Die deutsche Luftfahrtindustrie befindet sich in einer tiefen Krise. Wie der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) in Berlin mitteilte, haben europäische Fluggesellschaften die Zahl ihrer in Deutschland stationierten Flugzeuge seit 2019 um ein Drittel reduziert. Die Flottenstärke ist von 190 auf nur noch 130 Maschinen gesunken, was nach Einschätzung des BDL zum Verlust von rund 10.000 Arbeitsplätzen und mehr als vier Milliarden Euro Wertschöpfung jährlich geführt hat.
Verantwortlich für diese Entwicklung sind laut Branchenvertretern die massiv gestiegenen staatlichen Kosten, die in diesem Jahr ein Rekordniveau von 4,4 Milliarden Euro erreichen. Während die Luftfahrt in fast allen anderen europäischen Ländern einen Boom erlebt, hinkt Deutschland bei der Erholung dramatisch hinterher. Der BDL-Präsident Jens Bischof und andere Branchenvertreter fordern die Bundesregierung eindringlich auf, die im Koalitionsvertrag versprochene Senkung der Luftverkehrsteuer umzusetzen, um den Standort wieder attraktiv zu machen.
Ein Land, das den Anschluß verliert: Die traurige Bilanz des Luftverkehrs
Die Zahlen, die der BDL bei der Vorstellung der Halbjahresbilanz präsentierte, zeichnen ein düsteres Bild. Deutschland liegt bei der Erholung des Flugverkehrs nach der Coronakrise auf Platz 28 von 31 europäischen Ländern.
- Das Sitzplatzangebot erreicht nur 87 Prozent des Vorkrisenniveaus von 2019, während der europäische Durchschnitt bei 104 Prozent liegt.
- Die Passagierzahl stieg im ersten Halbjahr 2025 nur um knapp drei Prozent auf 99,4 Millionen, verglichen mit zehn Prozent Wachstum im Vorjahr.
Besonders dramatisch ist die Situation bei den europäischen Punkt-zu-Punkt-Fluggesellschaften wie Ryanair oder Easyjet. Ihr Angebot in Deutschland liegt nur noch bei 78 Prozent des Niveaus von 2019, während es im restlichen Europa bereits 129 Prozent erreicht – ein Unterschied von 51 Prozentpunkten. Dies ist ein klares Zeichen dafür, daß diese Airlines, die für ihre Preissensibilität bekannt sind, Deutschland meiden.
Ein wesentlicher Grund für diese Entwicklung sind die seit 2019 mehr als verdoppelten staatlichen Kosten. BDL-Präsident Bischof rechnete vor: „Für einen Abflug, Oneway aus Deutschland, entweder innerdeutsch oder nach Europa, sind es 35 Euro pro Ticket, die nur für diese drei Bestandteile Luftverkehrsteuer, Luftsicherheitsgebühr und Flugsicherung anfallen.“ Zum Vergleich: In Spanien kostet derselbe Service nur 6,50 Euro.
Steuerliche Belastungen und ihre Folgen für Wirtschaft und Tourismus
Laut BDL werden die staatlichen Abgaben durch die Luftverkehrsteuer, Luftsicherheitsgebühren und Flugsicherungsentgelte in diesem Jahr um rund 1,1 Milliarden Euro auf eine Rekordsumme von 4,4 Milliarden Euro steigen. Diese massiven finanziellen Belastungen wirken sich direkt auf die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands aus.
- Die Anbindung der deutschen Exportwirtschaft an ihre internationalen Märkte leidet massiv. Wichtige Direktverbindungen fallen weg, was Unternehmen zwingt, längere Autofahrten zu regionalen Drehkreuzen in Kauf zu nehmen. Als Beispiele nannte Bischof Verbindungen wie Nürnberg-Zürich, Stuttgart-Brüssel, Hannover-Warschau, Bremen-Paris oder Düsseldorf-Basel.
- Auch die Luftfracht, ein entscheidender Faktor für die exportorientierte deutsche Industrie, ist betroffen. Die hohen Flugsicherungsgebühren in Deutschland sind ein starkes Argument für Frachtunternehmen, in andere Länder auszuweichen. Während bei einem typischen Langstrecken-Frachtflug in Deutschland rund 1500 Euro anfallen, sind es in Istanbul nur 72 Euro und in Lüttich sogar null Euro.
- Trotz der hohen Standortkosten boomt der touristische Flugverkehr in Deutschland. Ferienflieger wie Condor, Discover Airlines oder Tuifly boten im ersten Halbjahr 2025 34 Prozent mehr Sitzplätze an als 2019. Dies zeigt, daß die Nachfrage nach Urlaubsreisen ungebrochen hoch ist und die Kunden bereit sind, die Kosten zu tragen. Allerdings ist diese Entwicklung eine Ausnahme und kann die schlechte Bilanz des Gesamtmarktes nicht ausgleichen.
Der Stillstand des innerdeutschen Flugverkehrs und die Rolle der Politik
Am wenigsten hat sich der innerdeutsche Flugverkehr von der Krise erholt. Im ersten Halbjahr hoben weniger als halb so viele Flüge ab wie 2019. Ohne die Zubringerflüge zu den großen Drehkreuzen wie Frankfurt und München lag das Verkehrsvolumen sogar 80 Prozent unter dem Vorkrisenniveau.
- Viele regionale Verbindungen sind weggefallen, was die Mobilität im Inland stark einschränkt.
- Ein Grund für den Rückgang ist auch die wirtschaftliche Situation in einigen Regionen. Bischof nannte die Region Stuttgart, die stark von der Autoindustrie geprägt ist und in der Unternehmen wie Mercedes-Benz oder Porsche und Zulieferer wie Bosch sparen, unter anderem bei Geschäftsreisen.
Die Branche ist zutiefst enttäuscht von der Bundesregierung. Michael Hoppe, Vorsitzender und geschäftsführender Direktor des Verbandes Barig, sagte: „Die neue Bundesregierung hat heute eine bittere Quittung kassiert.“ Der Verband wirft der Regierung vor, tatenlos zuzusehen, wie der Standort an Wettbewerbsfähigkeit verliert. Die im Koalitionsvertrag angekündigte Senkung der Luftverkehrsteuer wurde nicht nur nicht umgesetzt, sondern die jüngste Erhöhung vom Mai 2024 sogar beibehalten. Ein schnelles Handeln sei geboten, um die „dringend benötigte Entlastung“ zu schaffen.
BDL-Präsident Bischof appellierte an die Regierung, der Krise „Priorität einzuräumen“. Die Rücknahme der jüngsten Erhöhung der Luftverkehrsteuer wäre ein „erstes Signal“ gewesen, um die Fluggesellschaften zur Rückkehr zu bewegen. Die Regierung habe es selbst in der Hand, durch die Umsetzung der Steuerentlastung Anreize für Wirtschaft und Wachstum zu schaffen, internationale Fluggesellschaften würden dann wieder mehr nach Deutschland fliegen, was auch das Exportgeschäft ankurbeln und verloren gegangene Arbeitsplätze wieder herstellen würde.
Der Ausblick für den Winterflugplan ist ebenfalls trüb. Zwar wird das Angebot in Deutschland auf 90 Prozent des Vorkrisenniveaus steigen, in den anderen europäischen Ländern jedoch auf durchschnittlich 116 Prozent. Deutschland droht somit weiterhin, den Anschluß an die europäische Luftfahrt zu verlieren, mit weitreichenden Folgen für Wirtschaft und Mobilität.