Die globale Luftfahrtindustrie blickt gespannt auf die jüngsten diplomatischen und wirtschaftlichen Entwicklungen zwischen Doha und Toulouse. Hamad Al-Khater, der seit Dezember 2025 amtierende Vorstandschef von Qatar Airways, hat im Rahmen seiner ersten Europareise die Zentrale des Flugzeugherstellers Airbus besucht.
Dieses Treffen mit Airbus-Chef Guillaume Faury markiert einen bedeutenden Wendepunkt nach Jahren tiefgreifender juristischer und technischer Auseinandersetzungen, die das Verhältnis zwischen der staatlichen Fluggesellschaft des Emirats Katar und dem europäischen Luftfahrtkonsortium zeitweise zum Erliegen brachten. Im Fokus der Gespräche stand die Stabilisierung der Lieferketten sowie die zeitgerechte Auslieferung von mehr als 60 bestellten Maschinen, darunter die technologisch anspruchsvollen Modelle A350-1000 und A321 Neo. Die Begegnung wird in Branchenkreisen als klares Signal für eine Rückkehr zur operativen Berechenbarkeit gewertet, während die Airline gleichzeitig ihre Flottenstrategie durch massive Großbestellungen beim US-amerikanischen Konkurrenten Boeing diversifiziert, um Kapazitätsengpässe infolge globaler Produktionsverzögerungen abzufedern.
Historische Belastungen und der Weg zum Vergleich
Das Verhältnis zwischen Qatar Airways und Airbus war über Jahre hinweg von einem beispiellosen Konflikt geprägt, der seinen Ursprung in der Oberflächenbeschaffenheit der Airbus A350 hatte. Ab Mitte 2021 berichtete die Airline von vorzeitigen Verschleißerscheinungen an der Lackierung, die teilweise die darunterliegende Blitzschutzschicht freilegten. Die katarische Zivilluftfahrtbehörde reagierte drastisch und erteilte Flugverbote für weite Teile der A350-Flotte, was zu einem Stillstand von bis zu 30 Maschinen führte. Airbus bestritt zunächst strukturelle Mängel und verwies auf rein kosmetische Probleme, was in einen Rechtsstreit vor dem High Court in London mündete.
In einer für die Branche ungewöhnlich harten Reaktion kündigte Airbus im Jahr 2022 einseitig bestehende Verträge für die begehrten A321 Neo-Maschinen und strich weitere A350-Bestellungen aus den Büchern. Dieser Bruch zwang Qatar Airways dazu, kurzfristig Kapazitäten von anderen Airlines zu leasen und die eigentlich zur Ausmusterung vorgesehenen Airbus A380-Riesenjets wieder in den Dienst zu stellen. Erst im Jahr 2023 konnte durch einen außergerichtlichen Vergleich eine Einigung erzielt werden, die eine Reparatur der betroffenen Flugzeuge sowie die Reaktivierung der annullierten Aufträge vorsah. Der jetzige Besuch von Hamad Al-Khater unterstreicht den Willen, dieses Kapitel endgültig abzuschließen.
Aktueller Flottenstatus und ausstehende Lieferungen
Trotz der vergangenen Turbulenzen bleibt Airbus eine zentrale Säule in der Flotte von Qatar Airways. Aktuelle Daten weisen aus, dass die Airline 122 Maschinen des europäischen Herstellers betreibt, was nahezu die Hälfte der Gesamtflotte von 276 Flugzeugen ausmacht. Die Präsenz reicht von der Kurzstrecke bis hin zum Flaggschiff A380, von dem derzeit noch zehn Exemplare für Kapazitätsspitzen vorgehalten werden. Besonders kritisch für die Wachstumspläne der Airline ist die Auslieferung der 48 bestellten A321 Neo. Diese Flugzeuge sind für die Expansion auf Mittelstreckenverbindungen vorgesehen, auf denen die größeren Großraumjets nicht effizient eingesetzt werden können.
Zusätzlich wartet die Fluggesellschaft auf 14 weitere Einheiten der A350-1000. Al-Khater betonte in Toulouse, dass die Zuverlässigkeit der Partner entscheidend für die Einhaltung des katarischen Flugplans sei. Die Airline hat in der Vergangenheit bewiesen, dass sie finanzielle Zusagen einhält, erwartet im Gegenzug jedoch eine präzise Taktung bei der Übergabe der neuen Fluggeräte. Airbus-Chef Faury bezeichnete den Austausch als hervorragende Grundlage für die kommenden Jahre, in denen die Produktion nach den Krisenjahren wieder auf ein Rekordniveau hochgefahren werden soll.
Die Doppelstrategie: Expansion mit Boeing
Während die Annäherung an Airbus voranschreitet, hat Qatar Airways ihre Abhängigkeit von einem einzigen Hersteller deutlich verringert. Im Mai 2025 löste die Airline mit einer massiven Order bei Boeing Schockwellen im Markt aus. Die Bestellung von 130 Boeing 787 Dreamliner und 30 Exemplaren der neuen Boeing 777-9 sowie Optionen auf weitere 50 Maschinen verdeutlicht den enormen Hunger nach Transportkapazität. Diese Strategie der Zweigleisigkeit ist eine direkte Reaktion auf die Erfahrungen der Vorjahre, in denen Produktionsstopps und regulatorische Hürden bei beiden Herstellern den Flugbetrieb behinderten.
Besonders die Verzögerungen beim Boeing 777X-Programm hatten die Airline gezwungen, ihre Langstreckenplanung mehrfach anzupassen. Durch die Verteilung der Aufträge auf Airbus und Boeing sichert sich Qatar Airways nicht nur bessere preisliche Konditionen, sondern minimiert auch das Risiko eines vollständigen Flottenstillstands bei technischen Problemen eines spezifischen Modells. Der neue Vorstandschef führt damit den Kurs einer aggressiven, aber risikobewussten Flottenmodernisierung fort, die darauf abzielt, Doha als weltweit führendes Drehkreuz zwischen Ost und West zu zementieren.
Herausforderungen in der globalen Lieferkette
Ein zentrales Thema des Treffens in Toulouse war die allgemeine Situation der Zulieferindustrie. Sowohl Airbus als auch Boeing kämpfen weiterhin mit Engpässen bei Triebwerkskomponenten, Avionik-Bauteilen und Kabinenausstattungen. Für eine Premium-Airline wie Qatar Airways, die höchste Ansprüche an die Qualität der Innenausstattung stellt, sind Verzögerungen bei Sitzherstellern oder Unterhaltungssystemen besonders schmerzhaft. Al-Khater machte deutlich, dass die Airline eine proaktive Kommunikation seitens der Hersteller erwartet, um operative Beeinträchtigungen frühzeitig abfedern zu können.
Die Gespräche umfassten auch technische Details zur weiteren Optimierung der Wartungsintervalle für die A350-Flotte. Nachdem die Ursachen für die Lackschäden durch neue Materialkompositionen in der Produktion behoben wurden, geht es nun darum, die Verfügbarkeit der Flugzeuge im täglichen Einsatz zu maximieren. Airbus hat zugesichert, die Unterstützung vor Ort in Doha zu intensivieren, um die Integration der neu zulaufenden A321 Neo-Flotte reibungslos zu gestalten.
Wirtschaftliche Bedeutung für den Standort Europa
Für Airbus ist die Aussöhnung mit Qatar Airways von strategischer Bedeutung. Die Golf-Airlines gehören zu den wichtigsten Kunden für Großraumflugzeuge und fungieren oft als Erstkunden für technologische Neuerungen. Ein dauerhafter Verlust eines Kunden wie Qatar Airways an den US-Konkurrenten Boeing hätte langfristige Auswirkungen auf die Marktanteile in der Region Naher Osten gehabt. Der Besuch von Al-Khater wird daher in Toulouse auch als Bestätigung für die Qualität der europäischen Ingenieurskunst gewertet.
In den kommenden Monaten wird sich zeigen, ob die wohlwollenden Worte in Taten umgesetzt werden. Die erste Auslieferung der reaktivierten A321 Neo-Bestellungen wird als Lackmustest für die neue Stabilität der Beziehung gesehen. Qatar Airways hat klargestellt, dass man bereit ist, die Partnerschaft zu vertiefen, sofern die technologische Performance und die Liefertreue den hohen Standards der Airline entsprechen. Damit schließt sich ein turbulentes Kapitel der Luftfahrtgeschichte, während gleichzeitig die Weichen für ein neues Jahrzehnt des Wachstums gestellt werden.