Flixtrain (Foto: Steffen Lorenz).
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Mit Gepäckgebühren im Ryanair-Style: Flix fordert die Deutsche Bahn heraus

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Die Deutsche Bahn (DB), seit Jahrzehnten unangefochtene Marktführerin im deutschen Fernverkehr auf der Schiene, sieht sich mit einer neuen, ambitionierten Herausforderung konfrontiert. Das Unternehmen Flix, bekannt durch seine erfolgreichen Fernbuslinien unter der Marke Flixbus, kündigte eine massive Expansion in den Zugverkehr an.

Mit einer Bestellung von 65 neuen Hochgeschwindigkeitszügen will Flix der DB mit einem neuen Konzept Konkurrenz machen und verspricht dabei vor allem günstigere Preise. Die angekündigte Strategie ist eine direkte Kampfansage an das bestehende System und wirft Fragen über die Zukunft des Fernverkehrs in Deutschland auf.

Ein radikal neues Konzept für den Fernzug

Das Herzstück der Flix-Strategie ist ein grundlegend anderer Ansatz als jener, den die Deutsche Bahn mit ihrem Intercity-Express-Konzept verfolgt. Flix-Chef und -Gründer André Schwämmlein betont, man wolle nicht einfach dasselbe anbieten wie der Platzhirsch. Die Philosophie lautet: Effizienz, Preisvorteil und eine Vereinfachung des Reiseerlebnisses. Ein zentraler Punkt ist die garantiert Sitzplatz-Garantie, die dem oft frustrierenden Kampf um freie Plätze in vollen Zügen der DB ein Ende bereiten soll.

Das Konzept sieht eine Reduktion auf das Wesentliche vor. An Bord der neuen Züge wird es weder eine erste Klasse noch ein herkömmliches Bordrestaurant geben. Stattdessen setzt Flix auf Snackautomaten, um den Reisenden eine Grundversorgung zu bieten und gleichzeitig Betriebskosten zu minimieren. Ein weiterer Fokus liegt auf dem barrierefreien und ebenerdigen Einstieg, der an das Modell von S-Bahnen angelehnt ist. Dies soll nicht nur den Komfort für Reisende mit Gepäck oder eingeschränkter Mobilität erhöhen, sondern auch die Haltezeiten an den Bahnhöfen verkürzen. Solche Effizienzgewinne können sich auf die Fahrplangestaltung auswirken und die Wirtschaftlichkeit des gesamten Betriebs verbessern.

Der spanische Hersteller Talgo, bei dem die 65 Hochgeschwindigkeitszüge im Wert von bis zu 2,4 Milliarden Euro geordert wurden, hat bereits Erfahrung im Bau von Zügen für den europäischen Markt. Die neuen Züge, deren Modellbezeichnung noch nicht offiziell bekanntgegeben wurde, sollen schrittweise in den Dienst gestellt werden. Der genaue Zeitplan und die konkreten Strecken stehen derzeit noch nicht fest. Wie Schwämmlein aber bereits anklingen ließ, könnten die Züge zunächst auf Hauptachsen in Deutschland eingesetzt werden, um eine hohe Auslastung zu gewährleisten und die notwendige Konkurrenz zur DB aufzubauen.

Preisstrategie und Wettbewerbsfragen

Die Preispolitik ist ein zentrales Versprechen von Flix. Das Unternehmen verspricht, immer günstiger als die Deutsche Bahn zu sein. Dieses Versprechen ist das Fundament, auf dem die gesamte Geschäftsstrategie ruht. Um dies zu erreichen, setzt Flix auf ein dynamisches Preismodell, ähnlich dem in der Luftfahrt und bei Fernbussen. Frühbucher, die sich für eine einfache Reise ohne Zusatzleistungen entscheiden, sollen von besonders niedrigen Tarifen profitieren. Für die Mitnahme großer Koffer oder die Wahl eines bestimmten Sitzplatzes werden jedoch zusätzliche Gebühren erhoben. Dieses gestaffelte Preissystem ermöglicht es dem Unternehmen, eine breite Masse anzusprechen und gleichzeitig zusätzliche Einnahmen zu generieren.

Ein Hauptanliegen von Flix ist es, einen „fairen Wettbewerb“ auf der Schiene im Fernverkehr zu etablieren. André Schwämmlein kritisiert die aktuellen Bedingungen scharf. Ein Hauptpunkt der Kritik ist der Zugang zur Vertriebsinfrastruktur. Der DB Navigator, als die meistgenutzte Ticket-Plattform in Deutschland, wurde mit staatlichen Geldern aufgebaut. Dennoch, so die Kritik, werden dort fast ausschließlich Tickets der DB und ihrer Partner vertrieben, während Konkurrenten wie Flix ausgeschlossen bleiben. Schwämmlein sieht darin eine unfaire Benachteiligung und eine Monopolisierung der Verkaufswege, die technisch unnötig sei. Flix kündigte bereits an, juristisch gegen diese Praxis vorzugehen. Ein offener Zugang zu dieser Plattform wäre für Flix von entscheidender Bedeutung, um eine breite Kundenschicht zu erreichen und die Ticketverkäufe zu maximieren.

Herausforderungen und Zukunftsaussichten

Obwohl Flix mit seiner Expansion große Ambitionen verfolgt, stehen dem Unternehmen erhebliche Herausforderungen bevor. Der Markteintritt in den Schienenfernverkehr ist ein komplexes und kapitalintensives Unterfangen. Die Anschaffung der Züge ist nur der erste Schritt. Hinzu kommen Kosten für den Betrieb, die Instandhaltung, das Personal und die Trassenentgelte, die an die DB Netz, eine Tochter der Deutschen Bahn, zu entrichten sind. Ein weiterer wichtiger Faktor ist der Aufbau eines eigenen, verlässlichen Netzes und die Etablierung einer starken Marke im Zugverkehr, die über die bereits bestehende Bekanntheit von Flixbus hinausgeht.

Die Deutsche Bahn selbst wird die neue Konkurrenz nicht untätig hinnehmen. Sie verfügt über ein etabliertes, dichtes Streckennetz, eine breite Palette an Angeboten und eine lange Tradition im deutschen Verkehrswesen. Die DB hat in den vergangenen Jahren selbst in neue Züge und Serviceverbesserungen investiert. Die Einführung einer Konkurrenz auf der Schiene könnte die DB jedoch dazu zwingen, ihre eigenen Angebote zu überdenken und möglicherweise ihre Preispolitik anzupassen, was letztlich den Konsumenten zugutekommen könnte.

Es ist nicht das erste Mal, dass ein privater Anbieter versucht, im deutschen Schienenfernverkehr Fuß zu fassen. Historisch gab es immer wieder Versuche von Unternehmen, die DB herauszufordern, aber nur wenige konnten sich langfristig etablieren. Die bisherigen Erfolge von Flix im Busverkehr könnten jedoch eine andere Ausgangslage darstellen. Das Unternehmen hat bewiesen, dass es ein dichtes und preisgünstiges Netz aufbauen kann. Ob dieses Geschäftsmodell auch im hochkomplexen und regulierten Schienenmarkt funktioniert, wird sich in den nächsten Jahren zeigen.

Für die Reisenden könnte der Wettbewerb jedoch eine positive Entwicklung darstellen. Mehr Auswahl, günstigere Preise und möglicherweise bessere Servicekonzepte könnten den deutschen Fernverkehrsmarkt beleben und die Attraktivität der Schiene als Reisemittel steigern. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob Flix in der Lage ist, seine vollmundigen Versprechen zu halten und der Deutschen Bahn tatsächlich nachhaltige Konkurrenz zu machen.

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