Reblaus-Express (Foto: Jan Gruber).
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Reblaus Express: Das Heurigen-Lokal auf Schienen

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Die Geschichte der Eisenbahn im nordwestlichen Weinviertel ist eng verknüpft mit der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung der Region. Eine zentrale Rolle spielte dabei die Lokalbahnstrecke von Retz nach Drosendorf, eine Verbindung, die über Jahrzehnte hinweg das Rückgrat für den Personen- und Güterverkehr bildete. Nach einer Ära des Niedergangs, die zur Einstellung des regulären Betriebes führte, erlebte diese historische Trasse eine bemerkenswerte Wiederbelebung als eine Art „Heurigenlokal auf Schienen“.

Heute wird sie unter dem Namen „Reblaus Express“ von der NÖVOG als touristisches Erlebnis betrieben, das die Vergangenheit mit der Gegenwart verbindet und die landschaftlichen Schönheiten des Wein- und Waldviertels einem breiten Publikum zugänglich macht.

Einst war die Lokalbahn Drosendorf-Retz eine wichtige Anbindung an die Nordwestbahn und somit – mit Umstieg in Retz – an Wien. Doch die einstige hohe regionale Bedeutung ging zunehmend zurück ehe dann der Personenverkehr durch die Österreichischen Bundesbahnen eingestellt wurde. Zeitweise gab es ab Wien-Praterstern, damals noch Bahnhof Wien-Nord, ausgewählte Züge, die ohne Umstieg bis Drosendorf und zurück verkehr sind. Doch das ist alles Eisenbahngeschichte.

Nach der Einstellung von Personen- und später auch Güterverkehr befand sich die Lokalbahn lange im Dornröschenschlaf. Im Jahr 2010 erwarb das Land Niederösterreich über die NÖVOG die Infrastruktur und machte diese wieder fit für die Wiederaufnahme. Bislang beschränkt sich der Verkehr auf touristischen Museumsverkehr, der sich an Personen richtet, die mit dem Fahrrad unterwegs sind oder aber einen Eisenbahn-Ausflug machen wollen. Daher ist der nunmehrige „Reblaus Express“ nicht in den Verkehrsverbund Ostregion integriert, so dass eine eigene Fahrkarte erforderlich ist.

Das Konzept der Fahrten ist recht simpel: Mit historischen Waggons, die von einer alten Diesellokomotive gezogen werden, bietet man Nostalgie-Fahrten an. Von Retz geht es über die kurvige und zum Teil auch durchaus steile Strecke mit ein paar Bedarfshalten nach Drosendorf. Nach einem Aufenthalt von rund einer halben Stunde tritt der Museumszug wieder die Rückfahrt nach Retz an. Während der Sommermonate verkehren diese Züge jeweils an Samstagen und Sonntagen sowie in der Hochsaison teilweise auch an Freitagen. Zu ganz besonderen Anlässen bietet die NÖVOG auch hie und da mal Sonderfahrten unter Dampf an.

Die einfache Fahrt von Retz nach Drosendorf (oder umgekehrt) kostet 17,50 Euro für Erwachsene. Hin und Retour kommen auf 23,50 Euro. Wer nur zum Anglerparadies in Hessendorf möchte, ist mit 9,50 Euro oneway dabei. Return ist man mit 11,50 Euro dabei. Vergünstigungen gibt es beispielsweise für Kinder. Inhaber der NÖ-Card haben eine Fahrt mit dem Reblaus-Express inkludiert. Tickets sind sowohl online als auch direkt im Zug bei den Schaffnern erhältlich.

Eine Besonderheit des Reblaus Express ist der so genannte Heurigen Waggon. Dieser wird von abwechselnd von verschiedenen Heurigen-Familien und Vereinen betrieben. Angeboten werden Schmankerln wie sie in Heurigen-Lokalen in dieser Region Niederösterreichs üblich sind. Das Preisniveau ist modert und zwar sowohl im Bereich der Speisen aus auch bei den Getränken. Wer keinen Platz im Waggon ergattern kann, keine Sorge, denn es gibt regelmäßige Durchgänge durch die Waggons, bei denen Bestellungen aufgenommen und dann rasch zum Platz gebracht werden. Als Zahlungsmittel wird im Bereich der Bordgastronomie ausschließlich Bargeld akzeptiert.

Die Ära der Errichtung: Ein Aufbruch ins 19. Jahrhundert

Die Idee einer Eisenbahnverbindung, die das nördliche Weinviertel erschloss, entstand im späten 19. Jahrhundert. Ziel war es, die landwirtschaftlichen Produkte der Region, insbesondere Wein und Getreide, effizienter zu den Märkten zu transportieren und den Personenverkehr zu erleichtern. Die Anbindung an die Kaiser-Ferdinands-Nordbahn in Retz war dabei von entscheidender Bedeutung. Nach intensiven Planungen und Verhandlungen wurde die Konzession für den Bau und Betrieb der Strecke Retz–Drosendorf erteilt. Die Bauarbeiten begannen zügig, und die Eröffnung der Strecke fand im Jahre 1902 statt.

Die Trasse führte von Retz über die Orte Dürnbach, Zwingendorf, Hardegg und Geras nach Drosendorf, wobei sie eine Gesamtlänge von rund 40 Kilometern aufwies. Die neue Bahnlinie war als Normalspurstrecke ausgeführt und erfüllte die Bedürfnisse der damaligen Zeit. Sie trug maßgeblich zur wirtschaftlichen Belebung der durchwegs ländlich geprägten Ortschaften entlang der Strecke bei. Zahlreiche Bauern und Gewerbetreibende konnten nun ihre Waren rascher und in größerem Umfang absetzen. Die Bevölkerung profitierte von der Möglichkeit, die umliegenden Städte und Märkte bequemer zu erreichen.

Der Betrieb unter der Ägide der Österreichischen Bundesbahnen

In den folgenden Jahrzehnten wurde der Betrieb der Lokalbahnstrecke Retz–Drosendorf von der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) übernommen. Die Bahn entwickelte sich zu einer festen Größe im regionalen Verkehr. Neben den Personenzügen verkehrten regelmäßig Güterzüge, die landwirtschaftliche Erzeugnisse, Baustoffe und andere Waren beförderten. In der Blütezeit des Eisenbahnwesens in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren die Züge oft gut ausgelastet.

Doch mit dem Aufkommen des Individualverkehrs in der Nachkriegszeit begann der Personenverkehr auf vielen Nebenstrecken sukzessive abzunehmen. Busse und private Kraftfahrzeuge wurden zu immer stärkeren Konkurrenten. Die Attraktivität der Bahn sank, und die Rentabilität der Strecke geriet zunehmend unter Druck. Auch der Güterverkehr verlagerte sich mehr und mehr auf die Straße. Dies führte zu einer schleichenden Reduzierung des Angebots und schließlich zu Überlegungen, den Betrieb ganz einzustellen. Die Züge wurden kürzer, die Fahrpläne ausgedünnt und der Unterhalt der Infrastruktur auf ein Minimum reduziert.

Die Einstellung und der Dornröschenschlaf

Ende der 1980er Jahre wurde die Situation für die Lokalbahn Retz–Drosendorf kritisch. Die rückläufigen Fahrgastzahlen und die hohen Instandhaltungskosten führten dazu, daß die ÖBB den regulären Personenverkehr auf der Strecke am 28. Mai 1988 einstellten. Der Güterverkehr wurde in den folgenden Jahren ebenfalls schrittweise reduziert. Fortan nutzten nur noch vereinzelt Sonderzüge oder Rangierfahrten die Gleise.

Die Strecke geriet in einen Zustand des Dornröschenschlafes. Die Infrastruktur litt unter mangelnder Pflege, und die Natur begann, sich Teile der Bahntrasse zurückzuerobern. Viele Anwohner bedauerten den Verlust der Bahnverbindung, die über Generationen hinweg ein vertrauter Anblick und ein wichtiger Teil des Dorflebens gewesen war. Doch es regte sich auch Widerstand gegen die vollständige Stillegung. Lokale Initiativen und Vereine setzten sich für den Erhalt der Strecke ein, um sie für den touristischen Verkehr zu nutzen und das historische Erbe zu bewahren.

Die Wiedergeburt als Reblaus Express unter der NÖVOG

Im Jahre 2010 erfolgte ein entscheidender Wendepunkt. Die Niederösterreichische Verkehrsorganisationsgesellschaft, kurz NÖVOG, übernahm die Strecke von den ÖBB mit dem Ziel, sie als touristische Bahn wiederzubeleben. Nach umfangreichen Sanierungsarbeiten an Gleisen, Brücken und Bahnhöfen, die notwendig waren, um die Betriebssicherheit wieder herzustellen, wurde die Strecke unter dem neuen Namen „Reblaus Express“ neu eröffnet.

Der Name selbst verweist auf die Reblausplage des späten 19. Jahrhunderts, die den Weinbau in der Region fast vernichtete, jedoch auch als Symbol für die Widerstandsfähigkeit und den Neubeginn der Weinbauern verstanden werden kann. Der Reblaus Express wurde als eine Bahn für Ausflügler und Touristen konzipiert, die das besondere Flair einer historischen Eisenbahnreise genießen möchten. Der Fahrplan sieht nunmehr einen Saisonbetrieb vor, der in den wärmeren Monaten die Fahrgäste durch die malerische Landschaft des Wein- und Waldviertels führt.

Das rollende Material: Dieselkraft und historische Waggons

Als Zugfahrzeug des Reblaus Express kommt eine Diesellokomotive der Reihe 2095 zum Einsatz. Diese Lokomotiven wurden ursprünglich für Schmalspurstrecken konzipiert, die hier eingesetzte Lok wurde auf Normalspur umgebaut. Die 2095er sind vierachsige Diesellokomotiven mit einer Leistung von 440 PS und einer Höchstgeschwindigkeit von 60 km/h. Sie wurden in den 1960er Jahren von der Lokomotivfabrik SGP gebaut und erwiesen sich als robust und zuverlässig. Ihre markante grüne Lackierung und ihre kompakte Bauweise machen sie zu einem charakteristischen Anblick. Sie sind perfekt für den Betrieb auf Nebenstrecken geeignet und ziehen die Züge des Reblaus Express mit einer angemessenen Geschwindigkeit durch die hügelige Landschaft.

Die Waggons des Reblaus Express sind ebenfalls sorgfältig ausgewählte, historische Fahrzeuge, die zum Gesamterlebnis beitragen. Sie stammen aus der Nachkriegszeit und sind überwiegend Vierachser mit Holzsitzen, die den Charme vergangener Tage widerspiegeln. Ein besonderes Highlight sind die offenen Sommerwagen, die es den Fahrgästen ermöglichen, die Landschaft ohne störende Fensterscheiben zu genießen und den Fahrtwind zu spüren. Ergänzt wird der Zugverband durch einen Buffetwagen, der zur kulinarischen Verpflegung während der Fahrt dient. Hier können die Reisenden regionale Weine, Snacks und andere Erfrischungen genießen. Die Kombination aus der leistungsstarken, aber historischen Diesellok und den liebevoll restaurierten Waggons schafft ein authentisches Reiseerlebnis, das die Vergangenheit der Eisenbahn lebendig werden läßt. Die Waggons bieten verschiedene Sitzplatzkategorien, darunter Abteile mit Tischen für Familien und Gruppen.

Fazit: Gemütlicher Heurigenbesuch auf Schienen

Die Lokalbahn Retz–Drosendorf hat eine interessante Entwicklung durchlebt, die von der Hoffnung der Gründungszeit über den regulären, teils mühsamen Betrieb unter den ÖBB bis hin zur Umgestaltung als touristische Museumsbahn reicht. Die Wiederbelebung unter dem Namen Reblaus Express hat nicht nur die historische Trasse vor dem Verfall gerettet, sondern auch einen wichtigen Beitrag zur touristischen Erschließung der Region geleistet.

Der Reblaus Express ist heute mehr als nur ein Transportmittel; er ist eine fahrende Zeitmaschine, die die Geschichte der Eisenbahn im Weinviertel erzählt und den Fahrgästen eine entspannte Reise durch eine der schönsten Landschaften Österreichs bietet. Er zeigt eindrucksvoll, wie altes Eisenbahnerbe durch Engagement und neue Konzepte eine sinnvolle Zukunft finden kann.

Hervorzuheben ist ausdrücklich, dass der Heurigen-Waggon den Reblaus Express zu dem macht was er ist. Ein Ort der Gemütlichkeit und Entschleunigung. Sonderlich Schnell kann der Zug sowieso nicht fahren, es ist laut, quietscht und rattert. Auch der gute alte Schienenstoß ist spürbar. Dazu passen einfach hausgemachte Heurigen-Brote und lokale Weine bzw. Traubensäfte bestens. Positiv: Die Preise machen den „Heurigenbesuch auf Schienen“ auch für Familien erschwinglich und zu einem tollen Erlebnis für Erwachsene und Kinder.

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