werden, ist eine bewusste politische Inszenierung. Sie zielt darauf ab, öffentlichen Druck zu erzeugen, indem die Airline ihre Kürzungen als direkten Nachteil für die reisenden Bürger darstellt. Das Unternehmen hofft, dass die Verärgerung von Passagieren und die negativen Auswirkungen auf den regionalen Tourismus die Bundesregierung zu einer Überprüfung ihrer fiskalischen Politik im Luftverkehr bewegen werden.

Dominoeffekte auf Konnektivität und Wirtschaft

Die Kürzungen von Ryanair haben das Potenzial, weitreichende Konsequenzen für Deutschland zu haben. Die Präsenz der Billigfluglinie war für viele kleinere und mittlere Flughäfen in Deutschland ein wichtiger Motor für den Passagierverkehr. Diese Flughäfen, die oft nur wenige Verbindungen durch die großen Netzwerk-Carrier anbieten, sind auf Billigfluganbieter angewiesen, um inbound-Tourismus zu generieren und die Konnektivität für lokale Reisende sicherzustellen.

Der Abbau von Routen und Sitzen führt in den betroffenen Regionen zu einer Verringerung des Reiseangebots und kann zu einer Verknappung der verfügbaren Sitzplätze führen. Infolgedessen ist mit steigenden Ticketpreisen auf den verbleibenden Verbindungen zu rechnen, da der Wettbewerbsdruck nachlässt. Für die lokalen Tourismus- und Gastgewerbebetriebe der betroffenen Regionen bedeuten weniger ankommende Flüge einen potenziellen Rückgang der internationalen Besucherzahlen.

Während Deutschland weiterhin ein Markt mit hoher potenzieller Nachfrage bleibt, zeigt das Vorgehen von Ryanair, dass für die Niedrigpreis-Carrier die Kostenstruktur das entscheidende Kriterium ist. Deutschland, das traditionell von teureren Netzwerk-Airlines wie der Lufthansa-Gruppe dominiert wird, droht, seine Attraktivität für preisaggressive Fluggesellschaften weiter einzubüßen. Branchenverbände warnen, dass diese Entwicklung die globale Anbindung der exportorientierten deutschen Wirtschaft gefährdet und eine Wettbewerbsoffensive des Staates zur Senkung der Standortkosten dringend notwendig ist.

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1 Comment

  • emmdee , 20. Oktober 2025 @ 20:14

    Ist es wirklich so dramatisch, wenn im Winterflugplan Strecken wie Köln-Bristol oder Köln-Kopenhagen wie üblich nicht geflogen werden? Wenn man Airports wie Dortmund, die man bereits im Sommer 25 aus dem Flugprogramm genommen hat, jetzt plakativ nochmal aufführt?

    Das Herumgejammer bestimmter Airlines gegenüber Regierungen in Spanien, Italien, Deutschland und Österreich, gegenüber der europäischen Flugsicherung und gegen einzelne Airports wie Wien dient nur der Profitoptimierung dort und wird letztlich nicht zugunsten der Passagiere angestimmt.

    Auch, wenn einiges verbesserungsfähig und im Umbruch ist: Dem angeblich großen Leid der LowCost Airline, der Maschinen fehlen und folglich umdisponiert, kann und will ich mich nicht anschließen. Sie werden schneller wieder zurückkehren, als man derzeit annimmt

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