Boeing 767 (Foto: Jan Gruber).
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Millionenschwerer Vergleich: Delta Air Lines zahlt nach Notablassung von Kerosin

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Nach einem Notfall im Jahre 2020, bei dem ein Flugzeug der Delta Air Lines Tausende Kilogramm Kerosin über dicht besiedeltem Gebiet abließ, hat sich die Fluggesellschaft zu einem millionenschweren Vergleich bereit erklärt.

Der Vorfall, der sich am 14. Januar 2020 über Teilen von Los Angeles und Orange County ereignete, führte zu einer Sammelklage von zehntausenden Grundstückseigentümern. Diese warfen der Airline vor, unnötigerweise in niedriger Höhe Treibstoff abgelassen und ihre Grundstücke kontaminiert zu haben. Obwohl Delta jedes Fehlverhalten von sich wies, hat sich das Unternehmen nun zur Zahlung von 78,75 Millionen Dollar (rund 68 Millionen Euro) bereit erklärt, um einen langwierigen Rechtsstreit zu vermeiden. Der vorgeschlagene Vergleich bedarf noch der richterlichen Zustimmung, schliesst aber einen der aufsehenerregendsten Fälle in der jüngeren US-amerikanischen Luftfahrtgeschichte ab.

Der Zwischenfall über Los Angeles: Ein Routineflug mit drastischen Folgen

Der Fall geht auf einen Flug von Los Angeles nach Shanghai zurück, der kurz nach dem Start in Schwierigkeiten geriet. Die Boeing 777, die mit 167 Passagieren und Besatzungsmitgliedern besetzt war, erlitt kurz nach dem Abheben einen Triebwerkschaden, der sich in einem Leistungsverlust bemerkbar machte. Gemäß dem Sicherheitsprotokoll entschieden sich die Piloten, die Maschine umgehend zum Los Angeles International Airport (LAX) zurückzuführen. Um eine sichere Landung zu gewährleisten, war es notwendig, das Gewicht des Flugzeugs zu reduzieren. Aus diesem Grund wurde die Notablassung von Treibstoff angeordnet.

An Bord des Flugzeugs befanden sich Tausende Kilogramm Kerosin, die für den Langstreckenflug nach China benötigt wurden. Die Piloten liessen rund 6800 Kilogramm der brennbaren Flüssigkeit aus den Tanks ab. Tragischerweise erfolgte der Ablass nicht über dem Meer oder in unbesiedeltem Gebiet, sondern über einem Ballungsraum. Die kerosinhaltige Wolke regnete auf Wohngebiete, Schulen und andere öffentliche Einrichtungen. Mehrere Dutzend Menschen am Boden, darunter Lehrer und Schüler, wurden wegen leichter Verletzungen wie Hautreizungen und Atemwegsproblemen behandelt. Die Behörden sperrten Schulen und rieten den Anwohnern, in den Häusern zu bleiben. Die Öffentlichkeit reagierte mit Bestürzung und Entsetzen.

Sicherheitsprotokoll kontra öffentliche Gesundheit: Die Kontroverse um den Treibstoffablass

Das Verfahren des Treibstoffablasses, auch als Fuel Jettison bekannt, ist in der Luftfahrtindustrie ein etabliertes Sicherheitsprotokoll. Flugzeuge haben ein maximales Startgewicht, das in der Regel höher ist als das maximale Landegewicht. Ein vollgetanktes Langstreckenflugzeug, das kurz nach dem Start zu einer Notlandung zurückkehren muß, ist daher oft zu schwer, um sicher zu landen. Eine Landung mit Übergewicht kann zu einer Überbeanspruchung der Bremsen, einem Überhitzen der Reifen oder sogar zu strukturellen Schäden am Fahrwerk oder am Flugzeugrumpf führen. Die Piloten müssen in einer solchen Situation das Gewicht der Maschine so weit wie möglich reduzieren, um das Risiko für Passagiere und Besatzung zu minimieren.

Die Kritiker in diesem Fall stellten jedoch die Frage, ob die Piloten das Verfahren korrekt durchgeführt haben. Es wurde argumentiert, daß die Piloten das Kerosin in einer niedrigen Höhe abliessen, anstatt es über dem Pazifik oder in einer so grossen Höhe freizusetzen, wo es sich verflüchtigt und nicht auf bewohntem Gebiet niedergeschlagen hätte. Die Kläger führten an, die Piloten hätten es unterlassen, die international festgelegten Richtlinien zu befolgen, die den Treibstoffablass in geringer Höhe über dicht besiedelten Gebieten untersagen, es sei denn, es handelt sich um einen äusserst kritischen Notfall, der keine andere Wahl lässt. Die Kontroverse drehte sich also nicht um die Notwendigkeit des Treibstoffablasses an sich, sondern um die Art und Weise, wie er durchgeführt wurde.

Das juristische Nachspiel: Sammelklage, Streit und Vergleich

Kurz nach dem Vorfall wurde eine Sammelklage gegen Delta Air Lines eingereicht, die die Interessen der geschätzt 38.000 betroffenen Grundstückseigentümer oder Bewohner vertrat. Die Kläger forderten eine Entschädigung für die entstandenen Schäden an ihrem Eigentum sowie für die Kosten der Reinigung. Darüber hinaus verlangten sie Schmerzensgeld für die erlittenen Verletzungen und psychischen Belastungen. In der Klage wurde geltend gemacht, daß die Fluggesellschaft fahrlässig gehandelt habe, indem sie das Kerosin über Wohngebieten abliess, anstatt das sicherere Verfahren über dem Pazifik anzuwenden.

Delta Air Lines wies die Vorwürfe von Anfang an entschieden zurück und betonte, daß die Piloten in einer Notsituation gehandelt hätten und ihre Entscheidungen auf der Gewährleistung der Sicherheit aller an Bord basierten. Dennoch entschieden sich die Anwälte der Fluggesellschaft für einen Vergleich. Das Unternehmen begründete diesen Schritt damit, die „Unsicherheiten und Kosten eines langwierigen Rechtsstreits“ vermeiden zu wollen. Das Gerichtsverfahren hätte sich über Jahre hinziehen können und ein Urteil hätte sowohl die Reputation des Unternehmens als auch die finanzielle Bilanz erheblich belasten können. Die nun vorgeschlagene Vergleichszahlung von 78,75 Millionen Dollar soll, nach Abzug von Anwalts- und Verfahrenskosten, in Höhe von etwa 50,6 Millionen Dollar an die Betroffenen ausgezahlt werden.

Die Rolle der Aufsichtsbehörden: Eine Einschätzung der US-Luftfahrtbehörde

Im Gegensatz zur juristischen Auseinandersetzung kam eine separate Untersuchung der US-Luftfahrtbehörde FAA zu einem anderen Schluss. Die FAA, die für die Sicherheit und Regulierung der zivilen Luftfahrt in den Vereinigten Staaten zuständig ist, untersuchte den Vorfall gründlich. Nach der Analyse der Flugdaten und der Kommunikation zwischen den Piloten und der Flugverkehrskontrolle stellte die Behörde fest, daß keine Verstösse seitens der Piloten vorlagen. Dies stützt die Position von Delta Air Lines, daß die Besatzung in einer kritischen Situation entsprechend den geltenden Notfallverfahren gehandelt habe. Die FAA-Einschätzung zeigt die Dichotomie zwischen den juristischen und den operativen Perspektiven auf. Während die Fluggesellschaft nach den Maßstäben der Luftsicherheit korrekt gehandelt haben mag, führte die Entscheidung dennoch zu einem Schaden und einer Haftung, die von den Gerichten beurteilt wurden.

Die rechtlichen und ethischen Konsequenzen: Lehren aus dem Vorfall

Der Vorfall und die anschliessende Einigung haben weitreichende Konsequenzen für die Luftfahrtindustrie. Einerseits bestätigt der Vergleich, daß Fluggesellschaften eine finanzielle Verantwortung für die Schäden übernehmen müssen, die durch ihre Notfallmassnahmen verursacht werden, selbst wenn diese Massnahmen aus Gründen der Sicherheit getroffen wurden. Dies könnte einen Präzedenzfall für ähnliche Vorfälle in der Zukunft schaffen. Andererseits wirft der Fall Fragen zu den bestehenden Protokollen für den Treibstoffablass auf. Während diese Prozedur in den meisten Fällen über dem Meer oder in unbesiedelten Gebieten ohne Zwischenfälle durchgeführt wird, zeigt der Vorfall, daß Notfälle auch über Städten auftreten können und eine Anpassung der Verfahren oder eine intensivere Schulung erforderlich sein könnten.

Die Kontroverse unterstreicht das Spannungsfeld zwischen der Notwendigkeit, Passagiere und Besatzung an Bord zu schützen, und der Pflicht, die Sicherheit und Gesundheit der Bevölkerung am Boden zu gewährleisten. Für die Luftfahrtbranche wird es entscheidend sein, aus diesem Vorfall zu lernen und sicherzustellen, daß die Notfallprotokolle so angepasst werden, daß die Risiken für die Öffentlichkeit minimiert werden, ohne die Flugsicherheit zu gefährden.

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