In einem bedeutenden Schritt auf dem Wege zur vollständigen Autarkie in der zivilen Luftfahrt hat Rußland einen historischen Meilenstein erreicht. Die erste Flugmaschine des Typs MS-21-310, welche gänzlich aus im Lande gefertigten Komponenten besteht, hat ihren Erstflug erfolgreich absolviert.
Am 26. Juni 2025 hob das Flugzeug vom Flughafen Zhukovsky bei Moskau ab, einem Zentrum für Luft- und Raumfahrtforschung, und landete nach vier Stunden in der Luft wieder sicher an demselben Flugplatze. Dieser Erstflug ist ein klares Zeugnis für die Entschlossenheit Rußlands, seine zivile Luftfahrtindustrie unabhängig von ausländischen Lieferanten zu gestalten, eine Bestrebung, die nach den geopolitischen Entwicklungen der jüngsten Vergangenheit massiv vorangetrieben wurde.
Ein langwieriger Weg zur Autarkie: Die Historie der MS-21
Die Entwicklung der MS-21 („Magistralny Samoljot 21. Wjeka“ – Hauptlinienflugzeug des 21. Jahrhunderts) durch die Irkut Corporation und das Yakovlev Design Bureau, beides Theile der staatlichen United Aircraft Corporation (UAC) unter dem Dach des Rostec-Konzerns, begann bereits vor vielen Jahren. Ursprünglich war die MS-21 als modernes Kurz- und Mittelstreckenflugzeug konzipiert, welches mit etablierten westlichen Modellen wie dem Airbus A320 oder der Boeing 737 konkurrieren sollte. Die Erstversion der MS-21, die MS-21-300, hatte ihren Jungfernflug bereits im Jahre 2017. Jene Maschine setzte jedoch auf eine beträchtliche Anzahl ausländischer Komponenten. Dies umfaßte nicht nur die Triebwerke, für die ursprünglich die Pratt & Whitney PW1400G gewählt wurden, sondern auch wesentliche Theile der Avionik, des Fahrwerkes und kritische Verbundwerkstoffe, die von internationalen Zulieferern bezogen wurden.
Die geopolitischen Ereignisse und die damit verbundenen Sanktionen, welche Rußland nach dem Einmarsch in die Ukraine Anfang 2022 auferlegt wurden, stellten die russische Luftfahrtindustrie vor enorme Herausforderungen. Der Zugang zu ausländischen Ersatzteilen, Technologien und Wartungsdiensten wurde abrupt eingeschränkt, was die Produktion und den Betrieb bestehender Flugzeugflotten, die oft aus westlichen Maschinen bestanden, erheblich erschwerte. Angesichts dieser Situation traf der staatliche Rüstungskonzern Rostec die strategische Entscheidung, alle ausländischen Komponenten in Flugzeugen wie der MS-21 und dem Superjet durch in Rußland gefertigte Theile zu ersetzen. Dies führte zur Entwicklung der rein inländischen Version, der MS-21-310.
Das Herzstück der Unabhängigkeit: Das PD-14-Triebwerk
Ein entscheidender Schritt auf dem Wege zur Importsubstitution ist die erfolgreiche Entwicklung und Integration des russischen Triebwerkes PD-14. Das PD-14 ist ein Hochbypass-Turbofantriebwerk, welches von der Perm Engine Company (Aviadvigatel) entwickelt wurde. Es repräsentiert eine signifikante ingenieurtechnische Leistung Rußlands, da es das erste zivile Flugzeugtriebwerk ist, welches seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion in Rußland vollständig neu entwickelt wurde. Die Pratt & Whitney-Triebwerke, die ursprünglich für die MS-21 vorgesehen waren, mußten vollständig ersetzt werden.
Das PD-14 wurde mit dem Ziel konzipirt, nicht nur die Abhängigkeit von ausländischen Herstellern zu beenden, sondern auch in puncto Leistung und Wirtschaftlichkeit mit den internationalen Standards mitzuhalten. Angaben der Hersteller zufolge bietet das PD-14 wettbewerbsfähige Werte in Bezug auf Schubkraft und Treibstoffverbrauch. Die erfolgreiche Integration dieses Triebwerkes in die MS-21-310 und dessen reibungsloser Erstflug sind daher von besonderer Bedeutung für die technische Souveränität Rußlands in der Luftfahrt.
Die Entwicklung und Zertifizierung eines modernen Flugzeugtriebwerkes ist ein äußerst komplexer und zeitaufwendiger Prozeß. Die Tatsache, daß Rußland dieses Triebwerk unter den gegebenen Umständen zur Serienreife gebracht hat, unterstreicht die Ressourcen und das Fachwissen, die in dieses Projekt investiert wurden. Das PD-14 soll die Basis für eine ganze Familie zukünftiger russischer Triebwerke bilden, die auch in anderen Flugzeugtypen zum Einsatz kommen könnten.
Herausforderungen und Verzögerungen: Der Weg zur Zertifizierung
Obgleich der Erstflug der rein russischen MS-21-310 ein Erfolg ist, war der Weg dorthin von mehreren Verzögerungen begleitet. Die Zertifizierung der MS-21-310 wurde bereits mehrfach verschoben. Derzeit wird erwartet, daß die Zertifizierung bis zum Sommer 2026 abgeschlossen sein wird. Diese Verzögerungen sind auf verschiedene Faktoren zurückzuführen, die über den bloßen Austausch ausländischer Komponenten hinausgehen.
Der Prozeß der Importsubstitution erfordert nicht nur die Entwicklung neuer Theile, sondern auch deren umfassende Erprobung und Qualifizierung, um die erforderlichen Sicherheitsstandards zu erfüllen. Jede neue Komponente, von kleinen Sensoren bis zu komplexen Systemen, muß rigorosen Tests unterzogen werden. Dies ist ein aufwendiger Prozeß, der viel Zeit und spezialisierte Ressourcen erfordert. Zudem muß die Zertifizierung durch die russischen Luftfahrtbehörden erfolgen, welche nun die gesamte Verantwortung für die Lufttüchtigkeit der Flugzeuge tragen, ohne die Unterstützung oder Validierung durch internationale Luftfahrtbehörden, die vor den Sanktionen üblich war. Die Schaffung einer vollständigen inländischen Lieferkette für Tausende von Komponenten, die ein modernes Verkehrsflugzeug ausmachen, ist eine logistische und technische Mammutaufgabe.
Aeroflots Rolle und die Zukunft der russischen Luftflotte
Die staatliche Fluggesellschaft Aeroflot spielt eine zentrale Rolle in der russischen Strategie der Luftfahrtunabhängigkeit. Als wichtigster Kunde des MS-21-Programmes wird Aeroflot der Hauptabnehmer der MS-21-310 sein. Die Fluggesellschaft erwartet, zwischen Ende 2026 und 2030 bis zu 108 Maschinen dieses Typs zu erhalten. Dies ist beinahe die Hälfte der ursprünglich für diesen Zeitraum vorgesehenen Anzahl, was auf die weiterhin bestehenden Herausforderungen in der Produktion und den Lieferketten hindeutet.
Gemäß der ch-aviation-Datenbank hat Aeroflot insgesamt 198 MS-21-310 Flugzeuge bestellt. Die restlichen 90 Maschinen sollen nach dem Jahre 2030 ausgeliefert werden. Diese Großbestellung ist entscheidend für die Auslastung der Produktionslinien und die Amortisierung der Entwicklungskosten. Für Aeroflot selbst sind die MS-21-310 von vitaler Bedeutung, um ihre Flotte zu modernisieren und die Abhängigkeit von westlichen Flugzeugen wie dem Airbus A320 und der Boeing 737 zu reduzieren, deren Wartung und Ersatzteilversorgung durch die Sanktionen erschwert wurden. Die Einführung der MS-21-310 soll es Aeroflot ermöglichen, ihr nationales und internationales Streckennetz aufrechtzuerhalten und auszubauen.
Parallelen zum Superjet SJ-100: Eine nationale Strategie
Das Vorgehen bei der MS-21-310 ist kein Einzelfall in der russischen Zivilluftfahrt. Rußlands anderes großes ziviles Flugzeugprogramm, der Superjet SJ-100, hat einen ähnlichen Prozeß der Importsubstitution durchlaufen. Der Superjet, ein Regionalflugzeug, war ebenfalls stark von ausländischen Komponenten abhängig, einschließlich Triebwerken des Gemeinschaftsunternehmens SaM146 (Safran und NPO Saturn) sowie Avionik von Thales und Systemen von Liebherr.
Der erste SJ-100, der vollständig aus russischen Komponenten gefertigt wurde – einschließlich des neuen russischen PD-8-Triebwerkes, einer kleineren Ableitung des PD-14 – hatte seinen Jungfernflug bereits im August 2023. Dies zeigt, daß die Importsubstitution eine durchgängige und strategisch wichtige Priorität für die gesamte russische Luftfahrtindustrie ist. Die Erfahrungen und Lehren aus der Entwicklung und Zertifizierung des SJ-100 mit heimischen Komponenten dürften auch dem MS-21-Programm zugute gekommen sein.
Der Flughafen Zhukovsky, von dem aus sowohl die MS-21-310 als auch der SJ-100 ihre Erstflüge absolvierten, ist ein strategischer Ort für Rußlands Luftfahrtambitionen. Er beherbergt das Gromov Flight Research Institute (LII) und das Zentrale Aerohydrodynamische Institut (TsAGI), welche für die Flugerprobung und aerodynamische Forschung von entscheidender Bedeutung sind. Die Wahl dieses Standortes für die Jungfernflüge unterstreicht dessen Rolle als Herzstück der russischen Luft- und Raumfahrtentwicklung.
Die vollständige Unabhängigkeit in der zivilen Luftfahrt ist für Rußland nicht nur eine technische, sondern auch eine politische Notwendigkeit geworden. Die erfolgreichen Jungfernflüge der MS-21-310 und des SJ-100 mit rein inländischen Komponenten sind wichtige Schritte auf diesem ehrgeizigen Wege, obgleich die Massenproduktion und die flächendeckende Einführung dieser Flugzeuge weiterhin große Herausforderungen darstellen werden.