Flugplatz Neuhardenberg (Foto: Carsten Steger).
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Neuhardenberg setzt auf die Luftfahrt: Ein Flugplatz im Wandel zum Wartungszentrum

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Der Flugplatz Neuhardenberg, ein bisher eher unscheinbarer Standort in Brandenburg, plant eine ehrgeizige Transformation, die ihn in eine neue, lukrative Ära führen könnte. Nach jahrzehntelangem Betrieb als Regional- und Geschäftsflugplatz soll der Standort zu einem spezialisierten Wartungszentrum für kommerzielle Verkehrsflugzeuge ausgebaut werden.

Im Mittelpunkt der Bestrebungen steht die Genehmigung eines Instrumentenanflug-Systems, eine technologische Voraussetzung, deren Bewilligung seit fast einem Jahrzehnt aussteht. Geschäftsführer Uwe Hädicke sieht in der Wartungssparte ein deutlich größeres wirtschaftliches Potenzial als im bisherigen Betrieb. Die Umsetzung dieser Pläne würde nicht nur die Zukunft des Flugplatzes sichern, sondern auch eine neue Art von Industrie und Arbeitsplätzen in die Region bringen. Die Weichen sind gestellt, doch der entscheidende Schritt hängt von einer bürokratischen Entscheidung ab, die in den kommenden 18 Monaten erwartet wird.

Von der Militärbasis zum zivilen Flugbetrieb

Die Geschichte des Flugplatzes Neuhardenberg, der etwa 80 Kilometer östlich von Berlin in Märkisch-Oderland liegt, reicht zurück bis in die Zeit der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Einst als militärischer Flughafen konzipiert, diente er der Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR als wichtiger Stützpunkt. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands wurde der Flugplatz der zivilen Nutzung übergeben und entwickelte sich schrittweise zu einem Regionalflughafen für Geschäftsflüge, private Flüge und die Allgemeine Luftfahrt. Trotz seiner 2400 Meter langen und 45 Meter breiten Landebahn, die eine Kapazität für größere Flugzeuge wie den Airbus A320 oder die Böing 737 mit einem Maximalgewicht von 165 Tonnen bietet, gelang es dem Standort nie, sich dauerhaft im Linien- oder Charterfluggeschäft zu etablieren. Die Konkurrenz durch den nahen Flughafen Berlin Brandenburg (BER) sowie die geringe Bevölkerungsdichte in der Region machten einen lukrativen Passagierbetrieb von vornherein schwierig.

Aus dieser Erkenntnis heraus entstand die Idee einer Neupositionierung. Das Management erkannte, daß die Stärke des Flugplatzes nicht im Transport von Passagieren liegt, sondern in seiner Infrastruktur für technische Dienstleistungen. Die lange, robuste Piste ist perfekt geeignet für die Landung und das Rollen von Mittelstreckenjets. Die großzügigen, ungenutzten Flächen rund um die Start- und Landebahn bieten den notwendigen Platz für den Bau von Hangars, Warthallen und Werkstätten. Dieses Konzept, weg vom klassischen Passagierterminal hin zu einem spezialisierten Wartungszentrum, scheint der vielversprechendste Weg zu sein, die Wirtschaftlichkeit des Standortes langfristig zu sichern.

Der MRO-Markt: Eine lukrative Nische für Neuhardenberg

Die geplante Fokussierung auf die Wartung von Flugzeugen (im Fachjargon als MRO – Maintenance, Repair, and Overhaul – bezeichnet) ist ein kluger Schachzug. Der MRO-Markt ist ein globales Geschäft mit einem Volumen von vielen Milliarden Dollar pro Jahr. Es handelt sich um ein stetig wachsendes Segment, das von der wachsenden globalen Flugzeugflotte sowie von den gesetzlich vorgeschriebenen Wartungsintervallen getrieben wird. Wartungsbetriebe unterscheiden zwischen der sogenannten Line Maintenance (leichte, tägliche Checks auf dem Vorfeld) und der weitaus komplexeren Base Maintenance (umfassende Überholungen, sogenannte „Checks“, die in bestimmten Zeitabständen oder nach einer bestimmten Anzahl von Flugstunden in Warthallen durchgeführt werden müssen).

Für Flugplätze wie Neuhardenberg, die über wenig Flugverkehr, aber über eine gute Infrastruktur und großzügige Flächen verfügen, ist das Base-Maintenance-Geschäft besonders interessant. Hier geht es nicht um die schnellen Abfertigungszeiten eines Passagierflughafens, sondern um die Bereitstellung von Platz, hochqualifiziertem Personal und spezifischen Werkzeugen. Unerwähntes, aber ebenso wichtiges Kapital für ein Wartungszentrum sind freie Lufträume und wenige Lärmrestriktionen, was das Testen der Triebwerke in der Nacht ermöglicht. Geschäftsführer Hädicke hat dies erkannt und sieht in der Ansiedlung von spezialisierten Wartungsunternehmen ein wirtschaftlich „viel interessanteres“ Potenzial.

Das Herzstück der Bewilligung: Der Kampf um das Instrumentenanflug-System

Der entscheidende und zugleich kritischste Faktor für die Realisierung des Projektes ist die Genehmigung für ein Instrumentenanflug-System, kurz ILS. Ein solches System ist eine technische Einrichtung, die Piloten Präzisionsanflüge auch bei stark eingeschränkten Sichtverhältnissen ermöglicht. Zwar können Flugzeuge auch ohne ILS landen, aber für kommerzielle Betreiber ist ein solches System, das einen zuverlässigen Flugbetrieb bei schlechtem Wetter gewährleistet, eine unabdingbare Voraussetzung. Ohne ILS können Fluggesellschaften keine verlässlichen Verträge für Wartungen abschließen, da die Anlieferung der Flugzeuge bei Nebel, Schnee oder starkem Regen nicht garantiert wäre.

Die Genehmigung für das System wurde bereits vor nahezu zehn Jahren beantragt. Der lange Genehmigungsprozess ist typisch für Projekte dieser Größe in Deutschland. Er erfordert komplexe Abstimmungen zwischen der Deutschen Flugsicherung, Luftfahrtbehörden, regionalen Planungsstellen und den Anrainerkommunen, die alle mit unterschiedlichen Interessen und Sicherheitsanforderungen zu berücksichtigen sind. Die lange Wartezeit hat die Pläne des Flugplatzes immer wieder behindert und die Wirtschaftlichkeit in der Schwebe gehalten. Die Aussicht, die Bewilligung innerhalb der nächsten 18 Monate zu erhalten, ist daher ein Hoffnungsschimmer, der nun endlich die Weichen stellen könnte.

Ein strategischer Vorteil: Neuhardenberg als Ausweichflughafen für den BER

Ein weiterer strategischer Trumpf, den der Flugplatz Neuhardenberg in der Hand hält, ist seine Rolle als potenzieller Ausweichstandort für den Flughafen BER. Der Hauptstadtflughafen, der als wichtiger europäischer Knotenpunkt gilt, unterliegt einem strikten Nachtflugverbot zwischen Mitternacht und fünf Uhr morgens. Dies stellt für Airlines, die mit Verspätungen oder unvorhergesehenen Ereignissen konfrontiert sind, eine erhebliche betriebliche Einschränkung dar. In solchen Fällen müssen Flugzeuge, die nicht mehr am BER landen dürfen, auf umliegende Flugplätze ausweichen. Die räumliche Nähe von Neuhardenberg zum BER – nur etwa 80 Kilometer entfernt – macht den Standort ideal für solche Ausweichmanöver.

Der Flugplatz Neuhardenberg verfügt im Gegensatz zum BER über keine Nachtflugbeschränkungen. Flugzeuge können dort rund um die Uhr landen und starten, sobald das ILS in Betrieb ist. Diese 24-Stunden-Verfügbarkeit ist ein enormer Vorteil, der nicht nur eine zusätzliche Einnahmequelle generieren, sondern auch einen wertvollen Dienst für die Airlines und die allgemeine Flugverlässlichkeit in der Region bieten würde. Das Zusammenspiel von Wartungsgeschäft und der Rolle als Ausweichflughafen für den BER schafft eine synergistische Wirtschaftsbasis, die den Flugplatz Neuhardenberg deutlich von seinen Mitbewerbern abhebt.

Wirtschaftliche Impulse für die Region Oderland

Die Transformation des Flugplatzes ist nicht nur für den Standort selbst von Bedeutung, sondern hat auch weitreichende Auswirkungen auf die Wirtschaft der gesamten Region. Ein Wartungszentrum für kommerzielle Flugzeuge erfordert eine Vielzahl von hochqualifizierten Arbeitsplätzen, darunter Flugzeugmechaniker, Elektroniker, Ingenieure und Logistikfachleute. Die Ansiedlung von spezialisierten Betrieben würde die Schaffung von Arbeitsplätzen mit hohem Lohnniveau fördern und die regionale Wirtschaft stärken. Der Bedarf an qualifiziertem Personal könnte zudem die Nachfrage nach Berufen in der Luftfahrtindustrie in der Region steigern. Die Erwartung ist, daß dies einen positiven Dominoeffekt für die lokalen und regionalen Zulieferer und Dienstleister mit sich bringt.

Der Flugplatz Neuhardenberg ist kein Einzelfall in der deutschen Luftfahrtlandschaft. Andere Regionalflughäfen, wie beispielsweise Frankfurt-Hahn oder Leipzig-Halle, haben sich ebenfalls auf Nischengeschäfte wie Fracht oder MRO spezialisiert, um ihre Existenz zu sichern. Das Beispiel Neuhardenberg zeigt, wie wichtig es für kleinere Flugplätze ist, sich zu differenzieren und auf ihre spezifischen Stärken zu setzen, um in einem immer schwierigeren Markt zu bestehen. Die Entscheidung über das Instrumentenanflug-System wird letztlich darüber befinden, ob die ehrgeizigen Pläne von Neuhardenberg Realität werden können.

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