Die thailändische Fluggesellschaft Thai Airways International (TG) sieht sich mit einer schwerwiegenden Führungskrise konfrontiert, die weitreichende Konsequenzen für ihre künftige Flottenstrategie und infrastrukturelle Entwicklung nach sich zieht. Ein gerichtlicher Beschluss vom 23. Dezember 2025 hat die Befugnisse des neu gewählten Vorstands vorerst ausgesetzt, wodurch das Unternehmen in zentralen Entscheidungsprozessen handlungsunfähig geworden ist.
Infolgedessen stehen derzeit das Leasing von zehn zusätzlichen Boeing 787-Widebodies, ein milliardenschweres Wartungsprojekt am Flughafen Utapao sowie die dringend benötigte Erneuerung der IT-Systeme still. Da keine zeichnungsberechtigten Vorstandsmitglieder für die Unterzeichnung der entsprechenden Verträge zur Verfügung stehen, drohen Verzögerungen, die die Position der Airline im internationalen Wettbewerb schwächen könnten. Eine gerichtliche Anhörung am 6. Januar 2026 soll klären, ob die Beschlüsse der vorangegangenen Hauptversammlung rechtmäßig waren und die Handlungsfähigkeit wiederhergestellt werden kann.
Hintergründe der juristischen Auseinandersetzung
Der aktuelle Stillstand ist das Resultat einer tiefgreifenden Meinungsverschiedenheit zwischen dem Management, dem thailändischen Finanzministerium und einer Gruppe von Aktionären. Auf der Jahreshauptversammlung am 19. Dezember 2025 wurde beschlossen, die Anzahl der Vorstandsmitglieder von elf auf 15 zu erhöhen. Dieser Schritt sollte dem thailändischen Finanzministerium ermöglichen, durch die Ernennung von acht neuen Direktoren wieder eine stärkere Kontrolle über die Fluggesellschaft zu erlangen, nachdem diese im Zuge der COVID-19-Pandemie und eines umfassenden Sanierungsverfahrens ihre Rolle als Staatsunternehmen offiziell verloren hatte. Das Finanzministerium hält derzeit noch rund 47,9 Prozent der Anteile.
Kritische Stimmen aus dem Aktionärskreis unter der Führung von Dr. Jermsak Pintong legten unmittelbar nach der Abstimmung Widerspruch ein. Sie werfen dem Unternehmen vor, dass die rein elektronisch abgehaltene Versammlung nicht den rechtlichen Vorschriften und den internen Statuten der Gesellschaft entsprochen habe. Das Zivilgericht folgte diesem Antrag und erließ am 23. Dezember eine einstweilige Verfügung. Diese untersagt dem neu gewählten Vorstand jegliche Amtshandlungen und verhindert zudem die offizielle Registrierung der neuen Struktur beim Handelsregister. Während das Gericht prüft, ob die Beschlüsse rechtmäßig gefasst wurden, verbleibt die operative Leitung beim alten Gremium unter dem Vorsitz von Lawan Sangsnit, das jedoch rechtlich nicht befugt ist, die für das neue Geschäftsjahr geplanten Großverträge allein zu unterzeichnen.
Massive Verzögerungen bei der Flottenerneuerung
Besonders schmerzhaft für Thai Airways ist der Stillstand bei der Flottenplanung. CEO Chai Eamsiri bestätigte, dass das Leasing von zehn Flugzeugen des Typs Boeing 787 Dreamliner unmittelbar von dem Gerichtsentscheid betroffen ist. Diese Maschinen sind ein essenzieller Bestandteil der Wachstumsstrategie für das Jahr 2026, um Kapazitätsengpässe auf lukrativen Langstreckenverbindungen nach Europa und Nordasien auszugleichen. Bereits im Vorfeld war die Fluggesellschaft unter Druck geraten, da sie nach der Ausmusterung älterer Flugzeugtypen während der Restrukturierungsphase mit einem Mangel an Widebody-Kapazitäten zu kämpfen hat.
Der Ausbau der Dreamliner-Flotte sollte die operative Flexibilität erhöhen und die Betriebskosten senken. Da der Leasingmarkt für Widebodies derzeit extrem angespannt ist und Konkurrenten weltweit nach verfügbaren Flugzeugen suchen, besteht die Gefahr, dass die für Thai Airways reservierten Slots oder Maschinen an andere Anbieter verloren gehen könnten. Eamsiri betonte, dass selbst bei einer schnellen Einigung nach dem 6. Januar wertvolle Zeit verloren gegangen sei, die den Einsatz der Flugzeuge zur Sommersaison 2026 gefährden könnte.
Stillstand bei Infrastruktur und Digitalisierung
Neben den Flugzeugen sind zwei weitere Großprojekte blockiert, die für die langfristige Wettbewerbsfähigkeit der Airline von entscheidender Bedeutung sind. Zum einen betrifft dies das Investitionsprojekt am Flughafen Utapao. Hier plant Thai Airways den Aufbau eines hochmodernen Wartungszentrums (MRO – Maintenance, Repair and Overhaul), für das ein Volumen von zehn Milliarden Thailändischen Baht (circa 317,3 Millionen US-Dollar) veranschlagt ist. Das Vorhaben sieht den Bau eines Smart Hangar vor, in dem schwere Wartungsarbeiten an bis zu drei Großraumflugzeugen gleichzeitig durchgeführt werden können. Das Projekt gilt als strategischer Meilerstein, um Thailand als regionalen Luftverkehrsknotenpunkt in Südostasien zu stärken und die Abhängigkeit von externen Wartungsanbietern zu verringern.
Zum anderen ist die Beschaffung eines neuen ERP-Systems (Enterprise Resource Planning) im Wert von einer Milliarde Baht ins Stocken geraten. Die Airline arbeitet derzeit noch mit fragmentierten IT-Infrastrukturen, die eine effiziente Steuerung der betrieblichen Abläufe erschweren. Die Modernisierung der Software ist notwendig, um Prozesse in der technischen Planung, der Zertifizierung und im Projektmanagement zu vereinheitlichen. Die Verzögerung bei der Vergabe des Auftrags bremst somit nicht nur die administrative Effizienz, sondern hat auch indirekte Auswirkungen auf die operative Sicherheit und die Kundenzufriedenheit.
Wirtschaftliche Lage und Ausblick auf das kommende Jahr
Trotz der aktuellen Führungskrise befindet sich Thai Airways wirtschaftlich auf einem Erholungskurs. Im dritten Quartal 2025 konnte ein Gewinn von 4,42 Milliarden Baht verbucht werden, was einer Steigerung der Neun-Monats-Ergebnisse um 73 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Diese positive Tendenz ist vor allem auf die Erholung des Tourismus in Thailand und gestiegene Passagierzahlen auf den Fernost-Routen zurückzuführen. Marktanalysten warnen jedoch davor, dass der interne Machtkampf die positive Marktstimmung trüben könnte.
Investoren und Stakeholder richten ihren Blick nun auf den 6. Januar 2026. An diesem Tag wird das Zivilgericht über den Antrag der Airline entscheiden, die einstweilige Verfügung aufzuheben. Thai Airways argumentiert in ihrem Einspruch, dass das Unternehmen ohne die Handlungsfähigkeit des Vorstands schweren wirtschaftlichen Schaden erleide und die nationalen Interessen Thailands im Luftverkehr gefährdet seien. Sollte das Gericht den Einspruch ablehnen, könnte sich der Stillstand über Monate hinziehen, was eine grundlegende Überarbeitung der Wachstumsziele für das Jahr 2026 erforderlich machen würde.