Lufthansa-Winglet (Foto: Mark König/Unsplash).
Redakteur
Letztes Update
Give a coffee
Informationen sollten frei für alle sein, doch guter Journalismus kostet viel Geld.
Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, können Sie Aviation.Direct freiwillig auf eine Tasse Kaffee einladen.
Damit unterstützen Sie die journalistische Arbeit unseres unabhängigen Fachportals für Luftfahrt, Reisen und Touristik mit Schwerpunkt D-A-CH-Region und zwar freiwillig ohne Paywall-Zwang.
Wenn Ihnen der Artikel nicht gefallen hat, so freuen wir uns auf Ihre konstruktive Kritik und/oder Ihre Hinweise wahlweise direkt an den Redakteur oder an das Team unter unter diesem Link oder alternativ über die Kommentare.
Ihr
Aviation.Direct-Team

Pilotengewerkschaft VC verschiebt Streiks und fordert verbessertes Lufthansa-Angebot

Werbung

Im anhaltenden Tarifkonflikt zwischen der Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) und der Lufthansa herrscht vorerst eine Phase der Deeskalation. Die VC hat ihren Mitgliedern in einem internen Rundschreiben mitgeteilt, dass sie dem Management der Airline zusätzliche Zeit einräumen werde, um ein tragfähiges Angebot im Streit um die Altersversorgung vorzulegen. Dies bedeutet, dass kurzfristig keine Arbeitskampfmaßnahmen zu erwarten sind.

Die Entscheidung der Gewerkschaft, auf sofortige Streiks zu verzichten, folgt auf eine Urabstimmung Ende September, in der sich die Mitglieder mit überwältigender Mehrheit für die Durchführung von Arbeitsniederlegungen ausgesprochen hatten, sollte keine Einigung erzielt werden. Die VC forderte die Lufthansa jedoch mit einer neuen Fristsetzung zur Vorlage eines verhandlungsfähigen Vorschlages auf.

Der Kern des Konflikts dreht sich um die Arbeitgeberbeiträge zur Betriebsrente von rund 4.800 Pilotinnen und Piloten der Lufthansa Kerngesellschaft und von Lufthansa Cargo. Während die VC, die ursprünglich eine Verdreifachung der Arbeitgeberanteile forderte, die Altersversorgung als zentralen Punkt sieht, argumentiert die Lufthansa mit Verweis auf hohe Kosten und lehnt eine Aufstockung der nach ihrer Ansicht „ohnehin schon sehr guten“ betrieblichen Altersvorsorge ab. Trotz der vorläufigen Entspannung signalisiert die Gewerkschaft mit dem Verweis auf ihr „eindeutiges“ Streikmandat, dass sie weiterhin kampfbereit ist.

Der Kernkonflikt: Altersversorgung versus Unternehmenskosten

Der Streit um die betriebliche Altersversorgung schwelt bereits seit Mai und konnte in sieben Verhandlungsrunden nicht beigelegt werden. Die Pilotengewerkschaft VC argumentiert, dass die Anpassung der Arbeitgeberbeiträge zur Betriebsrente notwendig sei, um die finanzielle Zukunft der Piloten zu sichern und die Attraktivität des Berufs bei der Lufthansa zu gewährleisten.

Dagegen positioniert sich die Lufthansa entschieden. Jens Ritter, der Chef der Lufthansa-Kerngesellschaft, hatte öffentlich kritisiert, das Unternehmen habe schlicht keine Mittel, um die Betriebsrente weiter aufzustocken. Die Airline befindet sich in einem anhaltenden Wettbewerb mit anderen europäischen und internationalen Fluggesellschaften, von denen viele niedrigere Personalkostenstrukturen aufweisen. Die Konzernleitung sieht daher in den hohen Lohn- und Sozialleistungskosten der sogenannten „Lufthansa Classic“ – den historisch gewachsenen Tarifstrukturen der Kerngesellschaft – einen entscheidenden Kostennachteil.

Der Konflikt verdeutlicht die Spannung zwischen den Lohnforderungen der Berufsgruppe mit hoher Qualifikation und Verantwortung und den wirtschaftlichen Notwendigkeiten eines global agierenden Luftfahrtkonzerns. Für die Lufthansa geht es darum, die Betriebskosten zu senken, um in einem hart umkämpften Markt wettbewerbsfähig zu bleiben, während die VC die langfristige Absicherung ihrer Mitglieder in den Vordergrund stellt.

Verschiebung der Prioritäten: Zukunftsperspektiven statt nur Rente

Eine bemerkenswerte Verschiebung in der Kommunikation deutete Lufthansa-Chef Carsten Spohr in Frankfurt an. Er stellte fest, dass die „wenig Sorge“ im Cockpit vorrangig nicht der Betriebsrente gelte. Vielmehr herrsche „große Sorge über Zukunftsperspektiven und Wachstumsperspektiven“. Diese Aussage impliziert, dass die Piloten zwar die Altersversorgung als Verhandlungsgrundlage nutzen, ihre eigentlichen Bedenken jedoch der langfristigen Entwicklung des Unternehmens und ihren individuellen Karrierepfaden gelten.

Spohr signalisierte die Bereitschaft der Lufthansa, in den Verhandlungen „Zusagen“ zu machen, die genau diese Bedenken adressieren:

  • Flugzeuge und Einstellungen: Die Zusage für Investitionen in neue Flugzeuge und die Einstellung von Personal ist ein direktes Signal für Wachstum und damit für stabile Arbeitsplätze.
  • Anzahl von Kapitänsstellen: Die Verhandlung über die Anzahl von Kapitänsstellen ist ein entscheidender Faktor für die Karriereentwicklung und das Einkommen der jüngeren Piloten.

Diese potenziellen Zugeständnisse knüpfen Spohr zufolge jedoch an die Bedingung, dass im Gegenzug der „Kostennachteil“ der Lufthansa Classic gesenkt wird. Die Gewerkschaft befindet sich somit in einer komplexen Abwägung zwischen dem Verzicht auf finanzielle Forderungen im Bereich der Altersversorgung und der Sicherung langfristiger, struktureller Vorteile für ihre Mitglieder, insbesondere in Bezug auf Wachstumsmöglichkeiten und Aufstiegschancen.

Die Hürden der Verhandlungsformate

Trotz der beidseitigen Gesprächsbereitschaft gestalteten sich die jüngsten Verhandlungsversuche als schwierig. Informationen zufolge sollte ein vertrauliches Verhandlungsformat – der sogenannte „geschlossene Raum“ – die festgefahrenen Gespräche wieder in Gang bringen. Ziel dieses Formats war es, die Knoten auch bei anderen strittigen Themen wie der Größe der Mainline-Flotte und den Entwicklungen bei der Tochtergesellschaft Citylines zu zerschlagen. Die Citylines-Pläne der Lufthansa sehen eine Ausweitung des regionalen Flugbetriebs mit günstigeren Personalstrukturen vor, was bei der VC auf erheblichen Widerstand stößt, da dies als Aushöhlung der etablierten Tarifverträge der Kerngesellschaft gesehen wird.

Der erste Versuch, diesen „geschlossenen Raum“ einzurichten, scheiterte jedoch. Quellen zufolge konnten sich Lufthansa und die Gewerkschaft nicht auf die Spielregeln für dieses vertrauliche Format einigen. Dieses Scheitern unterstreicht die tiefe Vertrauenskrise und die grundsätzlich unterschiedlichen strategischen Ausrichtungen der beiden Parteien. Die VC zog sich daraufhin in interne Beratungen zurück und kündigte eine erneute Konzentration auf das ursprüngliche Thema der betrieblichen Altersversorgung an.

Die vorläufige Aussetzung der Streiks verschafft beiden Seiten nun eine strategische Atempause. Die Lufthansa erhält die Möglichkeit, ein überzeugenderes Gesamtpaket zu schnüren, das sowohl die finanziellen Forderungen als auch die Sorge der Piloten um die Zukunftsperspektiven berücksichtigt. Die Gewerkschaft behält ihr Streikmandat als mächtiges Druckmittel in der Hinterhand, während sie sich auf die interne Formulierung der nächsten Verhandlungsschritte vorbereitet.

Werbung

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..

Werbung