Airbus A319 German Air Force (Foto: Mario Caruana / MAviO News).
Redakteur
Letztes Update
Give a coffee
Informationen sollten frei für alle sein, doch guter Journalismus kostet viel Geld.
Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, können Sie Aviation.Direct freiwillig auf eine Tasse Kaffee einladen.
Damit unterstützen Sie die journalistische Arbeit unseres unabhängigen Fachportals für Luftfahrt, Reisen und Touristik mit Schwerpunkt D-A-CH-Region und zwar freiwillig ohne Paywall-Zwang.
Wenn Ihnen der Artikel nicht gefallen hat, so freuen wir uns auf Ihre konstruktive Kritik und/oder Ihre Hinweise wahlweise direkt an den Redakteur oder an das Team unter unter diesem Link oder alternativ über die Kommentare.
Ihr
Aviation.Direct-Team

Logistik und Leerflüge: Die Flugbereitschaft der Bundeswehr unter parlamentarischer Beobachtung

Werbung

Die Flugbereitschaft des Bundesministeriums der Verteidigung steht erneut im Zentrum einer Debatte über die operative Effizienz und die Stationierung ihrer Flotte. Neue Zahlen aus dem Verteidigungsministerium, die infolge einer parlamentarischen Anfrage der Gruppe Die Linke veröffentlicht wurden, legen offen, dass im zweiten Halbjahr 2025 die Anzahl der Flüge ohne offizielle Regierungsvertreter die Zahl der beförderten Delegationen deutlich überstieg.

Im Zeitraum vom 6. Mai 2025, dem Tag des Amtsantritts der Bundesregierung unter Bundeskanzler Friedrich Merz, bis zum Jahresende wurden 488 Flüge mit Kabinettsmitgliedern oder dem Bundespräsidenten registriert. Diesen stehen jedoch 700 sogenannte Bereitstellungsflüge gegenüber. Diese Diskrepanz zwischen Passagierflügen und Leerflügen nährt die politische Diskussion um die Beibehaltung des Standorts Köln-Wahn und die allgemeine Nutzung staatlicher Transportressourcen in Zeiten knapper Haushalte.

Struktur und Stationierung als Kostentreiber

Der Kern der Problematik liegt in der geografischen Trennung von Regierungsstandort und Heimatstützpunkt der Flugbereitschaft. Während sich der politische Betrieb nahezu vollständig in Berlin konzentriert, ist der Großteil der Flugzeuge und das Personal des 1. Lufttransportgeschwaders weiterhin auf dem Flughafen Köln/Bonn stationiert. Ein Bereitstellungsflug wird immer dann notwendig, wenn eine Maschine von Köln nach Berlin-Brandenburg fliegen muss, um dort den Bundeskanzler, Minister oder den Bundespräsidenten aufzunehmen. Nach Abschluss einer Reise kehren die Maschinen oft ohne Passagiere nach Köln zurück, sofern kein unmittelbarer Anschlussauftrag vorliegt.

Kritiker wie der Abgeordnete Dietmar Bartsch bezeichnen diese Regelung als teuren Konstruktionsfehler, der seit dem Umzug der Regierung von Bonn nach Berlin vor über drei Jahrzehnten besteht. Zwar gibt es in Berlin eine Außenstelle der Flugbereitschaft mit Hubschraubern für den Kurzstreckenverkehr, die großen Lang- und Mittelstreckenmaschinen wie der Airbus A350 oder der A321neoLR sind jedoch in Nordrhein-Westfalen beheimatet. Das Verteidigungsministerium verteidigt diese Praxis regelmäßig mit dem Hinweis auf die dort vorhandene Wartungsinfrastruktur und die Nutzung der Leerflüge für die Ausbildung der Pilotinnen und Piloten.

Statistische Verteilung der Flugbewegungen

Die detaillierte Auflistung der Flugbewegungen zeigt ein klares Gefälle innerhalb der Ressorts. Spitzenreiter bei der Nutzung der VIP-Flotte ist das Bundeskanzleramt mit 106 Flügen seit Mai 2025. Dies spiegelt die hohe Reisetätigkeit des Regierungschefs in einer geopolitisch volatilen Lage wider. Dicht dahinter folgt das Auswärtige Amt unter der Leitung des Außenministers mit 96 Flügen. Der Bundespräsident nutzte die Flugbereitschaft im selben Zeitraum 66 Mal für Staatsbesuche und repräsentative Aufgaben.

Am unteren Ende der Skala rangiert das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, das lediglich zweimal auf die Dienste des Geschwaders zurückgriff. Diese Zahlen verdeutlichen, dass die Nutzung der Flugbereitschaft primär ein Instrument der Spitzenpolitik und der Diplomatie bleibt. Dennoch rügt die Opposition die Häufigkeit der Nutzung. Ein Durchschnitt von mehr als einem Flug pro Tag durch Regierungsmitglieder sei ein Ausmaß, das laut Bartsch in der aktuellen wirtschaftlichen Lage kaum zu vermitteln sei. Die Forderung nach einer verstärkten Nutzung von Linienflügen oder der Bahn wird dabei als Alternative angeführt, um die Kosten für das Sondervermögen und den regulären Verteidigungshaushalt zu entlasten.

Aus- und Weiterbildung als operative Notwendigkeit

Das Verteidigungsministerium hält der Kritik entgegen, dass die Flugstunden ohne Passagiere nicht als reine Verschwendung gewertet werden dürfen. Die Piloten der Flugbereitschaft unterliegen strengen Zertifizierungsregeln und müssen eine bestimmte Anzahl an Flugstunden und Landungen absolvieren, um ihre Lizenzen aufrechtzuerhalten. Bereitstellungsflüge werden daher oft als Trainingsflüge deklariert. Hierbei werden spezifische Manöver geübt, die im Beisein von hochrangigen Staatsgästen nicht durchgeführt werden können. Dazu gehören etwa Instrumentenanflüge unter erschwerten Bedingungen oder das Training von Notfallverfahren.

Dennoch bleibt der Vorwurf im Raum, dass ein Standortwechsel nach Berlin diese Trainingsflüge effizienter gestalten könnte. Ein Umzug der gesamten Infrastruktur inklusive Werften und Personalwohnungen würde jedoch initiale Milliardeninvestitionen erfordern. Bisherige Wirtschaftlichkeitsprüfungen kamen zu dem Ergebnis, dass die Kosten für einen kompletten Neubau der Basis in Berlin die Einsparungen durch wegfallende Leerflüge über viele Jahre hinweg übersteigen würden. Somit bleibt das logistische Dreieck zwischen Köln, Berlin und den weltweiten Zielorten vorerst bestehen.

Vergleich mit internationalen Standards

Im internationalen Vergleich steht Deutschland mit seiner Praxis der getrennten Stationierung nicht allein, nimmt aber eine Sonderrolle ein. In den USA ist die Air Force One auf der Joint Base Andrews stationiert, die unmittelbar an Washington D.C. angrenzt. Frankreich konzentriert seine Regierungsflotte ebenfalls am Flughafen Paris-Villacoublay in direkter Nähe zur Hauptstadt. Die deutsche Situation ist historisch bedingt durch die föderale Struktur und die langsame Abwicklung des Standorts Bonn.

Die Diskussion um die Flugbereitschaft ist auch eine Diskussion um das Image der Politik. Während die Regierung die Notwendigkeit schneller, sicherer und abhörsicherer Kommunikation während der Reise betont, die nur in regierungseigenen Maschinen gewährleistet werden kann, fokussiert sich die öffentliche Kritik auf die optische Wirkung der leeren Flugzeuge am Himmel. Die Transparenzberichte, die nun regelmäßig infolge parlamentarischer Anfragen erscheinen, haben dazu geführt, dass die Sensibilität für die Flugplanung innerhalb der Ministerien gestiegen ist.

Zukünftige Entwicklungen und Modernisierung

Die Flugbereitschaft hat in den letzten Jahren eine umfassende Flottenmodernisierung erfahren. Mit der Indienststellung der drei Airbus A350-900 verfügt die Bundeswehr über eine der modernsten Regierungsflotten weltweit. Diese Maschinen sind leistungsfähiger und zuverlässiger als die pannenanfälligen Vorgängermodelle vom Typ A340. Die höhere Zuverlässigkeit soll dazu beitragen, dass weniger Ersatzmaschinen bereitgehalten werden müssen, was theoretisch die Anzahl der Bereitstellungsflüge reduzieren könnte.

Trotz der moderneren Technik bleibt die logistische Grundsatzentscheidung politisch brisant. Solange die Maschinen für jeden Einsatz in Berlin erst aus Köln angefordert werden müssen, wird die Quote der Leerflüge hoch bleiben. Das Verteidigungsministerium wird auch in Zukunft darlegen müssen, wie das Verhältnis von 700 Bereitstellungsflügen zu 488 Passagierflügen mit dem Ziel einer effizienten Haushaltsführung in Einklang zu bringen ist. Die parlamentarische Kontrolle durch Anfragen, wie sie von der Linken initiiert wurden, bleibt dabei ein wesentliches Instrument, um die Kostenstrukturen der staatlichen Repräsentation offenzulegen und zur Debatte zu stellen.

Werbung

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..

Werbung