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Kritische Entscheidung in Extremer Höhe: Pilotenmanöver rettet A330 aus Turbulenzlage

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Ein aktueller Untersuchungsbericht aus Südafrika beleuchtet einen schwerwiegenden Zwischenfall an Bord eines Airbus A330-300 der South African Airways auf dem Flug von Kapstadt nach Johannesburg am 27. Oktober 2024. Das Flugzeug, das mit 211 Passagieren und zwölf Besatzungsmitgliedern besetzt war, geriet in seiner maximal zulässigen Reiseflughöhe von 41.000 Fuß (Flight Level 410, kurz FL410) in starke Klarluftturbulenzen.

Der Bericht schildert, wie die Maschine intensiv auf- und abschwang und drohte, in einen sogenannten Overspeed-Bereich zu geraten, was einer potenziellen Überschreitung der maximal zulässigen Fluggeschwindigkeit gleichkommt. Die kritische Situation zwang den verantwortlichen Piloten zu einer ungewöhnlichen Reaktion: der manuellen Deaktivierung des Autopiloten, ein Manöver, das den expliziten Anweisungen des Airbus-Bedienhandbuchs widersprach. Diese Entscheidung führte jedoch in der Folge zur Stabilisierung des Flugzeugs und zur sicheren Fortsetzung des Fluges, wenn auch vier Kabinenbesatzungsmitglieder leichte Verletzungen erlitten. Die Untersuchung der südafrikanischen Behörden zielt darauf ab, die Umstände und die korrekte Handhabung solcher Situationen in extremen Flughöhen zu bewerten.

Dramatischer Zwischenfall in der Stratosphäre

Die Situation an Bord der A330 mit dem Kennzeichen ZS-SXJ entwickelte sich in einer Höhe, die als „coffin corner“ (Sargnagel-Ecke) bekannt ist. In der maximalen Reiseflughöhe nähert sich die wahre Fluggeschwindigkeit des Flugzeugs sehr stark sowohl der minimal zulässigen Geschwindigkeit (Stall Speed) als auch der maximal zulässigen Höchstgeschwindigkeit (Overspeed). Der Abstand zwischen diesen beiden kritischen Geschwindigkeiten, der sogenannte „Flight Envelope“, ist hier nur sehr gering. Turbulenzen, insbesondere die schwer vorhersehbaren Klarluftturbulenzen (Clear-Air Turbulence, CAT), können ein Flugzeug in dieser Höhe schnell in einen gefährlichen Geschwindigkeitsbereich drücken.

Der Untersuchungsbericht hält fest, dass das Flugzeug bei FL410 massiv durchgeschüttelt wurde und dabei um bis zu 40 Knoten in den Overspeed-Bereich zu driften drohte. Overspeed bedeutet eine erhebliche strukturelle Belastung für das Flugzeug, die im schlimmsten Fall zu Schäden führen kann. Gleichzeitig riskiert die Crew durch die Auf- und Abschwünge des Flugzeugs in dieser Höhe, dass die Geschwindigkeit durch die Luft (Airspeed) in den Stall-Bereich absinkt, was zum Strömungsabriss führen kann.

Abweichung vom Vorgeschriebenen Verfahren

Angesichts der dynamischen und sich schnell verschlechternden Situation traf der fliegende Pilot die kritische Entscheidung, den Autopiloten abzuschalten, um manuell korrigierend einzugreifen und so eine Überschreitung der Höchstgeschwindigkeit sowie die starken vertikalen Schwingungen zu verhindern. Diese Aktion steht im Gegensatz zu den standardisierten Verfahren, die von Airbus für Overspeed-Situationen in Reisehöhe vorgesehen sind.

Das Airbus-Handbuch empfiehlt bei Overspeed-Ereignissen in der Regel, den Autopiloten und das Autothrust-System (automatische Schubkontrolle) aktiv zu lassen. Die Begründung dafür ist, dass der Autopilot, der über eine integrierte Schutzfunktion verfügt, in der Lage ist, die Flughöhe präzise zu korrigieren, um die Geschwindigkeit unter Kontrolle zu halten. Ein manuelles Eingreifen, insbesondere bei abrupten Manövern, kann in großer Höhe aufgrund der geringeren Luftdichte und des engen Geschwindigkeitsbereichs zu Überreaktionen führen. Tatsächlich zeigen Daten, dass der Autopilot in den meisten Overspeed-Ereignissen im Reiseflug stabil bleibt und nur bei größeren oder anhaltenden Überschreitungen automatisch abschaltet.

Die südafrikanischen Ermittler betonen in ihrem Bericht die Abweichung vom vorgeschriebenen Vorgehen. Die genauen Beweggründe für die Entscheidung des Piloten, das Handbuch zu ignorieren, werden ein zentraler Punkt der weiteren Untersuchung sein. In der Luftfahrt gilt die strikte Einhaltung des Handbuchs als oberstes Gebot, da die vordefinierten Verfahren auf umfangreichen Tests und Sicherheitsanalysen basieren.

Flugzeug stabilisiert sich nach Höhenwechsel

Nach der manuellen Übernahme der Kontrolle gelang es den Piloten, die A330-300 auf eine geringere Flughöhe von 39.000 Fuß (FL390) zu bringen. Auf dieser Höhe stabilisierte sich das Flugzeug, da der größere Abstand zwischen der minimalen und maximalen Geschwindigkeit (Flight Envelope) die Steuerung in turbulenter Luft erleichtert.

Die unmittelbare Folge der Turbulenz waren Verletzungen bei vier Mitgliedern der Kabinenbesatzung. Verletzungen des Kabinenpersonals oder von Passagieren sind bei unerwartet starken Turbulenzen häufig, da die Anschnallzeichen oft zu spät oder erst nach dem Einsetzen der Erschütterungen aktiviert werden. Am Flugzeug selbst wurden nach der sicheren Landung in Johannesburg keine strukturellen Schäden festgestellt.

Die Untersuchung des Zwischenfalls durch die South African Civil Aviation Authority (SACAA) mit Unterstützung durch internationale Experten zielt darauf ab, die Wechselwirkungen zwischen Klarluftturbulenzen, Fluggeschwindigkeit in großer Höhe und den automatischen Steuerungssystemen des Flugzeugs detailliert zu analysieren. Die Ergebnisse sind relevant für die Schulung von Besatzungen und die zukünftige Gestaltung von Flugverfahren in turbulenten Lufträumen, insbesondere da Klarluftturbulenzen tendenziell an Intensität zunehmen.

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