LH Allegris Business Class (Foto: Lufthansa).
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Lufthansa muss Allegris-Class-Sitze in neuen Dreamlinern weiterhin sperren

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Die Einführung des neuen Kabinenprodukts Allegris bei der Lufthansa gestaltet sich deutlich komplexer als ursprünglich von der Konzernleitung geplant. Wie aus aktuellen Berichten der Nachrichtenagentur Bloomberg und weiteren Branchenkreisen hervorgeht, bleibt ein Großteil der Business-Class-Sitze in den neu ausgelieferten Boeing 787-9 vorerst für den Verkauf gesperrt. Und das könnte laut Informationen von Bloomberg auch noch länger so bleiben.

Grund hierfür ist eine noch ausstehende Sicherheitszertifizierung durch die US-amerikanische Bundesluftfahrtbehörde FAA. In der Konsequenz können derzeit in den betroffenen Maschinen lediglich vier der insgesamt 28 verfügbaren Plätze in der Business Class gebucht werden. Während die Fluggesellschaft zunächst auf eine Freigabe zum Jahreswechsel 2025/2026 gehofft hatte, deuten Insider-Informationen nun darauf hin, dass eine vollständige Nutzung der Kabine nicht vor Sommer 2026 realistisch ist. Diese Verzögerung trifft das Unternehmen zu einem kritischen Zeitpunkt, da die Reisebranche unmittelbar vor der aufkommensstarken Hochsaison steht und die entgangenen Einnahmen im Premium-Segment die wirtschaftliche Bilanz der Langstreckenflotte belasten.

Hintergründe der Verzögerung und behördliche Anforderungen

Die Probleme wurzeln in verschärften Sicherheitsanforderungen der FAA an das Befestigungssystem der neuartigen Sitzmodule. Da die Allegris-Kabine eine Vielzahl unterschiedlicher Sitzoptionen bietet – von Suiten mit Schiebetüren bis hin zu Plätzen mit extra langen Betten –, müssen für jede dieser Konfigurationen detaillierte Nachweise zur Crashsicherheit erbracht werden. Der Sitzhersteller Collins Aerospace und der Flugzeugbauer Boeing stehen dabei in der Pflicht, umfangreiche Testreihen zu dokumentieren, die belegen, dass die Module auch bei extremen kinetischen Belastungen sicher in der Bodenstruktur des Flugzeugs verankert bleiben. Jüngsten Informationen zufolge hat die FAA zwischenzeitlich zusätzliche Tests angefordert, was den Zeitplan weiter nach hinten verschiebt.

Erschwert wurde der gesamte Genehmigungsprozess durch externe Faktoren in den Vereinigten Staaten. Der Regierungsstillstand (Shutdown) im Herbst 2025 legte die Arbeit bei der FAA über mehrere Wochen weitgehend lahm, was zu einem erheblichen Rückstau bei allen Zertifizierungsverfahren führte. Ein Sprecher der Lufthansa bestätigte gegenüber Medien, dass die Partner intensiv an einer zeitnahen Lösung arbeiteten, nannte jedoch kein verbindliches Datum für den Abschluss des Verfahrens. Die aktuelle Entscheidung, die Sitze vorerst bis Ende Juni im Buchungssystem gesperrt zu lassen, gilt als Vorsichtsmaßnahme, um kurzfristige Umbuchungen und Enttäuschungen bei den Passagieren zu vermeiden.

Wirtschaftliche Konsequenzen und operative Gegenmaßnahmen

Für die Lufthansa Group ist die aktuelle Situation mit erheblichen finanziellen Einbußen verbunden. Konzernchef Carsten Spohr hatte bereits in internen Mitteilungen darauf hingewiesen, dass das Allegris-Produkt aufgrund seiner hochwertigen Ausstattung und der individuellen Wahlmöglichkeiten einen um etwa zehn Prozent höheren Durchschnittserlös pro Sitz ermöglichen soll als herkömmliche Business-Class-Produkte. Da pro Flug derzeit 24 Plätze in der lukrativen Premium-Kabine leer bleiben müssen oder lediglich für Upgrades kurzfristig genutzt werden können, entgehen dem Konzern auf jeder Verbindung signifikante Umsätze.

Um die Kapazitätsengpässe auf wichtigen Langstreckenrouten abzufangen, prüft die Airline derzeit ungewöhnliche Maßnahmen. In Branchenkreisen wird über die Reaktivierung einiger Airbus A340-Modelle spekuliert, die derzeit am spanischen Lagerort Teruel geparkt sind. Diese älteren Maschinen verfügen zwar nicht über die modernste Kabinenausstattung, bieten aber eine verlässliche Sitzplatzkapazität ohne Zertifizierungsrisiken. Dies verdeutlicht den Druck, unter dem die Netzplanung steht, um das Passagieraufkommen im Sommer 2026 bewältigen zu können. Trotz der aktuellen Rückschläge hält die Lufthansa an ihrem ambitionierten Zeitplan für den Flottenumbau fest. Bis Ende 2026 soll jedes dritte Flugzeug der Interkontinentalflotte mit dem neuen Kabinenprodukt ausgestattet sein, bis 2027 soll dieser Anteil auf über zwei Drittel steigen.

Strategische Bedeutung der Kabinenmodernisierung

Die Einführung von Allegris ist das größte Investitionsprojekt in der Geschichte der Lufthansa-Kabine. Es umfasst nicht nur die Boeing 787-9 Flotte, sondern wird auch sukzessive in die Airbus A350-Neuauslieferungen und im Rahmen von Retrofits in bestehende Flugzeuge integriert. Ziel ist es, durch eine stärkere Produktdifferenzierung im globalen Wettbewerb mit den Airlines aus dem Nahen Osten und Asien wieder an Boden zu gewinnen. Die aktuelle Teilsperrung der Kabine betrifft dabei vor allem jene Dreamliner, die seit Oktober 2025 im Streckennetz eingesetzt werden.

Obwohl die Hardware bereits verbaut ist und von den Passagieren physisch wahrgenommen werden kann, bleibt die Nutzung der restlichen Reihen rechtlich untersagt, solange die FAA die endgültige Freigabe für das spezifische Befestigungssystem verweigert. Dies führt zu der paradoxen Situation, dass hochmoderne Flugzeuge mit fast leerer Business Class über den Atlantik fliegen, während die Nachfrage nach Premium-Reisen auf Rekordniveau liegt. Branchenexperten beobachten nun genau, ob Boeing und Collins Aerospace die geforderten Nachweise bis zum Sommer erbringen können, um den operativen Schaden für die Lufthansa zu begrenzen.

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