Motor Sich Airlines: Das fliegende Luftfahrtmuseum in der Ukraine

Antonov An-24 (Foto: Jan Gruber).
Antonov An-24 (Foto: Jan Gruber).

Motor Sich Airlines: Das fliegende Luftfahrtmuseum in der Ukraine

Antonov An-24 (Foto: Jan Gruber).
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In Europa setzen die meisten Fluggesellschaften auf moderne Maschinen und manchmal rühmt man sich auch damit wie jung die Flotte ist. In der Ukraine gibt es einen Carrier, der Maschinen, die in den 1960er und 1970er Jahren gebaut wurden, auf der Linie einsetzt: Motor Sich Airlines.

Gegründet wurde der Carrier noch zu Sowjetzeiten als Tochter des in Saporischschja ansässigen Motor Sich Konzerns. Dieser ist auch im Bereich der Produktion von Flugzeugantrieben tätig. Dieser Umstand spielt eine entscheidende Rolle, denn die meisten Triebwerke, die Motor Sich Airlines im Flugbetrieb benötigt, stellt die Muttergesellschaft selbst her. Als Auftragsproduzent von Antonov produziert man obendrein viele Ersatzteile selbst und das völlig legal, denn man ist der weltweit einzige autorisierte Produzent.

Unter diesem Aspekt ist es nicht verwunderlich, dass der Carrier eine definitiv in die Jahre gekommene Flotte unterhält, jedoch aufgrund konzerninterner Synergien wohl beneidenswert niedrige Anschaffungskosten für Triebwerke und Ersatzteile hat. Derzeit besteht die Flotte aus zwei Yakovlev Yak-40, drei Antonov AN-24RV, einer Antonov AN-140-100, einer Antonov AN-74TK-200 (Convertible), einer Antonov AN-12 (Cargo), drei Mil Mi-8MSB (Cargo) und zwei Mil Mi-2.

Jüngstes Flugzeug wurde im Jahr 2003 ausgeliefert

Die An-140-100 ist das jüngste Mitglied, denn die UR-14005, die auch eine Sonderlackierung trägt, wurde im Jahr 2003 fabrikneu ausgeliefert. Zum Vergleich: Die ebenfalls im Linienverkehr eingesetzte An-24 mit der Registrierung UR-MSI wurde im Jahr 1962 gebaut. Die Verkehrsflugzeuge haben – abgesehen von der An-140 – zumindest ein Dreimann-Cockpit. In manchen Maschinen versehen aber auch zusätzlich ein Navigator und sogar ein Funker ihren Dienst.

Die Corona-Pandemie ist auch an Motor Sich Airlines nicht spurlos vorübergegangen. Im Passagierbereich setzt man derzeit ausschließlich die Turbopropflugzeuge des Typs An-24RV, inklusive der UR-MSI, ein. Internationale Flüge führt man derzeit nicht durch, sondern fliegt ausschließlich innerhalb der Ukraine. Die Homebase ist der Flughafen Saporischschja, aber defacto ist der wichtigste Airport der Flughafen Kiew-Schuljany.

Hier laufen die Inlandsflüge aus Odessa, Lwiw und Saporischschja zusammen. Sogar Umstiege sind möglich und das mit zum Teil enorm kurzer Connection-Time. Motor Sich nutzt dazu mehr oder weniger exklusiv das Terminal D, das sich links neben dem internationalen Terminal A befindet. Dieses ist äußerst klein dimensioniert, so dass es bei der Abfertigung von drei An-24RV ganz schnell überfüllt ist. Sollte Motor Sich Airlines mal auf die Idee kommen mit Boeing 737 oder A320 im Inland zu fliegen, müsste der Flughafen Kiew definitiv einen Anbau machen.

Carrier fand Nische trotz Konkurrenz

Die Konkurrenz innerhalb der Ukraine ist sehr vielfältig, denn SkyUp, Windrose und teilweise auch Ukraine International bieten fast idente Strecken von/nach Kiew an. Der Unterschied liegt aber im Detail, denn mit Ausnahme von Motor Sich Airlines nutzen die anderen Fluggesellschaften den für Fluggesellschaften wesentlich billigeren Borispil Airport. Dieser befindet sich weit abgelegen der Hauptstadt. Motor Sich Airlines nutz Kiew-Schujany und fliegt damit fast mitten in die Innenstadt. Das bedeutet auch einen Zeitvorteil für Geschäftsreisende und Politiker, weshalb die Motor-Sich-Flüge mit An-24 meist gut besetzt sind.

Der Carrier lässt sich diesen „City-Vorteil“ aber nicht fürstlich bezahlen, denn die Domestic-Preise liegen je nach Buchungszeitpunkt zwischen etwa 25 und 100 Euro. Das Preissystem inkludiert kein Gepäck, jedoch kann dieses am Check-in-Schalter dazugekauft werden. Das zugelassene Handgepäck ist deutlich kleiner als das IATA-Standardmaß, aber das hat tatsächlich technische Gründe. Es passt schlichtweg nicht in die Gepäckfächer der An-24 und was nicht passt wird von den Flugbegleitern im Frachtraum verstaut und beim Aussteigen wieder ausgegeben. Web-Check-in hat Motor Sich übrigens, aber dieser wird offensichtlich nur spärlich genutzt, da die meisten Reisenden lieber klassisch ihre Bordkarte am Schalter abholen.

Zeitreise in eine andere Ära der Luftfahrt

In der Ukraine hat Motor Sich Airlines einen regelrechten Kultstatus, denn Fliegen mit deren Maschinen, abgesehen von der An-140, ist eine Reise in eine längst vergangenen geglaubte Zeit der Luftfahrt. Die Flotte ist von innen und außen top gepflegt, aber nach zum Teil 50 Jahren und mehr im Liniendienst gibt es einfach ein paar Dinge, die auf jüngere Passagiere, die diese Ära nicht miterlebt haben, wie eine Zeitreise wirken. Zum Beispiel hat die An-24 Gepäckfächer, die eben Fächer sind und keine Klappen zum Verschließen haben. Damals legte man den Schirm, Mantel oder das Sakko hinein, allenfalls noch die Damen-Handtasche oder eine Aktentasche, aber die Abgabe des Gepäcks am Schalter oder direkt vor dem Flugzeug war selbstverständlich. Motor Sich hat keine An-24 mit Gepäcknetzen in der Flotte, jedoch gab es besonders in der Sowjetunion auch solche „Gepäckfächer“.

Persönliche Luftdüsen oder Leselampen sucht man in der An-24 genauso vergeblich wie moderne LED-Beleuchtung. Klassische „Neonröhren“ erfüllen diesen Zweck und beleuchtete Piktogramme, die auf das Rauchverbot oder die Anschnallpflicht hinweisen, sind auch nicht vorhanden. Damals war es üblich, dass man vorne eine simple Leuchtschrift in russischer Sprache hatte. Diese funktioniert genau gleich wie ältere Werbereklamen. Der Text ist hinter eingefärbtem Glas oder Kunststoff und dahinter befindet sich eine Leuchtquelle. Im konkreten Fall je nach Ausführung eine simple Glühbirne oder eine Leuchtstoffröhre, die in dieser Ära noch umgangssprachlich Neonröhre genannt wurde.

Die 48 Sitze der von Motor Sich betriebenen An-24 haben ein Feeling, das man in modernen Flugzeugen vergeblich suchen wird. Breit, weich und gemütlich. Dazu in der ganzen Kabine der nicht gerade dezente Geruch nach altem Sofa. Blickt man aus den riesigen Fenstern, die keine Kunststoff-Verdunklungsmöglichkeit, sondern Vorhänge mit einem Muster, das stark an die 50er oder 60er Jahre erinnert, erfüllen diesen Zweck.

Doch wer hätte das gedacht: Die Sitze haben tatsächlich eine Massagefunktion, die sich aber weder ein-, noch ausschalten oder sonst irgendwie kontrollieren lässt. Woher kommt diese dann? Nun ja, ein in den 1950er Jahren entwickeltes und in den 1960er (UR-MSI) bzw. 1970er Jahren gebautes Turbopropflugzeug hat einfach noch richtig ordentlich Vibrationen. Wer meint, dass es in der Kabine einer Dash 8-400 laut ist oder gar starke Vibrationen herrschen, sollte mal mit einer An-24 fliegen und dann wird sich die Meinung aber ganz schnell ändern. Ja, wer Motor Sich Airlines bucht, weiß schon bei der Buchung, dass man mit An-24 fliegt und da vibriert so ziemlich alles und laut ist es noch dazu.

Motor-Sich-Flotte genießt internationales Interesse

Aber wer hätte das gedacht: Jährlich buchen tausende Menschen Tickets bei Motor Sich Airlines, um auch nur ein einziges Mal it diesem mittlerweile megaseltenen Muster fliegen zu können. Auch die anderen Muster erfreuen sich hoher internationaler Beliebtheit. Die Einnahmen, die Motor Sich dadurch jährlich hat, sind nicht zu unterschätzen. Aber: Im direkten Vergleich mit Rundflügen mit historischem Fluggerät in West-Europa ein regelrechtes Geschenk. Durchschnittlich muss man mit etwa 40 bis 60 Euro pro Oneway rechnen. Eine 0,5 Liter Flasche Wasser und Oreo-Kekse gibt es an Bord kostenfrei.

Motor Sich Airlines ist definitiv ein fliegendes Museum, aber man merkt den Flugbegleitern, Piloten, Navigatoren, Flugingenieuren und Technikern sofort an: Man ist verdammt stolz darauf diese „echten Flugzeuge“ zu haben und es dauert nicht lange bis der Kapitän die Bemerkung losgelassen hat: Das ist noch echtes Fliegen und kein Computerspielen wie in der Boeing 737 Max und der Blick geht zu seinem jungen Co-Piloten, der doch glatt von der B737-NG auf die An-24 und die Jak-40 umsattelte. Es folgt ein stolzes Lächeln.

Die Flugbegleiter der Motor Sich Airlines sind es gewohnt, dass vor dem Einsteigen viele Fotos gemacht werden und sie mit vielen Fragen zum Flugzeug und wie der Job auf so einer Maschine denn so ist gelöchert werden. Ein Flugbegleiter, der nach seinem Militärdienst als Flugbegleiter in die zivile Luftfahrt gekommen ist und Ende dieses Jahres in den Ruhestand treten wird, sieht das nicht nur locker, sondern empfindet es sogar als Ehre auf einem altehrwürdigen Flugzeug seinen Dienst verstehen zu können. Übrigens: Die Airstair im Heckbereich kann nicht elektrisch ein- oder ausgefahren werden, sondern das erfolgt manuell. Vieles ist auf der An-24 noch echte Handarbeit.

Flottenerneuerung könnte kommen, aber man hat keinen Stress

Noch gibt es keinen Termin für eine mögliche Ablöse der schon fast historischen Flugzeuge. Die An-140 hätte mal ein Schritt in Richtung Modernisierung werden können, doch es blieb bislang bei einem Einzelstück und das schon seit dem Jahr 2003. Immerhin: Diese Maschine trägt eine Sonderlackierung zu Ehren des betriebseigenen Handballvereins.

Zum Beispiel die UR-MSI ist mittlerweile 59 Jahre alt. Konkrete Pläne zur Ausflottung gibt es nicht. Möglicherweise könnte Motor Sich Airlines einige Antonov An-140 dazu bekommen, denn man hofft darauf, dass man Regio-Partner der neuen Staatsairline wird. Diese soll sich übrigens den aktuellen Plänen nach in Kiew-Schuljany ansiedeln. Dies setzt aber voraus, dass der innerstädtische Airport die notwendige Aufrüstung, die die Wizz Air für die Abu-Dhabi-Flüge einfordert, auch tatsächlich umsetzt.

Klar ist, dass irgendwann das Aus für das fliegende Museum kommen wird und auch Motor Sich Airlines auf moderne Maschinen umsteigen wird. Doch bis dahin können Luftfahrtfreunde sicher noch einige Jahre die mittlerweile historischen Maschinen aus der Sowjetära genießen. Zur Erinnerung: Motor Sich Airlines hat es nicht eilig, denn Triebwerke und die meisten Ersatzteile bezieht man zum Selbstkostenpreis von der Muttergesellschaft und das –wie erwähnt – völlig legal, denn Motor Sich ist der weltweit einzige autorisierte Hersteller. Und die Tochter Motor Sich Airlines bleibt hoffentlich noch lange der letzte Operator der An-24RV auf der Linie.

Das nachstehende Video zeigt einen Zusammenschnitt einiger Impressionen der An-24RV. Auch die An-140 in Special Livery ist kurz zu sehen:

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