Die isländische Fluggesellschaft Play hat den vollständigen Rückzug aus dem nordamerikanischen Markt bestätigt. Dieser strategische Schritt, der bereits im Dezember 2024 mit der Einstellung der Flüge zwischen Keflavik und Washington Dulles begann und sich im April 2025 mit dem Ende der Verbindung nach Hamilton, dem Tor zur Metropolregion Toronto, fortsetzte, wird mit der Einstellung der letzten drei verbleibenden Nordamerika-Routen im Oktober 2025 abgeschlossen sein.
Das Unternehmen begründet diese Entscheidung mit der Kostenintensität seines nordamerikanischen Geschäfts, welches auf einem Drehkreuz-Modell basierte, sowie mit einem Marktumfeld, das von hoher Saisonalität, Überkapazitäten und zunehmendem Wettbewerb geprägt ist. Künftig wird sich Play auf das Leasinggeschäft und die Erschließung südeuropäischer Freizeitmärkte konzentrieren, die dem Unternehmen zufolge eine bessere Leistungsbilanz aufweisen.
Play Airlines: Ein Blick auf das Geschäftsmodell und die nordamerikanische Expansion
Play Airlines wurde als isländischer Billigflieger konzipiert, der Reisenden preiswerte Verbindungen zwischen Europa und Nordamerika über sein Drehkreuz am internationalen Flughafen Keflavik (KEF) auf Island anbieten sollte. Das Geschäftsmodell basierte auf dem sogenannten „Drehkreuz-Modell“ oder „hub-and-spoke“-Prinzip, bei dem Passagiere aus verschiedenen europäischen Städten in Keflavik zusammengeführt und von dort mit Anschlußflügen zu Zielen in Nordamerika weiterbefördert werden. Umgekehrt galt dies auch für Reisende aus Nordamerika, die über Keflavik nach Europa gelangen wollten. Dieses Modell erfordert eine hohe Effizienz bei den Umsteigevorgängen und eine ausreichende Anzahl an Anschlußpassagieren, um die Flüge profitabel zu gestalten.
Die Expansion nach Nordamerika war ein wesentlicher Bestandteil der ursprünglichen Unternehmensstrategie, um das Wachstum der Fluggesellschaft voranzutreiben und sich als Transatlantik-Carrier im Niedrigpreissegment zu etablieren. Dies umfaßte die Eröffnung von Routen zu verschiedenen Flughäfen in den Vereinigten Staaten und Kanada, die sowohl für den Direktverkehr nach Island als auch für den Weiterflug nach Europa attraktiv sein sollten. Play setzte dabei auf eine moderne Flotte von Airbus A320neo- und A321neo-Flugzeugen, die für ihre Effizienz im Kurz- und Mittelstreckenbereich bekannt sind, aber auch auf längeren Strecken wie Transatlantikflügen eingesetzt werden können.
Herausforderungen im Nordamerika-Markt: Saisonalität, Überangebot und Wettbewerbsdruck
Die Entscheidung zum Rückzug aus Nordamerika ist laut Play das Ergebnis einer nüchternen Analyse der dortigen Marktbedingungen. Der nordamerikanische Markt wird als „sehr saisonal“ beschrieben, was bedeutet, daß die Nachfrage nach Flugreisen stark schwankt und in bestimmten Monaten des Jahres deutlich höher ist als in anderen. Diese Saisonalität erschwert eine kontinuierliche Auslastung der Flugzeuge und führt zu Phasen mit geringeren Erträgen. Zudem beklagt die Fluggesellschaft ein „Überangebot an Kapazität“, was bedeutet, daß zu viele Sitzplätze im Verhältnis zur tatsächlichen Nachfrage angeboten werden. Dies führt unweigerlich zu einem erhöhten Wettbewerbsdruck, da Fluggesellschaften gezwungen sind, ihre Preise zu senken, um ihre Flugzeuge zu füllen.
Ein weiterer kritischer Punkt ist der „zunehmende Wettbewerb“, der zu „niedrigeren Erträgen“ führt. Auf den Transatlantikrouten, insbesondere über Island, konkurriert Play nicht nur mit anderen Billigfluggesellschaften, sondern auch mit etablierten Netzwerk-Carriern wie Icelandair, Delta Air Lines und United Airlines. Diese großen Fluggesellschaften verfügen oft über umfassendere Streckennetze, stärkere Markenpräsenz und die Möglichkeit, Kunden durch Vielfliegerprogramme und Partnerschaften an sich zu binden. Für einen Billigflieger wie Play ist es entscheidend, daß die Kosten ausreichend niedrig sind oder die Erträge pro Passagier hoch genug, um trotz des Wettbewerbs profitabel zu sein. Wenn diese Bedingungen nicht erfüllt sind, kann selbst eine hohe Auslastung der Flüge nicht zu einem positiven Geschäftsergebnis führen.
Der sukzessive Rückzug: Chronologie und die letzten Routen
Der Abschied von Nordamerika vollzieht sich bei Play Airlines schrittweise. Bereits im Dezember 2024 wurden die Flüge zwischen Keflavik und Washington Dulles eingestellt. Im April 2025 folgte die Verbindung nach Hamilton, dem Flughafen für die Metropolregion Toronto in Kanada. Mit diesen Schritten wurde das nordamerikanische Streckennetz bereits erheblich reduziert.
Nun hat Play die Einstellung der letzten drei US-Routen bekanntgegeben. Am 1. September 2025 wird die Verbindung von Keflavik nach Stewart, New York, eingestellt. Diese Route wurde seit Juni 2022 ganzjährig betrieben und war der einzige internationale und europäische Dienst des Stewart International Airport. Mit dem Rückzug von Play verliert der Flughafen Stewart erneut seine einzige internationale Anbindung, nachdem zuvor die färöische Fluggesellschaft Atlantic Airways im Jahre 2023 und kurzzeitig 2024 dort operierte. Dies verdeutlicht die Herausforderungen, die kleinere Flughäfen bei der Sicherung internationaler Verbindungen haben, insbesondere im Niedrigpreissegment.
Ebenfalls am 1. September 2025 endet die Verbindung von Keflavik nach Boston. Diese Route, die von vier bis sechs wöchentlichen Frequenzen bedient wurde, ist ein wichtiger Markt zwischen Island und den Vereinigten Staaten. Allerdings ist der Wettbewerb auf dieser Strecke besonders intensiv, da Icelandair bereits bis zu 20 wöchentliche Flüge im Sommer und 10 im Winter anbietet.
Der letzte Nordamerika-Flug von Play wird am 24. Oktober 2025 von Keflavik nach Baltimore gehen. Dies ist in gewisser Weise von symbolischer Bedeutung, da Baltimore im April 2022 die erste nordamerikanische Route war, die Play aufgenommen hatte. Die Route wurde täglich bedient. Auch hier ist der Wettbewerb durch Icelandair, die täglich nach Baltimore fliegen und ihre Frequenzen im kommenden Sommer auf zweimal täglich erhöhen wollen, sowie durch eine Partnerschaft mit Southwest Airlines, sehr ausgeprägt.
Flottenanpassungen und operationelle Effizienz: Airbus A320neo im Fokus
Parallel zur strategischen Neuausrichtung hat Play auch Anpassungen an seiner Flugzeugflotte vorgenommen. Die größeren Airbus A321neos wurden ausgemustert, und die Fluggesellschaft setzt nun verstärkt auf den Airbus A320neo. Der Airbus A320neo ist ein Schmalrumpfflugzeug und gehört zur neuesten Generation der A320-Familie. Er zeichnet sich durch verbesserte Treibstoffeffizienz und Reichweite aus, was ihn für Kurz- und Mittelstrecken besonders attraktiv macht. Auch wenn der A320neo technisch in der Lage ist, Transatlantikflüge zu absolvieren, bietet er im Vergleich zum größeren A321neo weniger Sitzplätze. Diese „Verkleinerung“ der Flugzeuge deutet darauf hin, daß Play seine Kapazität auf den verbleibenden und zukünftigen Routen anpassen möchte, um eine höhere Auslastung und damit bessere Wirtschaftlichkeit zu erzielen. Dies paßt zur Strategie, sich auf Märkte mit niedrigeren Frequenzen und möglicherweise geringerer Nachfrage pro Flug zu konzentrieren, wo der A320neo eine optimale Größe darstellen könnte.
Performanceanalyse der Nordamerika-Routen: Hohe Auslastung, aber unzureichende Erträge
Obwohl Play Airlines auf den drei verbleibenden US-Routen im Zeitraum von März 2024 bis Februar 2025 insgesamt 265.600 Hin- und Rückreisende beförderte, was einem durchschnittlichen Sitzladefaktor von 88 Prozent entspricht – vier Prozentpunkte höher als der Durchschnitt aller Betreiber –, waren diese Routen dennoch verlustbringend. Der Sitzladefaktor, der die Auslastung der Flugzeuge mißt, ist zwar ein wichtiger Indikator, aber nicht der einzige Faktor für die Rentabilität einer Route. Eine hohe Auslastung allein garantiert keine Gewinne, wenn die Erträge pro Passagier, die sogenannten „Yields“, nicht ausreichen, um die Betriebskosten zu decken. Play selbst hat erklärt, daß die Routen aufgrund ihrer Unrentabilität eingestellt werden.
Die Aufteilung der Passagierzahlen zeigt eine relativ gleichmäßige Verteilung auf die drei Routen: Baltimore mit 87.900 Passagieren (89% Sitzladefaktor), Boston mit 89.700 Passagieren (87% Sitzladefaktor) und Stewart mit 88.000 Passagieren (88% Sitzladefaktor). Ein weiterer wichtiger Aspekt, der zur Unrentabilität beigetragen haben dürfte, ist das Passagierverhalten: Buchungsdaten legen nahe, daß etwa acht von zehn Play-Passagieren ausschließlich zwischen Keflavik und ihrem Zielort reisten und keine weiteren Anschlußflüge von Keflavik aus nutzten. Dies bedeutet, daß Play nicht ausreichend von der Drehkreuzfunktion profitieren konnte, die für das „hub-and-spoke“-Modell von entscheidender Bedeutung ist, um die Flüge mit Transitpassagieren aufzufüllen und somit die Erträge zu steigern.
Der isländische Markt und der Wettbewerb: Ein Überblick der Akteure
Im Zeitraum bis Februar 2025 beförderten Delta Air Lines, Icelandair, Play und United Airlines zusammen rund 2,1 Millionen Passagiere zwischen Keflavik und den Vereinigten Staaten. Dieser Gesamtverkehr umfaßt sowohl Direktreisende als auch solche, die in Island umstiegen oder in den USA Anschlußflüge nutzten.
Die Route zwischen Keflavik und Boston war dabei die verkehrsreichste Einzelverbindung mit rund 351.000 Passagieren. Jedoch lag der durchschnittliche Sitzladefaktor auf dieser Strecke bei lediglich 81 Prozent, was auf ein Überangebot an Kapazitäten hindeutet, sofern die erzielten Erträge nicht überdurchschnittlich hoch waren, um dies auszugleichen. Betrachtet man größere Metropolregionen, so war der Großraum Washington D.C. (Baltimore und Dulles) mit 377.000 Passagieren führend, gefolgt vom Großraum New York (JFK und Newark) mit 353.000 Passagieren.
Icelandair, der größte isländische Carrier, spielt eine dominierende Rolle auf den Transatlantikrouten via Island. Mit zahlreichen Verbindungen, darunter mehrfach tägliche Flüge nach New York JFK und Newark sowie zunehmende Frequenzen nach Baltimore und Washington Dulles, verfügt Icelandair über ein robustes Netzwerk und profitiert von Partnerschaften, wie jener mit Southwest Airlines, die zusätzliche Passagiere auf ihre Routen bringen. Dies verstärkt den Wettbewerbsdruck für neue Marktteilnehmer und Billigfluggesellschaften, die sich in diesem Segment behaupten wollen.
Zukünftige Strategie: Konzentration auf Südeuropa und neue Märkte
Nach dem vollständigen Rückzug aus Nordamerika beabsichtigt Play, seine Ressourcen auf die profitableren südeuropäischen Freizeitmärkte zu konzentrieren. Diese Märkte sind oft durch „niedrige Frequenzen“ und „Punkt-zu-Punkt-Verbindungen“ gekennzeichnet, was bedeutet, daß Flüge seltener und direkt zwischen zwei Städten ohne notwendige Umsteigeverbindungen stattfinden. Dieses Modell ist in der Regel kostengünstiger zu betreiben, da es weniger Komplexität und geringeren Bedarf an Transitpassagieren aufweist. Es eignet sich gut für den Tourismus- und Freizeitverkehr, der weniger auf Geschäftskunden oder schnelle Umsteigeverbindungen angewiesen ist.
Ein wichtiger strategischer Vorteil für Play ist sein maltesisches Luftverkehrsbetreiberzeugnis (Air Operator’s Certificate, AOC). Dieses ermöglicht es der Fluggesellschaft, flexibler auf dem europäischen Markt zu agieren und möglicherweise Flüge von anderen Basen außerhalb Islands anzubieten oder Routen zu bedienen, die von Malta aus günstiger sind. Als Beispiel für die Erschließung neuer Märkte wurde Pristina im Kosovo genannt. Dieser strategische Schwenk reflektiert eine Neuausrichtung auf Strecken und Betriebsmodelle, die besser zu den Stärken eines Billigfliegers passen und eine nachhaltigere Profitabilität versprechen, indem sie saisonale Schwankungen und übermäßigen Wettbewerb vermeiden.