Die indische Nationalfluggesellschaft Air India steht vor dem wirtschaftlich schwierigsten Jahr ihrer jüngeren Unternehmensgeschichte. Nach Informationen von Brancheninsidern wird für das am 31. März 2026 endende Geschäftsjahr ein Rekordverlust von rund 150 Milliarden Rupien, umgerechnet etwa 1,6 Milliarden US-Dollar, erwartet.
Ursprünglich hatte die Führung des Unternehmens unter der Ägide der Tata Group und Singapore Airlines angestrebt, in diesem Zeitraum die Gewinnschwelle zu erreichen. Diese ambitionierten Pläne wurden jedoch durch eine Verkettung katastrophaler Ereignisse und geopolitischer Spannungen zunichtegemacht. Im Zentrum der Krise steht der Absturz einer Boeing 787-8 Dreamliner im Juni 2025, der nicht nur massive menschliche Verluste forderte, sondern auch weitreichende behördliche Auflagen und Flotteninspektionen nach sich zog. Hinzu kommen die ökonomischen Folgen der Sperrung des pakistanischen Luftraums für indische Fluggesellschaften, was die Betriebskosten durch notwendige Umwege drastisch in die Höhe trieb. Inmitten dieser Turbulenzen mehren sich zudem Berichte über personelle Konsequenzen in der Führungsetage, während die Branche gespannt auf den abschließenden Untersuchungsbericht zum Unglück von Ahmedabad wartet.
Die katastrophalen Folgen des Absturzes von Flug AI171
Das folgenreichste Ereignis des vergangenen Jahres war der Absturz einer Boeing 787-8 am 12. Juni 2025. Die Maschine verunglückte kurz nach dem Start in Ahmedabad, wobei 229 Passagiere und 12 Besatzungsmitglieder ums Leben kamen. Nur ein einziger Passagier überlebte das Unglück, während am Boden zusätzlich 19 Menschen durch die Trümmerteile getötet wurden. Dieser Vorfall stellt den ersten Totalverlust einer Boeing 787 im kommerziellen Flugbetrieb dar und erschütterte das Vertrauen in die technische Zuverlässigkeit des Flugzeugtyps sowie in die Wartungsprozesse der Fluggesellschaft.
Unmittelbar nach dem Unfall reagierte die indische Luftfahrtbehörde DGCA mit strengen Anordnungen. Air India wurde verpflichtet, ihre gesamte Dreamliner-Flotte einer außerordentlichen Sicherheitsüberprüfung zu unterziehen. Diese Maßnahme führte zu erheblichen Kapazitätsengpässen, da zahlreiche Maschinen zeitweise aus dem Flugbetrieb genommen werden mussten. Die daraus resultierenden Flugausfälle und die notwendigen Umbuchungen verursachten Kosten in Millionenhöhe. Branchenexperten weisen darauf hin, dass die Reputation der Fluggesellschaft, die sich unter der Leitung der Tata Group in einem umfassenden Modernisierungsprozess befand, durch das Unglück einen schweren Rückschlag erlitten hat.
Geopolitische Spannungen und die Sperrung des pakistanischen Luftraums
Zusätzlich zur internen Krise wurde Air India von externen politischen Faktoren getroffen. Im April 2025 eskalierte der schwelende Konflikt zwischen Indien und Pakistan, woraufhin die pakistanische Regierung ihren Luftraum für alle indischen Fluggesellschaften vollständig sperrte. Diese Entscheidung zwang Air India und ihren Konkurrenten IndiGo dazu, alternative Flugrouten für Verbindungen nach Europa und Nordamerika zu finden.
Die Umgehung des pakistanischen Luftraums bedeutet für Langstreckenflüge ab Delhi oder Mumbai einen erheblichen Zeitverlust von teilweise mehr als zwei Stunden pro Flugrichtung. Der damit verbundene zusätzliche Kerosinverbrauch sowie die höheren Personalkosten belasteten die operativen Margen massiv. Da Treibstoffkosten den größten Anteil an den Betriebsausgaben einer Fluggesellschaft ausmachen, wirkte sich diese geopolitische Blockade unmittelbar auf das finanzielle Ergebnis aus. Während internationale Wettbewerber den kürzeren Weg über Pakistan weiterhin nutzen konnten, verlor Air India wertvolle Wettbewerbsvorteile auf den wichtigen Transkontinentalstrecken.
Strukturelle Probleme und die Debatte um die Unternehmensführung
Die wirtschaftliche Schieflage hat auch eine Debatte über die personelle Aufstellung an der Spitze des Unternehmens entfacht. Campbell Wilson, der als CEO die Transformation von Air India vorantreiben sollte, steht unter erheblichem Druck. Gerüchte besagen, dass die Tata Group bereits aktiv nach einem potenziellen Nachfolger sucht. Kritiker werfen der aktuellen Führung vor, die operativen Risiken im Zuge der schnellen Expansion und der Integration von Tochtergesellschaften wie Vistara nicht ausreichend abgesichert zu haben.
Die Zusammenführung der verschiedenen Unternehmenseinheiten der Tata-Luftfahrtsparte erwies sich als komplexer als ursprünglich angenommen. Harmonisierungsprobleme bei den IT-Systemen, unterschiedliche Gehaltsstrukturen und Unzufriedenheit beim Personal führten bereits vor dem Absturz zu operativen Unregelmäßigkeiten. Der massive Verlust von 1,6 Milliarden Dollar verstärkt nun die Forderung nach einer Neuausrichtung. Die Anteilseigner, insbesondere Singapore Airlines, drängen auf eine Stabilisierung des Betriebs, um die langfristige Rentabilität der immensen Investitionen in hunderte neue Flugzeuge von Boeing und Airbus nicht zu gefährden.
Der Schatten des bevorstehenden Untersuchungsberichts
Ein weiterer Unsicherheitsfaktor für das Jahr 2026 ist die Veröffentlichung des Abschlussberichts zum Absturz der Boeing 787. Die indische Untersuchungsbehörde wird voraussichtlich im Laufe des Jahres detaillierte Erkenntnisse zur Unfallursache vorlegen. Bereits jetzt deuten Whistleblower-Berichte an den US-Senat darauf hin, dass die Maschine VT-ANB über Jahre hinweg Probleme mit der Bordelektrik hatte. Sollte der Bericht nachweisen, dass Wartungsfehler oder das Übergehen bekannter technischer Mängel zum Absturz geführt haben, drohen Air India nicht nur weitere juristische Konsequenzen und Entschädigungszahlungen, sondern auch eine Verschärfung der behördlichen Aufsicht.
Die Erwartungshaltung am Markt ist gedämpft. Zwar hofft das Management auf eine Normalisierung der Lage und eine Wiedereröffnung des pakistanischen Luftraums, doch die finanziellen Altlasten des Krisenjahres 2025 wiegen schwer. Die Airline muss nun beweisen, dass sie trotz des Rekordverlustes in der Lage ist, die Flottenmodernisierung fortzusetzen und die Sicherheitsstandards auf ein international wettbewerbsfähiges Niveau zu heben. Für die Tata Group bleibt die Sanierung von Air India damit eines der anspruchsvollsten industriellen Projekte des Jahrzehnts.