Die portugiesische Regierung hat offiziell den seit geraumer Zeit erwarteten Prozeß zur Teilprivatisierung der nationalen Fluggesellschaft TAP Air Portugal (TAP) wiederaufgenommen. Nachdem das Verfahren im März dieses Jahres aufgrund des Zusammenbruchs der damaligen Minderheitsregierung unterbrochen worden war, ist die im Mai neu ins Amt zurückgekehrte Koalitionsregierung nun bereit, die Pläne fortzusetzen.
Ziel ist es, in den kommenden zwölf Monaten einen Anteil von 49,9 Prozent an der Fluggesellschaft zu veräußern, wobei fünf Prozent dieser Anteile für die Mitarbeiter der TAP reserviert sind. Mehrere große europäische Luftfahrtkonzerne, darunter die Lufthansa Group, Air France-KLM und IAG, zeigen bereits großes Interesse an einer Beteiligung an dem portugiesischen Flagcarrier. Die Regierung erwartet jedoch Gebote von „zahlreichen interessierten Parteien“, einschließlich Fluggesellschaften von außerhalb der Europäischen Union, und hat ein Verkaufsmodell strukturiert, das Partnerschaften zwischen Fluggesellschaften, Investitionsfonds und privaten Investoren ermöglicht.
TAP’s wechselvolle Geschichte: Von Privatbesitz zur erneuten Verstaatlichung und nun zur Teilprivatisierung
Die Geschichte der TAP Air Portugal ist in den letzten Jahren von einer bemerkenswerten Volatilität geprägt. Die Fluggesellschaft befand sich bereits in privatem Besitz, als das Konsortium Atlantic Gateway unter der Führung von David Neeleman im Jahre 2016 eine 45-prozentige Beteiligung an der Airline erwarb. Diese Privatisierung sollte die Effizienz steigern und die finanzielle Lage des Unternehmens festigen.
Doch die globale Luftfahrtkrise, ausgelöst durch die Pandemie ab dem Jahre 2020, traf die TAP schwer und führte zu einer drastischen Veränderung ihrer Eigentumsverhältnisse. Angesichts der existenziellen Bedrohung für die Fluggesellschaft sah sich die portugiesische Regierung gezwungen, das Unternehmen erneut zu verstaatlichen. Dies geschah im Rahmen eines umfassenden Rettungsplans, der der TAP ein Darlehen in Höhe von 4,4 Milliarden Euro zur Verfügung stellte. Diese Maßnahme war entscheidend, um den Betrieb aufrechtzuerhalten und Tausende von Arbeitsplätzen zu sichern.
Nach dem Abklingen der Pandemie und einer Stabilisierung des Luftverkehrs signalisierte die Regierung erneut ihre Absicht, einen Anteil an der Fluggesellschaft zu veräußern. Dieser Prozeß wurde jedoch durch politische Turbulenzen im Land immer wieder verzögert, was zu Unsicherheiten auf dem Markt und bei potentiellen Investoren führte. Die jetzige Wiederaufnahme der Privatisierung durch ein Dekret unterstreicht das erneute politische Bekenntnis zu diesem Schritt.
Schlüsseldetails des Privatisierungsprozesses: Ein gestufter Ansatz zur Anteilsveräußerung
Der nun wieder in Gang gesetzte Privatisierungsprozeß der TAP ist detailliert in einem Dekret-Gesetz festgelegt. Ziel ist es, zunächst bis zu 49,9 Prozent des Kapitals der TAP zu veräußern. Die Regierung hat jedoch signalisiert, daß sie offen für den Verkauf eines größeren Anteils wäre, sollten die Umstände dies als vorteilhaft erscheinen lassen. Dies läßt Raum für Flexibilität und könnte je nach Qualität der Angebote zu einer vollständigeren Privatisierung führen.
Der Verkauf ist in vier Phasen strukturiert, die voraussichtlich bis Mitte 2026 abgeschlossen sein sollen:
- Präqualifikation: In dieser ersten Phase haben alle interessierten Parteien ein Zeitfenster von 60 Tagen, um offiziell ihr Interesse an der Fluggesellschaft zu bekunden und sich für den weiteren Angebots-Prozeß zu qualifizieren. Dies dient dazu, ernsthafte Bewerber zu identifizieren und den Kreis der Bieter einzugrenzen.
- Angebotsabgabe: Alle qualifizierten Parteien werden im vierten Quartal detaillierte Vorschläge einreichen müssen. Besonderes Augenmerk wird dabei auf die Frage gelegt, wie ihre Organisation „Synergien“ mit der TAP fördern kann. Hier geht es nicht nur um den Kaufpreis, sondern auch um strategische Konzepte für die zukünftige Entwicklung der TAP innerhalb eines größeren Verbundes.
- Verbindliche Angebote: Die vielversprechendsten Vorschläge werden in eine engere Auswahl genommen, voraussichtlich auf maximal drei bis fünf Teilnehmer. Diese werden dann aufgefordert, nach umfassenden Due-Diligence-Prüfungen verbindliche Angebote einzureichen. In dieser Phase erfolgt eine detaillierte finanzielle und rechtliche Prüfung der TAP durch die Bieter.
- Endgültige Verhandlungen: In der letzten Phase wird die Regierung in abschließende Verhandlungen mit dem bevorzugten Bieter eintreten, um die Veräußerungstransaktion abzuschließen. Hier werden die letzten Details des Verkaufsvertrages ausgehandelt.
Portugals Premierminister Luis Montenegro betonte, wie Reuters berichtet, die Notwendigkeit eines „strategischen Partners mit Luftfahrtexpertise“. Das Ziel sei nicht nur die Beschaffung von Kapital, sondern die Entwicklung der TAP zu einer global wettbewerbsfähigeren Fluggesellschaft. „Ich bin überzeugt, daß es viele Interessenten geben wird, und ich erwarte auch, daß Nicht-EU-Fluggesellschaften Interesse bekunden werden“, so Montenegro. Er fügte hinzu: „Idealerweise werden wir die TAP innerhalb eines Jahres in eine größere Gruppe integriert sehen, mit einer größeren Fähigkeit, Synergien und positiven Wert zu generieren.“ Dies zeigt, daß die portugiesische Regierung nicht nur einen Finanzinvestor, sondern einen strategischen Partner sucht, der die TAP operativ und kommerziell stärken kann.
Das Kaufobjekt: TAP Air Portugals Stärken und Attraktivität für Investoren
Interessierte Investoren erwerben bei der Privatisierung der TAP Air Portugal Anteile an einer Fluggesellschaft, die zu den Top 20 der europäischen Fluggesellschaften zählt, gemessen an der Passagierzahl und der Flottengröße. Als Mitglied der Star Alliance, einem der größten globalen Luftfahrtbündnisse, profitiert die TAP von einem weitreichenden Partnernetzwerk und gemeinsamen Vorteilen wie Vielfliegerprogrammen und Codeshare-Abkommen.
Im Jahre 2024 beförderte die TAP 16 Millionen Passagiere und erwirtschaftete bei einem Rekordumsatz von 4,2 Milliarden Euro einen Nettogewinn von 53,7 Millionen Euro. Diese positiven Geschäftszahlen nach der Pandemie unterstreichen die Erholung und das Potenzial der Fluggesellschaft. Die Hauptfluggesellschaft betreibt eine reine Airbus-Flotte von 80 Flugzeugen, wobei weitere 22 Flugzeuge bestellt sind. Die Flotte umfaßt verschiedene Airbus-Modelle von Kurzstreckenflugzeugen wie dem A319 und A320 bis hin zu Langstreckenmaschinen wie dem A330-200 und dem modernen A330-900 (Neo). Die regionale Tochtergesellschaft TAP Express ergänzt die Flotte mit weiteren 19 Embraer E190/195s für Kurz- und Mittelstreckenflüge. Die relativ junge Durchschnittsflottenalter der neueren Flugzeuge wie der A320neo (4,4 Jahre) und A330-900 (6,2 Jahre) ist ein Vorteil in Bezug auf Betriebseffizienz.
Laut Daten von Cirium bediente die TAP im ersten Halbjahr 2025 insgesamt 100 Routen, die 89 verschiedene Flughäfen miteinander verbanden. Von ihrer Hauptbasis am Lissabonner Flughafen Humberto Delgado (LIS) aus wurden 88 Destinationen angeflogen, und weitere 12 von ihrer Sekundärbasis in Porto.
Eine der größten Stärken der TAP, die sie für potentielle Investoren besonders attraktiv macht, ist ihr umfangreiches Netzwerk nach Brasilien, wo sie 14 verschiedene Ziele bedient. Historisch bedingt durch die gemeinsamen kulturellen und sprachlichen Wurzeln, ist diese Verbindung einzigartig und für viele Reisende von und nach Südamerika von großer Bedeutung. Ebenso ansprechend ist ihre geographische Position am westlichen Rand Europas. Lissabon dient als natürlicher Brückenkopf zwischen Europa, Afrika und dem amerikanischen Kontinent. Das schnelle Wachstum ihres nordamerikanischen Netzwerks mit nunmehr 11 Zielen unterstreicht dieses Potential weiter und macht die TAP zu einem interessanten Ziel für globale Luftfahrtkonzerne, die ihre Präsenz in diesen wachsenden Märkten ausbauen möchten.
Die potentiellen Bieter: Ein Kampf der Giganten um Portugals Flagcarrier
Der Privatisierungsprozeß der TAP zieht erwartungsgemäß die größten Namen der europäischen Luftfahrt an, die jeweils eigene strategische Interessen verfolgen:
Die Lufthansa Group gilt als einer der Frontrunner im Bieterkampf. Als bereits etablierter Star Alliance-Partner der TAP würde eine Akquisition die Synergien innerhalb des Bündnisses vertiefen. Besonders attraktiv ist für die Lufthansa das Brasilien-Netzwerk der TAP, das eine bemerkenswerte Ergänzung darstellen würde, da die Lufthansa Group eine Expansion nach Lateinamerika anstrebt, einem Bereich, in dem sie derzeit vergleichsweise schwächer aufgestellt ist. Allerdings haben Branchenanalysten Bedenken geäußert, ob die Lufthansa nach ihrer jüngsten Vereinbarung zur Übernahme von ITA Airways (Italien) die Kapazitäten und den Appetit für eine weitere große Akquisition und Integration besitzt. Dennoch wird vermutet, daß die Lufthansa Group bereit sein könnte, diese Herausforderung anzunehmen, wenn auch nur, um die TAP nicht in die Hände eines ihrer Hauptkonkurrenten fallen zu lassen.
Die IAG (International Airlines Group), Muttergesellschaft von British Airways, Iberia, Aer Lingus und Vueling, ist ein weiterer ernsthafter Bewerber. Sie bekräftigte bereits Anfang dieses Jahres ihr Interesse an einer Beteiligung an der portugiesischen Fluggesellschaft. Nachdem die IAG ihren geplanten Kauf von Air Europa aufgeben mußte, könnte die TAP der nächstbeste Weg sein, ihre Dominanz in Südeuropa zu festigen. Die strategische Position Portugals auf der Iberischen Halbinsel würde es der IAG ermöglichen, ihre Präsenz in diesem wichtigen Markt weiter auszubauen. Allerdings könnte es aufgrund der bestehenden Netzwerküberlappungen zwischen den IAG-Fluggesellschaften und der TAP dazu kommen, daß die IAG eine beträchtliche Anzahl von Start- und Landerechten (Slots) an den großen Flughäfen der Iberischen Halbinsel abgeben müßte, was den Deal möglicherweise unattraktiv machen könnte.
Als wahrscheinlich am besten positionierte Gruppe wird derzeit Air France-KLM angesehen. Das Unternehmen hat kürzlich seine Absicht bekanntgegeben, eine kontrollierende Beteiligung an SAS (Skandinavien) zu erwerben, und strebt eine stärkere Präsenz sowohl in Nord- als auch in Südeuropa an. Air France-KLM hat bereits ihr Interesse an einem Gebot bekundet. Es bleibt abzuwarten, ob sie dies allein tun wird. Es gibt Präzedenzfälle für die SkyTeam-Partner, als Investitionsclub zu agieren; beispielsweise ist Virgin Atlantic zu 49 Prozent im Besitz von Delta Air Lines und zu 31 Prozent im Besitz von Air France-KLM. Zudem haben Delta, Air France-KLM und Korean Air jüngst gemeinsam eine 25-prozentige Beteiligung an WestJet erworben. Die portugiesische Regierung könnte ein solch globales Konsortium, das Synergien für ihren Flagcarrier sucht, durchaus bevorzugen.
Die Wiederaufnahme des Privatisierungsprozesses von TAP Air Portugal durch die portugiesische Regierung leitet eine neue Ära für die Fluggesellschaft ein. Mit dem Angebot von fast 50 Prozent der Anteile zieht die TAP die Aufmerksamkeit globaler Luftfahrtgiganten auf sich, die alle strategische Interessen in der Expansion ihrer Netzwerke und der Festigung ihrer Marktpositionen sehen. Die Stärken der TAP, insbesondere ihr umfassendes Brasilien-Netzwerk und ihre strategische geografische Lage, machen sie zu einem begehrten Objekt. Der Ausgang des Bieterkampfes zwischen der Lufthansa Group, IAG und Air France-KLM wird nicht nur die Zukunft der TAP bestimmen, sondern auch die Kräfteverhältnisse im europäischen und transatlantischen Luftverkehr maßgeblich beeinflussen.