Der Lufthansa-Konzern baut seine Marktposition auf den Langstreckenverbindungen zwischen Europa und Südamerika durch eine Milliardeninvestition auf der Iberischen Halbinsel aus.
Im Rahmen des Privatisierungsverfahrens der portugiesischen Nationalgesellschaft TAP Air Portugal setzte sich die deutsche Luftfahrtgruppe gegen den europäischen Mitbewerber Air France-KLM durch. Wie die Regierung in Lissabon sowie Konzernvertreter Mitte Oktober 2026 bestätigten, übernimmt die Lufthansa Group zunächst einen Anteil von 44,9 Prozent an der staatlichen Fluggesellschaft für einen Kaufpreis von 1,025 Milliarden Euro. Ein zusätzliches Paket von bis zu 5,0 Prozent der Anteile ist vorrangig für die Belegschaft von TAP reserviert; sollten diese Optionen von den Beschäftigten nicht vollumfänglich wahrgenommen werden, kann die Lufthansa ihren Anteil auf bis zu 49,9 Prozent aufstocken, wodurch sich das anfängliche Transaktionsvolumen auf 1,201 Milliarden Euro erhöht. Der Deal bewertet TAP Air Portugal insgesamt mit 2,552 Milliarden Euro – eine Summe, die etwa 30 Prozent des aktuellen Börsenwerts des Lufthansa-Konzerns entspricht.
Gewerkschaftliche Bedenken und spürbarer Aufpreis im Bietergefecht
Die Transaktion stößt innerhalb der Lufthansa-Belegschaft und bei Arbeitnehmervertretern nicht ungeteilt auf Zustimmung. Die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit übte deutliche Kritik an den finanziellen Parametern der Beteiligung und verwies auf den außergewöhnlich hohen Preis für eine reine Minderheitsposition. Nach Berechnungen der Gewerkschaft zahlt die Lufthansa für das Minderheitspaket von 44,9 Prozent rund 21 Prozent mehr als die zweitplatzierte Bietagruppe Air France-KLM. Zudem liege die vereinbarte Bewertung um etwa 46 Prozent über den ursprünglichen Markterwartungen von rund 700 Millionen Euro.
Lufthansa-Vorstandschef Carsten Spohr verteidigte die Aufwendungen auf einer Mitarbeiterversammlung in München gegen die geäußerten Zweifel. Spohr argumentierte, dass der Konzern seine finanziellen Mittel dort investieren müsse, wo die höchsten Ertragschancen bestehen. Neben den Geschäftsfeldern Lufthansa Cargo und Lufthansa Technik gehöre die Erschließung neuer Märkte in Südwesteuropa zu den profitablen Investitionspfaden. Portugal biete dem Konzern strukturelle Kostenvorteile sowie ein vorteilhafteres Steuersystem im Vergleich zum Heimatstandort Deutschland.
Synergieeffekte auf dem Atlantik und nahtlose Allianzeinbindung
Aus Sicht des Managements bietet der Einstieg bei TAP Air Portugal unmittelbare Vorteile in der Netzplanung. Die portugiesische Fluggesellschaft hält einen Marktanteil von rund 26 Prozent im Passagierverkehr zwischen Europa und Südamerika und verfügt über ein dicht ausgebautes Streckennetz mit Schwerpunkt Brasilien. Da TAP Air Portugal bereits seit Jahren Mitglied im globalen Bündnis Star Alliance ist, entfällt ein zeit- und kostenintensiver Allianzwechsel, wie er bei der Integration anderer Konzernbeteiligungen erforderlich war. Der Vorstand rechnet durch die Abstimmung von Flugplänen, gemeinsamen Einkauf und Vertriebssynergien mit jährlichen Ergebniseffekten von bis zu 450 Millionen Euro.
Operativ beinhaltet die Vereinbarung mit Lissabon Verpflichtungen zum Ausbau der Flotte. Das Abkommen sieht vor, die Flotte von TAP bis zum Jahr 2035 auf 117 Maschinen und nach der Fertigstellung des neuen Großflughafens in der Region Lissabon auf 130 Flugzeuge zu erweitern. In diesem Kontext ist vorgesehen, dass nach 2030 acht Langstreckenflugzeuge vom Typ Airbus A350-900 aus dem Lufthansa-Bestand zu TAP wechseln sollen, um das Transatlantiknetz weiter zu verstärken.
Finanzielle Absicherung und bilanzielle Auswirkungen
Trotz der Größenordnung der Transaktion betont die Konzernführung die Erhaltung der finanziellen Stabilität. Lufthansa-Finanzvorstand Till Streichert legte vor Analysten dar, dass der Betrag für das Erstpaket von bis zu 1,201 Milliarden Euro vollständig aus der bestehenden Liquidität des Konzerns finanziert werden kann, ohne neue Verbindlichkeiten am Kapitalmarkt aufzunehmen. Das Ausgabenprofil sei so strukturiert, dass die Bonitätsbewertung der Ratingagenturen nicht gefährdet werde. Das Unternehmen wird derzeit mit einem Rating von BBB- eingestuft, was der untersten Stufe des sogenannten Investment Grade entspricht.
Über eine vertraglich vereinbarte Dividendenregelung mit der portugiesischen Regierung gesichert, sollen dem deutschen Konzern trotz des formalen Status als Minderheitsaktionär bis zu 75 Prozent der künftigen Gewinnausschüttungen von TAP zufließen. Im Falle einer im Raum stehenden späteren Komplettübernahme stellt Lufthansa der Regierung in Lissabon eine Gegenleistung in Form von Konzernaktien im Umfang von bis zu fünf Prozent in Aussicht.
Die wirtschaftliche Ausgangslage des Übernahmekandidaten zeigt ein gemischtes Bild: Nach vier profitablen Geschäftsjahren in Folge wies TAP Air Portugal im ersten Halbjahr 2026 einen Nettoverlust von 99,2 Millionen Euro aus, was im Wesentlichen auf die gestiegenen Kerosinausgaben zurückzuführen war. Der Betriebsumsatz stieg im selben Zeitraum um 4,3 Prozent auf rund zwei Milliarden Euro, während das Passagieraufkommen um 4,2 Prozent auf 8,2 Millionen Fluggäste zulegte. Parallel zum Engagement bei der Fluggesellschaft investiert der Lufthansa-Konzern in Portugal in weitere Standorte, darunter eine Einrichtung von Lufthansa Technik bei Porto mit bis zu 700 Arbeitsplätzen sowie Schulungskapazitäten der Lufthansa Aviation Training. Die wettbewerbsrechtliche Prüfung durch die europäische Fusionskontrolle in Brüssel wird voraussichtlich mehrere Monate in Anspruch nehmen.