Boeing 787-8 (Foto: ANA Holdings).
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Neuausrichtung trotz Rekordergebnissen: ANA stellt Betrieb der Low-Cost-Marke Air Japan ein

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Der japanische Luftfahrtgigant All Nippon Airways (ANA) hat am 30. Oktober 2025 inmitten der Bekanntgabe von Rekordergebnissen für das erste Halbjahr des Geschäftsjahres 2025/26 eine tiefgreifende strategische Entscheidung getroffen: die Einstellung des Flugbetriebs unter der Marke Air Japan.

Obwohl Air Japan als juristische Einheit mit eigenem Luftverkehrsbetreiberzeugnis (Air Operator Certificate) innerhalb der ANA Group bestehen bleiben wird, werden ihre operativen Aufgaben von der Hauptlinie ANA übernommen. Die Entscheidung zur Markenrealignierung wurde mit den Herausforderungen des globalen Geschäftsumfelds begründet, darunter der militärische Konflikt in der Ukraine, Verzögerungen bei Flugzeugauslieferungen sowie die verlängerten Bodenzeiten der Boeing 787-Flugzeuge.

Diese unerwartete Restrukturierung betrifft AirJapans derzeitige Flotte von zwei Boeing 787-8-Flugzeugen, die touristische Verbindungen zwischen Tokio-Narita und drei asiatischen Zielen – Seoul-Incheon, Bangkok und Singapur – bedienen. Diese Dienste werden bis zum 29. März 2026 eingestellt. Die zweite Low-Cost-Marke des Konzerns, Peach, die eine reine Airbus-Schmalrumpfflotte betreibt, ist von dieser Umstrukturierung nicht betroffen.

Die Stilllegung von AirJapan, die erst 2022 als hybrider, wertorientierter internationaler Carrier zur Konkurrenzierung von Japan Airlines’ (JAL) Zipair Tokyo gestartet wurde, markiert das Ende eines kurzlebigen Experiments im wachsenden Segment des asiatischen Preisfliegermarktes. Sie unterstreicht die Notwendigkeit für ANA, die Ressourceneffizienz angesichts globaler Engpässe und interner Herausforderungen zu maximieren.

Rekordgewinne und die Rolle des internationalen Verkehrs

Die strategische Entscheidung zur Einstellung von AirJapan wird von einem beeindruckenden finanziellen Fundament untermauert. ANA meldete für die erste Hälfte des Geschäftsjahres 2025/26 ein historisches Betriebsergebnis: Der Betriebsertrag erreichte einen Rekordwert von 1,19 Billionen Yen (etwa 7,9 Milliarden US-Dollar), bei einem operativen Gewinn von 97,6 Milliarden Yen (rund 634 Millionen US-Dollar). Angesichts dieser robusten Entwicklung hat der japanische Konzern seine Gewinnprognose für das Gesamtjahr auf 200 Milliarden Yen (etwa 1,3 Milliarden US-Dollar) angehoben.

Hauptstütze dieses Erfolgs ist der internationale Verkehr. Sowohl der eingehende als auch der ausgehende internationale Passagierverkehr florieren. Die japanische Regierung fördert aktiv den Tourismus, was zu einem anhaltend starken Zustrom von Touristen nach Japan führt (Inbound Tourist Traffic). ANA hat auf diese starke Nachfrage mit einer gezielten Netzwerkerweiterung reagiert und neue Dienste nach Mailand Malpensa, Stockholm und Istanbul eingeführt.

Dieses starke internationale Geschäft, an dem AirJapan mit seinen asiatischen Routen ebenfalls partizipieren sollte, wird nun vollständig unter der Hauptmarke ANA konsolidiert. Die Notwendigkeit, eine eigene hybride Marke für dieses Segment zu betreiben, wird offenbar geringer bewertet als die Vorteile der Bündelung von Ressourcen.

Inländische Herausforderungen und die Last der B787-Verzögerungen

Während das internationale Geschäft brummt, steht der japanische Inlandsmarkt weiterhin vor strukturellen Herausforderungen. Obwohl die Passagierzahlen im Inland durch verschiedene Preisanreize und Rabattaktionen gestiegen sind, kämpft das Inlandsgeschäft von ANA mit der Rentabilität. Der entscheidende Faktor hierfür ist die nur schleppende Erholung des Geschäftsreiseverkehrs (business traffic), der vor der Pandemie eine wichtige Einnahmequelle darstellte. Zahlreiche Unternehmen halten an Videokonferenzen und reduzierten Geschäftsreisen fest, was die traditionellen Ertragsmodelle im Inland untergräbt.

Die Entscheidung zur Stilllegung von AirJapan ist jedoch vor allem auf interne und externe operative Engpässe zurückzuführen. Die anhaltenden Lieferverzögerungen bei Flugzeugen des Hauptproduzenten Boeing wirken sich direkt auf die Flottenplanung der gesamten ANA Group aus. Darüber hinaus wurden verlängerte Bodenzeiten der Boeing 787-Flotte als ein kritischer Faktor genannt. Die B787-Flugzeuge sind von wiederkehrenden Wartungs- und Triebwerksprüfungen betroffen, was zu Engpässen in der Flugzeugverfügbarkeit führt. Da AirJapan eine reine B787-Flotte betrieb, war diese Marke direkt von den Einschränkungen und den daraus resultierenden erhöhten Betriebskosten betroffen.

Die Stilllegung ermöglicht es ANA, die knappen B787-8-Kapazitäten zu konsolidieren und flexibler in der Hauptlinie einzusetzen, wo sie möglicherweise höhere Erträge auf strategischen internationalen Routen erzielen können, die nicht an das Low-Cost-Modell gebunden sind.

Stärkung der Frachtsparte und Neuausrichtung der Unternehmensstruktur

Ein weiterer strategischer Schritt zur Sicherung der langfristigen Rentabilität und des Wachstums ist die Stärkung der Frachtsparte. Im August 2025 schloss ANA die Übernahme des Frachtflugbetreibers Nippon Cargo Airlines (NCA) ab, der eine Flotte von acht Boeing 747-8 Frachtern betreibt. Diese Integration ermöglicht es ANA, ihre Position im globalen Luftfrachtmarkt signifikant auszubauen und das Wachstum der Sparte zu kapitalisieren. Die Frachtsparte hat, insbesondere nach den globalen Lieferkettenstörungen, eine steigende strategische Bedeutung erlangt.

Die Neustrukturierung des Markenportfolios von ANA, die die Fokussierung auf die Kernmarke ANA und die separate Beibehaltung der etablierten Low-Cost-Marke Peach vorsieht, spiegelt einen Trend in der Luftfahrtindustrie wider. Viele große Luftfahrtkonzerne setzen auf eine klare Segmentierung der Marken anstatt auf hybride Modelle. Peach, mit seiner reinen Airbus-Schmalrumpfflotte, bedient weiterhin erfolgreich den reinen Low-Cost-Markt, während die Hauptlinie ANA das Premium- und Full-Service-Segment abdeckt. Die nun beendete AirJapan-Strategie, die mit der B787-8 ein vergleichsweise teures Großraumflugzeug in einem Wertsegment betreiben sollte, scheint vor dem Hintergrund der aktuellen operativen Herausforderungen und des margenschwächeren Inlandsmarktes nicht mehr tragfähig zu sein.

Die Konsolidierung der AirJapan-Routen unter der Hauptlinie ANA wird voraussichtlich zu einer vereinfachten operativen Steuerung und einer gesteigerten Nutzungseffizienz der Flugzeuge führen, was angesichts der Flottenengpässe und des anhaltenden internationalen Reisebooms als strategisch notwendig erachtet wird.

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