Nach einem mehr als dreijährigen, hochkarätigen Beschaffungsstreit haben sich Norwegen und das Herstellerkonsortium NHIndustries (NHI) auf eine gütliche Einigung geeinigt und alle Differenzen im Zusammenhang mit dem beendeten NH90-Hubschrauberprogramm beigelegt. Die Parteien gaben am 3. November 2025 in einer gemeinsamen Erklärung bekannt, dass alle Gerichtsverfahren abgeschlossen und der Konflikt formell beendet sei.
Im Rahmen der erzielten Vereinbarung wird NHIndustries alle bereits an Norwegen gelieferten NH90-Hubschrauber zurücknehmen, einschließlich Ersatzteilen, Werkzeugen und der missionsspezifischen Ausrüstung. Im Gegenzug leistet NHI eine Zahlung von 305 Millionen Euro an Norwegen. Hinzu kommen rund 70 Millionen Euro, die bereits durch Bankgarantien gezahlt wurden. Die Gesamtsumme der Zahlungen beläuft sich somit auf etwa 375 Millionen Euro. NHIndustries übernimmt die volle Eigentümerschaft an den zurückgewonnenen Vermögenswerten und plant, diese in das breitere NH90-Programm zu reintegrieren, um Teile und Ausrüstung anderen Betreibern zur Verfügung zu stellen.
Die Einigung beendet einen der profiliertesten Beschaffungsstreitigkeiten in der jüngeren europäischen Verteidigungsgeschichte, der das Verhältnis zwischen Norwegen und dem Konsortium, zu dem Airbus Helicopters, Leonardo und Fokker gehören, schwer belastet hatte.
Vom Abbruch zur außergerichtlichen Lösung
Der Konflikt begann im Juni 2022, als Norwegen, frustriert über chronische Lieferverzögerungen, gravierende Wartungsprobleme und eine extrem niedrige operative Verfügbarkeit, den Vertrag für die Beschaffung von 14 NH90-Hubschraubern gekündigt hatte. Norwegen hatte das Programm 2001 initiiert, um ältere Helikopter zu ersetzen, musste jedoch feststellen, dass die vereinbarte Einsatzbereitschaft für die küstennahen und arktischen Missionen nicht erreicht wurde.
Als Reaktion auf die Kündigung forderte Oslo eine Schadensersatzsumme von 2,8 Milliarden Euro vom Herstellerkonsortium. Norwegen argumentierte, dass NHIndustries seinen vertraglichen Verpflichtungen zur Lieferung einer voll funktionsfähigen Flotte nicht nachgekommen sei. NHIndustries wies die Kündigung jedoch vehement zurück und betonte, dass die Leistung und Zuverlässigkeit der NH90-Maschinen sich verbessert hätten und das Land die Hubschrauber trotz laufender Unterstützungsbemühungen abgezogen habe.
Die Komplexität des Falles – ein länderübergreifendes Programm mit mehreren beteiligten Industriekonzernen und nationalen Anforderungen – führte zu einer zunächst verhärteten Front. Dass die Parteien nun, unter der Vermittlung des Bezirksgerichts Oslo, eine außergerichtliche Einigung erzielen konnten, gilt als Erfolg konstruktiver Zusammenarbeit. In der gemeinsamen Erklärung lobten beide Seiten die Bereitschaft zur Konfliktlösung und das „professionelle und vertrauenswürdige“ Vorgehen der Mediatoren.
Reintegration von Assets und Entspannung für andere Betreiber
Für NHIndustries und seine Muttergesellschaften – insbesondere Airbus Helicopters und Leonardo – bringt die Einigung zwei wesentliche Vorteile. Erstens wird ein kostspieliges und langwieriges Gerichtsverfahren vermieden, das die Reputation und die Finanzen des Konsortiums weiter hätte belasten können. Zweitens erhält NHI wertvolle Vermögenswerte und Komponenten zurück, die dringend in das breitere NH90-Programm reintegriert werden können.
Der NH90-Hubschrauber, der als europäisches Gemeinschaftsprojekt konzipiert wurde, wird von zahlreichen weiteren Nationen eingesetzt, darunter Australien, Finnland, Deutschland, Frankreich, Italien und Schweden. Viele dieser Nutzerstaaten kämpfen ebenfalls mit geringer Verfügbarkeit und Engpässen in der Ersatzteilversorgung, was die Einsatzbereitschaft ihrer Flotten beeinträchtigt.
Die Rückführung der norwegischen Hubschrauber, Ersatzteile und Spezialwerkzeuge bedeutet für NHI, dass diese Komponenten zur Verbesserung der Wartung und der Teileversorgung anderer nationaler NH90-Flotten eingesetzt werden können. Dies könnte zur Entspannung der Situation bei anderen Betreibern beitragen und die gesamtprogrammatische Stabilität des NH90 erhöhen, der strategisch wichtig für die europäische Verteidigungsindustrie ist. Die Übernahme der vollen Eigentümerschaft ermöglicht es NHI, die Assets gezielt und effizient dort einzusetzen, wo der Bedarf am größten ist.
Die Zukunft der norwegischen Hubschrauberflotte
Die Entscheidung, sich vom NH90 zu trennen, stellte Norwegen vor die unmittelbare Herausforderung, einen adäquaten Ersatz für die maritimen und Küstenwachaufgaben zu finden. Der Bedarf an leistungsstarken Hubschraubern für Such- und Rettungsdienste (SAR), Küstenüberwachung und U-Boot-Jagd in den rauen nordatlantischen Gewässern bleibt hoch.
Nach der Kündigung hatte die norwegische Regierung rasch gehandelt, um die entstandene Kapazitätslücke zu schließen. Norwegen hat sich daraufhin für die Beschaffung von amerikanischen Hubschraubern entschieden, um die Flottenlücke zu überbrücken und die kritischen Operationen fortzusetzen. Die Wahl fiel dabei auf den Sikorsky MH-60R Seahawk, ein bewährtes Modell der US Navy, das für seine Zuverlässigkeit und seine Fähigkeit für komplexe See-Einsätze bekannt ist. Die Verhandlungen über die schnelle Lieferung von Ersatzhubschraubern wurden forciert, um die operationelle Einsatzfähigkeit der Küstenwache und der Marine schnellstmöglich wiederherzustellen.
Die nun erzielte finanzielle und materielle Einigung mit NHI schließt das NH90-Kapitel für Norwegen formal ab und ermöglicht es dem Land, sich vollständig auf die Integration der neuen Hubschrauberflotte und die langfristige Planung seiner militärischen und zivilen Lufttransportkapazitäten zu konzentrieren.