Das deutsche Flugtaxi-Projekt Lilium, das zuletzt mit wiederholten Insolvenzen für Schlagzeilen sorgte, scheint eine neue Chance auf eine Zukunft in der Luftfahrtindustrie zu haben. Die niederländische Ambitious Air Mobility Group (AAMG) hat wesentliche Anlagen am traditionsreichen Standort Oberpfaffenhofen in Bayern angemietet, um die Entwicklung des eVTOL-Fluggeräts fortzusetzen.
Dieses Engagement des Konsortiums signalisiert, daß das Projekt, trotz der jüngsten finanziellen Turbulenzen, weiterhin als technologisch wegweisend und marktfähig angesehen wird. Ziel ist es, die Entwicklung der innovativen Technologie voranzutreiben, qualifizierte Arbeitsplätze zu sichern und die Kompetenzen der Region zu erhalten.
Von der Vision zur Krise: Die wechselvolle Geschichte des Lilium-Projekts
Das Unternehmen Lilium wurde vor einigen Jahren mit der ambitionierten Vision gegründet, den regionalen Luftverkehr mit einem vollelektrischen Senkrechtstarter zu revolutionieren. Das Fluggerät, ein sogenanntes eVTOL (electric Vertical Take-Off and Landing), sollte Kurz- und Mittelstreckenflüge zwischen Städten ermöglichen, ohne auf klassische Start- und Landebahnen angewiesen zu sein. Die Technologie, die auf 36 elektrisch betriebenen kleinen Triebwerken basierte, sorgte weltweit für Aufsehen und zog große Summen an Investitionskapital an.
Trotz der vielversprechenden Ansätze geriet das Unternehmen in den letzten Jahren wiederholt in finanzielle Schwierigkeiten. Die Entwicklung eines völlig neuen Fluggeräts ist mit immensen Forschungs- und Entwicklungskosten verbunden, die weit über jene in anderen Branchen hinausgehen. Einem ersten vorläufigen Insolvenzverfahren zwischen Oktober und Dezember 2024 folgte die erneute Anmeldung der Insolvenz im Februar dieses Jahres. Der entscheidende Auslöser war das Ausbleiben einer versprochenen Investition von 150 Millionen Euro. Als Folge der Krise konnte das Unternehmen Gehälter nicht mehr zahlen und mußte Teile seiner Belegschaft entlassen.
Oberpfaffenhofen: Ein idealer Standort für die Zukunft der Luftfahrt
Die Wahl des Standorts für die Fortführung des Projekts ist gewiß von strategischer Bedeutung. Der Flughafen Oberpfaffenhofen, der in der Vergangenheit als Testgelände für Flugzeuge der Firma Dornier diente, hat eine lange und traditionsreiche Geschichte in der deutschen Luft- und Raumfahrt. Er ist Heimat des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) und zahlreicher weiterer Forschungseinrichtungen und Hightech-Unternehmen. Diese Konzentration von Expertise und Infrastruktur ist für die Entwicklung solch komplexer Technologien von unschätzbarem Wert.
Robert Kamp, der Chef der AAMG, betonte die Wichtigkeit der Entscheidung, am Standort Oberpfaffenhofen zu verbleiben. Er sah darin eine Möglichkeit, auf den „bereits erzielten beeindruckenden Ingenieursleistungen aufzubauen“ und die Infrastruktur im „Zentrum des europäischen Innovationsnetzwerks der Luft- und Raumfahrt“ zu nutzen. Die dortigen Anlagen umfassen auch einen sogenannten Vertiport mit gepufferten Energiesystemen, der für den Flugbetrieb und die Bodenabfertigung der eVTOL-Fluggeräte unerläßlich ist.
Die Rettung durch die AAMG: Strategischer Partner und Investor
Die Übernahme der Schlüsselanlagen durch die Ambitious Air Mobility Group ist keine spontane Entscheidung. Das niederländische Konsortium hatte bereits vor der Insolvenz 16 Lilium-Jets bestellt und arbeitet seit 2023 mit dem bayerischen Unternehmen zusammen. Diese frühere Partnerschaft unterstreicht, daß die AAMG an die technologische Machbarkeit des Konzepts glaubt. Ihr Engagement geht dabei über die bloße Anmietung der Anlagen hinaus. AAMG strebt gleichzeitig die Übernahme der Vermögenswerte und des geistigen Eigentums von Lilium an.
Das Konsortium unterstreicht sein Vorhaben mit soliden finanziellen Zusagen. Die Gruppe verfügt über 250 Millionen Euro Eigenkapital und hat nach eigenen Angaben Zugang zu weiteren 500 Millionen Euro für die europäische Expansion. Dieser finanzielle Rückhalt soll nicht nur die Fortführung des Projekts ermöglichen, sondern auch den Aufbau einer europäischen Lieferkette und die Weiterbeschäftigung wichtiger technischer Teams und Ingenieure. Robert Kamp ist der Überzeugung, daß die bayerische Entwicklung „bahnbrechend und technisch machbar“ sei und durch den Verbleib am Standort Oberpfaffenhofen die hochqualifizierten Arbeitsplätze in der Region gesichert werden können.
Das globale Rennen der eVTOL-Entwicklung: Ein Blick auf die Konkurrenz
Das Lilium-Projekt ist Teil eines globalen und intensiv geführten Rennens um die Kommerzialisierung von eVTOL-Technologien. Unternehmen weltweit investieren enorme Summen in die Entwicklung dieser Fluggeräte. Namhafte Konkurrenten wie das US-amerikanische Unternehmen Joby Aviation oder Archer Aviation, die ebenfalls an eVTOL-Projekten arbeiten, haben bereits große Summen von Investoren erhalten und erste Testflüge durchgeführt.
Das Lilium-Projekt war in diesem Rennen einst ein Vorreiter in Europa. Die Schwierigkeiten des Unternehmens verdeutlichen aber auch die hohen Hürden, die das gesamte Marktsegment zu überwinden hat. Neben den immensen Entwicklungskosten zählen dazu auch die komplexen regulatorischen Auflagen, die Genehmigung durch Luftfahrtbehörden und die noch fehlende Infrastruktur für den Flugbetrieb. Die Investition der AAMG ist daher nicht nur eine Wette auf Liliums Technologie, sondern auch ein Zeichen des Vertrauens in die Marktentwicklung der gesamten Branche.