Das Jahr 2026 hat für den internationalen Luftverkehrsknotenpunkt Amsterdam Schiphol mit erheblichen operativen Herausforderungen begonnen. Eine über mehrere Tage anhaltende Periode mit Schneefall, gefrierendem Regen und extrem niedrigen Temperaturen hat den Betrieb an einem der geschäftigsten Flughäfen Europas zeitweise fast zum Erliegen gebracht.
Während Räumdienste im Dauereinsatz sind, um die Start- und Landebahnen befahrbar zu halten, führen die notwendigen Enteisungsvorgänge und eine drastisch reduzierte Kapazität der Rollwege zu massiven Verzögerungen. Besonders betroffen ist die niederländische Fluggesellschaft KLM, die aufgrund ihrer Dominanz am Standort hunderte Flüge streichen musste. Die Situation verdeutlicht die Anfälligkeit moderner Hub-Strukturen gegenüber extremen Wetterereignissen und stellt Passagiere sowie Bodenpersonal vor eine logistische Zerreißprobe.
Logistische Hürden auf dem Vorfeld
Die winterlichen Bedingungen haben am Flughafen Schiphol zu einem Phänomen geführt, das in Fachkreisen als Taxieren ins Nirgendwo bezeichnet wird. Da die Kapazitäten auf den Rollwegen durch Schneeanhäufungen und langwierige Enteisungsprozesse stark eingeschränkt sind, kommt es zu extremen Wartezeiten zwischen dem Verlassen des Gates und dem eigentlichen Start. Ein prominentes Beispiel war der Flug KL1003 von Amsterdam nach London Heathrow. Die eingesetzte Maschine vom Typ Airbus A321neo verließ das Gate mit einer nur geringfügigen Verzögerung, musste jedoch nach über zwei Stunden auf den verstopften Rollwegen umkehren. Ohne jemals abgehoben zu haben, kehrte das Flugzeug schließlich zum Gate zurück, da sich das Wetter weiter verschlechterte und das Zeitfenster für einen sicheren Start verstrichen war.
Diese Situation ist kein Einzelfall. Auch internationale Fernflüge sind von der Überlastung der Infrastruktur betroffen. So musste ein Airbus A380 der Fluggesellschaft Emirates nach der Landung aus Dubai drei Stunden auf dem Rollfeld warten, da alle für diesen Flugzeugtyp geeigneten Gates belegt waren. Die Verzögerungen bei der Abfertigung der ankommenden Maschinen führen zu einem Rückstau, der die gesamte Zeitplanung des Flughafens destabilisiert.
Herausforderungen bei der Flugzeugenteisung
Ein zentrales Element im Winterbetrieb ist die Enteisung der Flugzeuge, um die aerodynamische Integrität sicherzustellen. In Schiphol arbeiten die Enteisungsteams rund um die Uhr, doch der Prozess ist zeitintensiv und erfordert spezielle Stellflächen. Bei anhaltendem Schneefall muss oft unmittelbar vor dem Start erneut Enteisungsflüssigkeit aufgetragen werden, da die Schutzwirkung nur für ein begrenztes Zeitfenster, die sogenannte Holdover Time, garantiert werden kann.
Berichten zufolge geriet die Versorgung mit Enteisungsflüssigkeit zeitweise unter Druck. Da die Nachfrage durch die anhaltende Wetterlage extrem hoch war und Lieferungen aufgrund der schwierigen Straßenverhältnisse verzögert eintrafen, mussten die Bestände priorisiert werden. KLM sah sich gezwungen, hunderte Flüge proaktiv abzusagen, um das System zu entlasten und zu verhindern, dass Flugzeuge und Besatzungen an falschen Standorten feststecken. Bis zum 6. Januar 2026 belief sich die Zahl der Stornierungen allein bei KLM auf über 1.100 Flüge innerhalb von fünf Tagen.
Operative Einschränkungen und Kapazitätsreduktion
Die Flughafenverwaltung von Schiphol hat die Kapazität für Landungen und Starts zeitweise um bis zu 65 Prozent reduziert. Normalerweise fertigt der Flughafen in Spitzenzeiten über 60 Bewegungen pro Stunde ab; während der extremen Wetterphase sank dieser Wert zeitweise auf etwa 20 bis 35 Bewegungen. Dies ist notwendig, um den Räumfahrzeugen die nötigen Zeitfenster für die Reinigung der Pisten zu ermöglichen. Der Einsatz der Schneeräumflotte muss präzise mit dem Flugplan koordiniert werden, was bei unvorhersehbaren Wetterumschwüngen zu kurzfristigen Sperrungen führt.
Zusätzlich zur Luftseite war auch die Anbindung des Flughafens an das Schienennetz zeitweise unterbrochen. Alle Zugverbindungen zum Flughafen Schiphol wurden am Vormittag des 6. Januar eingestellt, was die Situation für gestrandete Passagiere weiter verschärfte. Auch der internationale Fernverkehr, etwa der Eurostar zwischen London und Amsterdam, war von den winterlichen Bedingungen betroffen.
Auswirkungen auf Passagiere und Personal
Für die zehntausenden betroffenen Passagiere bedeutet die Krise lange Wartezeiten bei Umbuchungen und in der telefonischen Betreuung. KLM gab bekannt, dass die Bearbeitung von Ersatzflügen aufgrund der begrenzten Kapazitäten bei allen Fluggesellschaften deutlich länger dauert als üblich. In einigen Fällen konnten Alternativflüge erst für das Ende der Woche angeboten werden. Ein besonderes Augenmerk liegt auf dem Schutz minderjähriger Reisender: KLM hat das Programm für unbegleitete Kinder vorübergehend ausgesetzt, um zu verhindern, dass diese in den Wirren des gestörten Betriebs am Flughafen stranden.
Das Bodenpersonal arbeitet unterdessen an der Belastungsgrenze. Die physische Arbeit bei Minusgraden und die Koordination der deplatzierten Gepäckstücke stellen enorme Anforderungen dar. Es wird geschätzt, dass die finanziellen Auswirkungen durch Entschädigungsansprüche und operative Mehrkosten bereits in den ersten Tagen des Jahres die Marke von 100 Millionen Euro überschritten haben.
Ausblick auf die kommenden Tage
Meteorologen rechnen damit, dass die instabile Wetterlage in den Niederlanden noch einige Zeit anhalten könnte. Zwar bemühen sich die Verantwortlichen in Schiphol um eine Normalisierung des Betriebs, doch die Wiederherstellung des vollen Flugplans wird mehrere Tage in Anspruch nehmen, sobald sich das Wetter beruhigt hat. Die Fluggesellschaften raten Reisenden dringend dazu, den Flugstatus online zu prüfen und bei einer Annullierung nicht zum Flughafen zu kommen, um die dortigen Kapazitäten nicht weiter zu beanspruchen.
Der Vorfall in Amsterdam steht in einer Reihe mit ähnlichen wetterbedingten Störungen an anderen europäischen Drehkreuzen wie Paris Charles de Gaulle, was die überregionale Vernetzung und die daraus resultierenden Domino-Effekte im Luftverkehr verdeutlicht. Die Fähigkeit der Flughäfen, schnell auf solche Krisen zu reagieren, bleibt ein entscheidender Faktor für die Zuverlässigkeit des globalen Verkehrsnetzes im Winter.