Flugzeug von IndiGo (Foto: Praveen Thirumurugan).
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Nonstopflüge zwischen Indien und China nach fünf Jahren wieder aufgenommen

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Nach einer Unterbrechung von rund fünf Jahren hat der direkte Passagierflugverkehr zwischen Indien und der Volksrepublik China wieder eingesetzt. Die Wiederaufnahme der Flugverbindungen, die im Januar dieses Jahres grundsätzlich vereinbart wurde und nun mit einer ersten Landung in Guangzhou markiert wird, gilt als ein deutliches Signal einer vorsichtigen Entspannung in den bilateralen Beziehungen der beiden bevölkerungsreichsten und atomar bewaffneten Länder Asiens.

Die jahrelange Pause im Flugverkehr war symptomatisch für die tiefgreifenden politischen Spannungen, die ihren Höhepunkt in einem blutigen Grenzkonflikt im Himalaya fanden. Mit der Wiederaufnahme der Flüge wird nicht nur die Reise für Passagiere aus Kalkutta und in Kürze auch aus Neu-Delhi erleichtert, die lange Zeit auf zeitaufwendige Umsteigeverbindungen angewiesen waren, sondern es wird auch ein pragmatisches Fundament für den weiteren wirtschaftlichen und politischen Austausch gelegt.

Vom Virus zum Konflikt: Die Chronologie der Unterbrechung

Die direkten Flugverbindungen zwischen Indien und China wurden ursprünglich im Jahr 2020 als Reaktion auf den weltweiten Ausbruch der Coronapandemie ausgesetzt. Während viele internationale Flugrouten im Laufe der Zeit wiederbelebt wurden, blieb die Strecke zwischen den asiatischen Giganten über die hygienischen Maßnahmen hinaus blockiert. Die Fortsetzung der Unterbrechung war ein direktes Ergebnis der stark angespannten politischen Beziehungen.

Auslöser für die Verschlechterung war ein schwerwiegender militärischer Vorfall in der umstrittenen Grenzregion im Himalaya, insbesondere im Galwan-Tal in der schwer zugänglichen Region Ladakh, im Juni 2020. Bei dem Zusammenstoß zwischen indischen und chinesischen Truppen kam es zu Todesopfern auf beiden Seiten – ein Gewaltausbruch, der in dieser Form seit Jahrzehnten nicht mehr erlebt wurde und die Beziehungen auf einen Tiefpunkt trieb. Der Konflikt an der sogenannten Line of actual control, der de facto-Grenze, führte zu einer massiven militärischen Aufrüstung und warf ein Schlaglicht auf die tief verwurzelten territorialen Streitigkeiten, die seit dem Grenzkrieg von 1962 schwelen.

In der Folge des Konflikts reagierte Indien nicht nur militärisch, sondern auch wirtschaftlich und digital. Die indische Regierung verbot zahlreiche chinesische Apps, verschärfte die Investitionsprüfungen für Unternehmen aus China und schränkte deren Beteiligung an Infrastrukturprojekten ein. Diese Maßnahmen belasteten die ohnehin komplexen Handelsbeziehungen und signalisierten eine strategische Neuausrichtung Neu-Delhis, die auch von wachsenden geopolitischen Spannungen im Indopazifik und einer zunehmenden Annäherung Indiens an westliche Partner wie die Vereinigten Staaten und die Europäische Union begleitet wurde. Diese Neuausrichtung wird von Beobachtern als Indiens Versuch gewertet, seine strategische Autonomie zu wahren und gleichzeitig ein Gegengewicht zum wachsenden Einfluss Pekings in Südasien zu bilden.

Die Bedeutung des Luftverkehrs für die Annäherung

Die Entscheidung zur Wiederaufnahme des direkten Flugverkehrs ist ein greifbares Zeichen für die jüngste, wenn auch vorsichtige, Wiederbelebung der Kommunikation zwischen Peking und Neu-Delhi. Die Notwendigkeit, für Reisen zwischen den beiden Ländern auf Umsteigeverbindungen in Drittländern zurückgreifen zu müssen, stellte sowohl für Geschäftsreisende als auch für die großen Diaspora-Gemeinschaften in beiden Ländern eine erhebliche Hürde dar. Der Wegfall dieser Hindernisse wird den direkten Austausch in den Bereichen Wirtschaft, Bildung und Kultur merklich erleichtern.

Der erste Flug der indischen Billigfluglinie IndiGo von Kalkutta in die südchinesische Metropole Guangzhou demonstriert den pragmatischen Ansatz beider Staaten, die operativen Verbindungen wiederherzustellen. Weitere Routen, beispielsweise zwischen Shanghai und Neu-Delhi, sollen in Kürze mit einer mehrmals wöchentlichen Frequenz folgen. Diese schrittweise Normalisierung des Luftverkehrs basiert auf einer grundsätzlichen Verständigung, die bereits Anfang des Jahres in Peking erzielt wurde. Der indische Luftfahrtsektor signalisiert dabei die Bereitschaft, die Routen wieder zu bedienen, was von der indischen Regierung als eine kommerzielle Entscheidung der Fluggesellschaften im Rahmen operativer Anforderungen betrachtet wird.

Die Flugverbindungen stellen somit nicht nur eine logistische Erleichterung dar, sondern sind auch ein wichtiger Indikator für die diplomatische Bereitschaft, die Kommunikationskanäle wieder zu vertiefen. Experten sehen darin einen Versuch, trotz der fortbestehenden strategischen Rivalität eine Ebene der praktischen Koexistenz zu etablieren, um eine weitere Eskalation der Spannungen zu vermeiden. Die Wiederaufnahme der direkten Flugverbindungen bildet eine notwendige Voraussetzung für die Aufrechterhaltung und möglicherweise Vertiefung der wirtschaftlichen Beziehungen, die trotz der politischen Eiszeit weiterhin von großer Bedeutung sind.

Ambivalente Beziehungen: Kalte Politik und heiße Wirtschaft

Die Beziehungen zwischen Indien und China sind traditionell von einer tiefen Ambivalenz geprägt, die sich oft als ein Zustand „kalter Politik und heißer Wirtschaft“ beschreiben lässt. Trotz der territorialen Konflikte und der geopolitischen Rivalität, die sich insbesondere in Asien manifestiert, sind die wirtschaftlichen Verflechtungen beider Länder beträchtlich. China ist ein wichtiger Handelspartner für Indien, insbesondere bei Importen von Elektronik, Maschinen und chemischen Erzeugnissen, auch wenn Indien durch Maßnahmen zur Diversifizierung und zur Förderung der Selbstversorgung versucht, seine Abhängigkeit zu reduzieren. Berichte über die Handelsdynamik zeigen, dass die Spannungen in der Vergangenheit zu erheblichen Verlusten im indischen Elektronikfertigungssektor führten, was die Fragilität der Beziehungen verdeutlicht.

Die Wiederaufnahme des Flugverkehrs kann als Versuch gewertet werden, die Wirtschaftsdynamik, die durch die politischen Spannungen belastet wurde, wieder zu stärken. Die wirtschaftliche Konkurrenz zwischen den beiden asiatischen Großmächten wird jedoch aller Voraussicht nach bestehen bleiben und sich sogar intensivieren. Beide Länder streben nach einer führenden Rolle in der globalen Wirtschaft. Indien, das China mittlerweile als bevölkerungsreichstes Land der Welt abgelöst hat und über eine jüngere Bevölkerung verfügt, zeigt ein starkes Wirtschaftswachstum und zielt darauf ab, ein attraktiveres Ziel für internationale Investitionen und die Diversifizierung globaler Lieferketten zu werden. Die indische Regierung unter Premierminister Narendra Modi verfolgt ehrgeizige Pläne, um das Land bis zur Jahrhundertmitte zu einer hochentwickelten Wirtschafts- und Industriemacht zu machen. Indiens Bruttoinlandsprodukt liegt zwar noch weit hinter dem Chinas, doch die Wachstumsraten werden als vielversprechend betrachtet.

Diese wirtschaftliche Rivalität wird jedoch von einem pragmatischen Nebeneinander auf der multilateralen Ebene begleitet. Trotz aller Konflikte kooperieren Indien und China in verschiedenen internationalen Foren wie den brics-Staaten, um gemeinsame Interessen, die sich aus ihrer Position als aufstrebende globale Mächte ergeben, zu verfolgen. Diese Zusammenarbeit ist Ausdruck einer äußerst pragmatischen Außenpolitik beider Staaten. Die Wiederbelebung des Luftverkehrs dient in diesem Kontext als ein Werkzeug, um die notwendige Basis für den geschäftlichen Austausch aufrechtzuerhalten, ohne notwendigerweise die strategischen Differenzen beizulegen. Auch für Unternehmen aus Drittländern, wie etwa deutsche Firmen, stellen die angespannten, aber wirtschaftlich verbundenen Beziehungen eine Herausforderung dar, wenn sie ihre Abhängigkeit von China reduzieren und verstärkt in Indien investieren möchten.

Die Normalisierung des Flugverkehrs zwischen Kalkutta und Guangzhou und den bald folgenden weiteren Strecken ist somit ein wichtiger Schritt, der die praktischen Notwendigkeiten des Austauschs über die politischen Gräben hinwegstellt. Die Flugzeuge, die nun wieder die direkten Routen zwischen den Metropolen befliegen, symbolisieren eine vorsichtige Bewegung hin zu einer stabilisierten, wenngleich weiterhin komplexen Beziehung zwischen den beiden asiatischen Giganten, deren Rivalität den gesamten Kontinent prägt.

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