Die portugiesische Regierung hat offiziell den seit langem erwarteten Privatisierungsprozeß der nationalen Fluggesellschaft TAP Air Portugal (TAP) wieder aufgenommen. Angesichts des Interesses mehrerer großer europäischer Airline-Gruppen an einer möglichen Beteiligung an der Fluggesellschaft dürfte sich dieser Prozeß in den kommenden zwölf Monaten zu einem bedeutenden Ereignis in der europäischen Luftfahrtbranche entwickeln.
Ziel ist es, in einem ersten Schritt eine Beteiligung von 49,9 Prozent an der TAP zu veräußern, wobei die Option besteht, bei günstigen Marktbedingungen und entsprechender Nachfrage weitere Anteile zu verkaufen. Diese Entscheidung fällt in eine Zeit, in der TAP eine ihrer stärksten Geschäftsperioden in ihrer Geschichte verzeichnet, was die Attraktivität der Airline für Investoren erhöht.
Die Verkaufsabsichten der Regierung und das Interesse der Branche
Am 10. Juli 2025 verkündete die portugiesische Regierung, daß sie beabsichtige, innerhalb des nächsten Jahres eine Beteiligung von 49,9 Prozent an TAP Air Portugal zu verkaufen. Premierminister Luis Montenegro zeigte sich „überzeugt, daß es viele interessierte Parteien geben wird“ an dieser geplanten Teilveräußerung, die auch eine Beteiligung von fünf Prozent für die Mitarbeiter der Airline vorsieht. Die Möglichkeit, bei entsprechender Marktlage und Nachfrage noch mehr Kapital zu veräußern, läßt den potentiellen Investoren Spielraum für zukünftige Entwicklungen. Diese Strategie deutet darauf hin, daß die Regierung eine vollständige Privatisierung zu einem späteren Zeitpunkt nicht ausschließt, sollte dies im besten Interesse des Staates und der Fluggesellschaft sein.
Bislang haben bereits drei der größten europäischen Airline-Gruppen ihr Interesse an der TAP bekundet. Sollte einer von ihnen den Zuschlag erhalten, könnte dies zu einer weiteren Konsolidierung des bereits wettbewerbsintensiven europäischen Luftfahrtmarktes führen.
Ein starker Anwärter ist die Lufthansa Group aus Deutschland. Das Unternehmen war in den letzten Jahren sehr aktiv bei der Übernahme von Anteilen an anderen europäischen Fluggesellschaften, um sein Netzwerk und seine Marktposition auszubauen. Unter dem Dach der Lufthansa Group finden sich bereits Airlines wie Brussels Airlines, Austrian Airlines, SWISS International und jüngst auch ITA Airways, die staatliche italienische Fluggesellschaft. Berichten zufolge soll die Lufthansa Group bereits Anfang 2025 erste Vorgespräche mit der portugiesischen Regierung über eine mögliche Beteiligung an TAP Air Portugal geführt haben. Die strategische Position der TAP, insbesondere ihr starkes Netzwerk nach Südamerika, könnte eine wertvolle Ergänzung für das globale Netzwerk der Lufthansa Group darstellen.
Weitere führende Anwärter sind die International Airlines Group (IAG), welche Fluggesellschaften wie British Airways, Iberia und Aer Lingus kontrolliert, sowie die Air France-KLM Group. Letztere hat ihr Interesse an einer Beteiligung an TAP öffentlich bekundet, sollte diese zum Verkauf stehen. Reuters zitierte kürzlich eine Erklärung von Air France-KLM, wonach sie „an diesem Prozeß teilnehmen wird, sobald alle Details veröffentlicht sind“. IAG hingegen zeigte sich in der Öffentlichkeit zurückhaltender mit ihren Absichtserklärungen: „Wie wir bereits zuvor erklärt haben, freut sich IAG darauf, die Bedingungen des potenziellen Verkaufs von TAP zu prüfen und wird alle Details und Bedingungen des Prozesses sorgfältig prüfen, sobald sie verfügbar sind.“ Diese unterschiedlichen Kommunikationsstrategien zeigen die Ernsthaftigkeit des Interesses der potentiellen Käufer, aber auch die Sensibilität eines solchen Übernahmeprozesses.
TAP Air Portugal: Eine Fluggesellschaft im Aufwind
Die Privatisierung fällt in eine besonders günstige Phase für TAP Air Portugal. Die Fluggesellschaft erlebt derzeit eine ihrer stärksten Geschäftsperioden in ihrer Geschichte. Sowohl die Auslastung der Flugzeuge als auch die Profitabilität sind gestiegen, und die Airline expandiert aktiv ihr Streckennetz, insbesondere zu Langstreckenzielen in Nord- und Südamerika.
Im Jahre 2024 verzeichnete TAP ein beeindruckendes Nettoergebnis von 53,7 Millionen Euro. Dies ist das dritte positive Ergebnis in Folge und ein deutlicher Anstieg von 149,4 Millionen Euro im Vergleich zum Jahre 2019, dem letzten Jahr vor der globalen Pandemie. Die Erholung und der wirtschaftliche Erfolg der TAP sind das Ergebnis umfassender Restrukturierungsmaßnahmen, die nach der staatlichen Rettung während der Coronakrise eingeleitet wurden.
Die Betriebserträge der TAP erreichten im Jahre 2024 einen neuen Höchststand von 4.242,4 Millionen Euro, was einem Anstieg von 0,7 Prozent gegenüber 2023 und sogar 28,6 Prozent über dem Niveau von 2019 entspricht. Auch die Passagiererträge blieben 2024 positiv, angetrieben durch eine Zunahme der gesamten Netzwerkkapazität um 1,6 Prozent und eine entsprechende Verbesserung der Auslastung (Load Factor) um 1,5 Prozent.
Im Jahre 2024 beförderte TAP insgesamt 16,1 Millionen Passagiere, ein Anstieg von 1,6 Prozent gegenüber 2023. Damit erreichte die Fluggesellschaft bereits 94 Prozent der im Jahre 2019 erzielten Werte. Die Gesamtzahl der durchgeführten Flüge ging im Vergleich zu 2023 um 1,5 Prozent zurück, erreichte aber immer noch 86 Prozent des Vorkrisenniveaus. Für das Jahr 2025 erwartet das Unternehmen eine weitere Verbesserung dieser Kennzahlen. Diese positive Entwicklung macht die TAP zu einem attraktiven Übernahmeziel, da sie sich in einer Phase der Stärke und nicht der Schwäche befindet.
Strategische Bedeutung und politische Begründung der Privatisierung
Portugals Infrastrukturminister Miguel Pinto Luz erklärte, die Regierung strebe danach, durch die Privatisierung Synergien zwischen TAP und einem strategischen Partner zu fördern, der eine Schlüsselrolle im Management erhalten soll. „Wir glauben, daß wir die Privatisierung innerhalb eines Jahres abschließen können“, sagte Pinto Luz gegenüber Reportern und fügte hinzu, daß das Privatisierungsmodell auch Angebote von Fluggesellschaften außerhalb der Europäischen Union zulasse. Dies eröffnet den Kreis der potentiellen Investoren und könnte den Wettbewerb um die Airline erhöhen.
Premierminister Montenegro begründete die Entscheidung zur Privatisierung mit den hohen Kosten, die der Staat in der Vergangenheit für die Airline aufbringen mußte: „Wir haben diese Entscheidung [zur Privatisierung] getroffen, weil wir bereits viel Geld ausgegeben haben … Wir wollen nicht weiterhin Geld in ein Faß ohne Boden schütten.“ Diese Aussage unterstreicht den fiskalischen Aspekt der Entscheidung; der portugiesische Staat möchte die finanzielle Belastung durch die Airline reduzieren und die Mittel anderweitig einsetzen.
Die Privatisierung der TAP war bereits seit der globalen Pandemie ein Thema. Damals mußte die Fluggesellschaft, wie viele andere europäische Airlines auch, eine Staatshilfe von der portugiesischen Regierung in Anspruch nehmen, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Nach vier Jahren des Wiederaufbaus und der Konsolidierung fühlt sich die portugiesische Regierung nun bereit, den Privatisierungsprozeß voranzutreiben.
Ein möglicher Stolperstein im Privatisierungsprozeß könnte die instabile politische Lage Portugals sein. Nach dem Zusammenbruch der Mitte-Rechts-Minderheitsregierung im März 2025 kehrte im Mai 2025 eine neue Koalitionsregierung ins Amt zurück. Diese neue Regierung könnte den letztendlichen Verkauf von Anteilen an der TAP noch blockieren, obwohl die derzeitige Regierung die Initiative ergriffen hat. Solche politischen Unsicherheiten sind bei großen Staatsverkäufen nicht unüblich und müssen von potentiellen Investoren in ihre Risikobewertung einbezogen werden.
Flotte, Netzwerk und strategische Stärken der TAP
Laut ch-aviation betreibt TAP Air Portugal derzeit eine reine Airbus-Flotte von 83 Flugzeugen in ihrer Hauptflotte. Die regionale Tochtergesellschaft, TAP Express, betreibt weitere 19 Embraer-Regionaljets, welche Zubringerflüge für die Langstreckenverbindungen sicherstellen. Die Hauptfluggesellschaft bedient 105 Routen zu 88 Zielen in 31 Ländern von ihrer Hauptbasis am Flughafen Lissabon Humberto Delgado (LIS) aus.
Die größten Stärken der Fluggesellschaft liegen in ihrem umfangreichen Netzwerk zu mehreren Punkten in Brasilien, portugiesischsprachigen afrikanischen Ländern und den Vereinigten Staaten von ihrem Drehkreuz in Lissabon aus. Lissabon ist geographisch ideal als Brücke zwischen Europa, Afrika und Südamerika gelegen, was der TAP einen strategischen Vorteil gegenüber anderen europäischen Carriern verschafft. Die historischen und sprachlichen Verbindungen Portugals zu Brasilien und den afrikanischen Ländern Angola, Mosambik, Kap Verde und São Tomé und Príncipe sind dabei von unschätzbarem Wert und haben TAP eine starke Marktposition auf diesen Strecken gesichert. Für eine übernehmende Airline-Gruppe wäre dies ein entscheidender Zugewinn, der ihr Netzwerk in wachstumsstarken Märkten erheblich erweitern würde.
Die Wiederaufnahme des Privatisierungsprozesses von TAP Air Portugal ist ein bedeutendes Ereignis für die europäische Luftfahrtindustrie. Die Beteiligung großer Airline-Gruppen wie Lufthansa, IAG und Air France-KLM signalisiert das hohe strategische Interesse an der profitablen und gut positionierten portugiesischen Fluggesellschaft. Während die portugiesische Regierung eine Entlastung des Staatshaushalts anstrebt, bieten die Stärken der TAP im Langstreckennetzwerk, insbesondere nach Südamerika und ins portugiesischsprachige Afrika, den Bietern attraktive Wachstumschancen. Die nächsten zwölf Monate werden zeigen, welcher Gigant des europäischen Luftverkehrs den Zuschlag erhält und die Zukunft der TAP maßgeblich gestalten wird.