Der Privatisierungsprozess der portugiesischen Nationalfluggesellschaft TAP Air Portugal tritt in eine entscheidende Phase. Wie die portugiesische Regierung unter Verkehrsminister Miguel Pinto Luz offiziell bestätigte, haben sich die drei führenden europäischen Luftfahrtkonzerne – die Deutsche Lufthansa, Air France-KLM und die International Airlines Group (IAG) – erfolgreich für die nächste Phase des Bieterverfahrens qualifiziert.
Das aktuelle Verkaufsmodell sieht die Veräußerung eines Anteils von 44,9 Prozent an einen strategischen Partner aus der Branche vor, während weitere 5 Prozent für die Belegschaft reserviert bleiben. Damit behält der portugiesische Staat vorerst eine knappe Mehrheit von rund 50,1 Prozent der Anteile. Das Interesse der Branchengrößen ist vor allem in der strategisch bedeutsamen Positionierung der TAP auf den Transatlantikrouten nach Südamerika begründet. Nach einer turbulenten Phase der Verstaatlichung und Sanierung schreibt die Airline seit zwei Jahren wieder Gewinne und gilt als Schlüsselobjekt für die weitere Marktkonsolidierung innerhalb des europäischen Luftraums.
Die strategische Bedeutung der Drehscheibe Lissabon
Für die drei Interessenten geht es bei der Übernahme von TAP um weit mehr als nur um den Erwerb von Flugzeugen und Slots. Die Fluggesellschaft verfügt über eine marktbeherrschende Stellung auf den Routen zwischen Europa und Brasilien. Mit ihrem Drehkreuz in Lissabon bietet sie die geografisch kürzesten Verbindungen vom europäischen Festland nach Südamerika. Im vergangenen Geschäftsjahr beförderte das Unternehmen rund 16 Millionen Passagiere, wobei ein erheblicher Teil auf die lukrativen Langstreckenverbindungen entfiel. In der Luftfahrtbranche gilt der südamerikanische Markt als wachstumsstark und vergleichsweise stabil, was die Attraktivität der TAP trotz ihrer wechselvollen Geschichte erhöht.
Die Deutsche Lufthansa verfolgt mit einem möglichen Einstieg konsequent ihre Strategie des Multi-Hub-Systems weiter. Nachdem der Konzern bereits die nationalen Carrier von Österreich, der Schweiz und Belgien vollständig integriert hat und erst kürzlich eine Minderheitsbeteiligung an der italienischen ITA Airways eingegangen ist, würde TAP das Netzwerk im Südwesten Europas ideal ergänzen. Eine Einbindung in die Star Alliance, in der TAP bereits Mitglied ist, würde die Synergieeffekte bei einem Zuschlag für die Lufthansa erheblich erleichtern.
Herausforderungen und Wettbewerbssituation der Bieter
Die französisch-niederländische Air France-KLM sieht in TAP eine Möglichkeit, ihre eigene Präsenz im südatlantischen Raum zu verteidigen und auszubauen. Besonders die historische Verbindung Portugals zu Brasilien generiert einen konstanten Strom an Geschäfts- und Privatreisenden, den Air France-KLM über ihr Drehkreuz in Paris-Charles-de-Gaulle gerne verstärkt einspeisen würde. Analysten weisen darauf hin, dass Air France-KLM nach der erfolgreichen Sanierung und Rückzahlung staatlicher Beihilfen nun wieder über den nötigen finanziellen Spielraum für Expansionen verfügt.
Ganz andere Vorzeichen gelten für die International Airlines Group (IAG). Als Muttergesellschaft von British Airways und den spanischen Fluglinien Iberia und Vueling dominiert IAG bereits weite Teile des Verkehrs zwischen Europa und Lateinamerika. Ein Erwerb der TAP würde der Gruppe eine nahezu monopolartige Stellung auf der Iberischen Halbinsel verschaffen. Genau hierin liegt jedoch auch das größte Hindernis: Die Wettbewerbshüter der Europäischen Kommission dürften eine solche Konzentration kritisch prüfen. Schon bei der geplanten Übernahme der spanischen Air Europa durch IAG gab es massive wettbewerbsrechtliche Bedenken, die letztlich zu Anpassungen führten. Die Integration von TAP in das IAG-Portfolio würde Lissabon und Madrid unter ein gemeinsames Konzerndach bringen, was den Wettbewerb auf Regionalstrecken erheblich einschränken könnte.
Finanzielle Erholung und Rückkehr in die Gewinnzone
Die Privatisierung erfolgt zu einem Zeitpunkt, an dem sich die wirtschaftliche Lage der TAP stabilisiert hat. Nach fünf aufeinanderfolgenden Verlustjahren, die unter anderem durch die globale Pandemie und strukturelle Ineffizienzen geprägt waren, verzeichnet die Airline seit 2022 wieder positive Ergebnisse. Dieser Turnaround war die Voraussetzung dafür, dass die Regierung in Lissabon den Verkaufsprozess überhaupt neu starten konnte. Im Jahr 2015 hatte eine konservative Regierung die Airline bereits einmal mehrheitlich privatisiert, was jedoch nach einem Regierungswechsel teilweise rückgängig gemacht wurde. Die vollständige Rekommunalisierung erfolgte schließlich während der Coronakrise, um den Fortbestand des Unternehmens durch massive staatliche Kapitalspritzen zu sichern.
Die aktuelle Regierung unterstreicht, dass der nun gewählte Weg eines Teilverkaufs die beste Balance zwischen staatlichem Einfluss und unternehmerischer Dynamik darstelle. Der Verbleib der Mehrheit beim Staat soll sicherstellen, dass Lissabon seine Funktion als strategisches Drehkreuz behält und nicht zu einem reinen Zubringerstandort für andere europäische Metropolen degradiert wird. Gleichzeitig benötigt die Airline frisches Kapital für die Modernisierung ihrer Flotte und den Ausbau des Streckennetzes, was ein privater Investor effizienter bereitstellen kann.
Politische Rahmenbedingungen und Zeitplan
Verkehrsminister Miguel Pinto Luz betonte, dass die nun angeforderten unverbindlichen Gebote eine detaillierte Prüfung der Konzepte der drei Bewerber ermöglichen. Die portugiesische Regierung legt dabei Wert auf Garantien für den Erhalt des Standortes Lissabon und die Fortführung der wichtigen Verbindungen in die portugiesischsprachigen Länder. Die politische Debatte in Portugal ist dabei durchaus gespalten: Während die Regierung auf die notwendige Marktöffnung verweist, fordern Oppositionsteile strengere Auflagen zum Schutz nationaler Interessen.
Der weitere Zeitplan sieht vor, dass nach der Auswertung der unverbindlichen Angebote eine Shortlist erstellt wird, woraufhin die verbleibenden Bieter Zugang zu detaillierten Unternehmensdaten im Rahmen einer Due-Diligence-Prüfung erhalten. Mit einer finalen Entscheidung wird im Laufe des kommenden Jahres gerechnet. Die Transaktion steht zudem unter dem Vorbehalt der Zustimmung durch die EU-Kommission, die insbesondere die Auswirkungen auf die Ticketpreise und die Slot-Vergabe an den Hauptflughäfen prüfen wird.
Zukunftsperspektiven für den portugiesischen Luftverkehr
Der Ausgang dieses Bieterwettstreits wird die Machtverhältnisse im europäischen Luftraum nachhaltig verschieben. Sollte die Lufthansa den Zuschlag erhalten, würde sie ihre Vormachtstellung in Europa weiter festigen und den Zugriff auf den südamerikanischen Markt signifikant ausweiten. Bei einem Erfolg der IAG würde ein mächtiger Block auf der Iberischen Halbinsel entstehen, während Air France-KLM mit TAP ihre Position als führender Carrier für transatlantische Verbindungen untermauern könnte.
Für die Passagiere bedeutet die Privatisierung einerseits die Hoffnung auf ein besseres Flugangebot und modernere Flugzeuge, andererseits wächst die Sorge vor steigenden Preisen durch die fortschreitende Konsolidierung. In jedem Fall markiert der Verkauf der TAP-Anteile das Ende einer Ära des rein staatlichen Managements in der portugiesischen Luftfahrt und leitet eine neue Phase der marktgetriebenen Entwicklung ein. Die hohe operative Leistung der TAP auf ihren Kernrouten bleibt dabei das wichtigste Pfund, mit dem Lissabon in den kommenden Verhandlungen wuchern kann.