Die Übernahme der Hotelplan Group durch die Dertour Group (Reisesparte der Rewe Group) im August 2025 markiert eine tiefgreifende Zäsur im Schweizer Reisemarkt. Obwohl die Fusion von der Wettbewerbskommission (Weko) ohne Auflagen genehmigt wurde, hat sie eine Phase der Ungewissheit für die rund 1500 Mitarbeitenden und die Kundschaft eingeläutet.
Entgegen anfänglicher Beteuerungen der Unternehmensführung, das Filialnetz und die Marken zu erhalten, bestätigen aktuelle Berichte, dass der Abbau von Doppelspurigkeiten bereits in vollem Gange ist – was unweigerlich zu Filialschließungen und einem befürchteten Jobabbau führen wird.
Die Fusion: Ein neuer Marktführer in der Schweiz
Mit der Übernahme der ehemaligen Migros-Tochter Hotelplan, die Marken wie Hotelplan, Migros Ferien, Travelhouse und Toura-Veranstalter umfasst, avanciert die Dertour Group zum mit Abstand grössten Player im Schweizer Reisemarkt. Dertour ist in der Schweiz bereits mit den etablierten Marken Kuoni und Helvetic Tours präsent. Gemeinsam betreiben die beiden Konzerne über 150 Reisebüros in der Schweiz. Nach der Übernahme wird der Abstand zum verbleibenden Hauptkonkurrenten Tui Suisse deutlich ausgebaut. Die Weko hatte den Deal nach einer vertieften Prüfung ohne Auflagen genehmigt. Zwar führe der Zusammenschluss zu einer stärkeren Marktkonzentration, doch gäbe es genügend Alternativen für Reisende, etwa durch Online-Plattformen und Direktbuchungen, so die Begründung der Behörde.
Die Migros hatte den Verkauf des grössten Teils der Hotelplan-Gruppe bekanntgegeben, um sich auf ihr Kerngeschäft zu konzentrieren. Die Hotelplan Group erzielte im Jahr 2024 einen Umsatz von 1,78 Milliarden Franken.
Filialnetz auf dem Prüfstand: Die Synergie-Falle
Das sichtbarste Zeichen der Integration und des Abbaus von Doppelspurigkeiten ist die anstehende Reduktion des Filialnetzes. Der Zusammenschluss bringt an vielen Standorten eine doppelte Präsenz von Kuoni- und Hotelplan-Filialen mit sich, die teilweise in unmittelbarer Gehdistanz voneinander entfernt liegen. Berichten zufolge sind 37 der insgesamt 136 Filialen von einer solchen Überlappung betroffen.
Obwohl Dertour-Vertreter ursprünglich betonten, an der persönlichen Beratung und dem Filialgeschäft festhalten zu wollen, scheint eine Konsolidierung der Infrastruktur unvermeidlich. Christoph Debus, der CEO der Dertour Group, äusserte sich in deutschen Fachmedien realistisch zur Situation: „Es wäre illusorisch, zu glauben, dass alles so bleibt, wie es ist.“ Diese Aussage steht im Kontrast zu den früheren Versprechen der Dertour-Suisse-Chefin Stephanie Schulze zur Wiesch, dass keine Abbaupläne bestünden. Branchenexperten hatten eine Filialschließung im grossen Stil bereits im Vorfeld der Weko-Freigabe als wahrscheinlich erachtet. In Städten wie St. Gallen, wo Kuoni und Hotelplan derzeit mehrfach vertreten sind, oder in kleineren Ortschaften mit direkter Konkurrenz zwischen den beiden Marken, werden Schließungen erwartet.
Mitarbeiterängste und Strukturreformen
Der wahre Hauptakt der Fusion, so sehen es Branchenbeobachter, beginnt erst mit der Integration der beiden Organisationen. Mit der angekündigten Übernahme begann für die rund 1500 Mitarbeitenden von Hotelplan und Kuoni eine Phase der Ungewissheit. Die Ängste vor Jobverlusten sind insbesondere in den Bereichen hoch, in denen Doppelspurigkeiten am offensichtlichsten sind, etwa im Backoffice (Marketing, IT) und in der Filiallandschaft.
Die operativen Geschäftseinheiten in der Schweiz werden der Dertour Suisse zugeordnet, deren Leitung Stephanie Schulze zur Wiesch übernimmt. Führungswechsel wurden bereits vollzogen: Die Hotelplan Group CEO Laura Meyer und weitere Top-Manager verlassen das Unternehmen. Die Gruppenfunktionen und die IT-Systeme werden schrittweise zusammengelegt, um Synergieeffekte und Skalenvorteile zu nutzen. Ziel ist die Einführung einer gemeinsamen technologischen Plattform.
Während Dertour betont, dass die Übernahme den Mitarbeitenden neue Perspektiven und Entwicklungsmöglichkeiten biete, sehen Personalexperten in solchen Umbruchzeiten ein Risiko für die Unternehmenskultur. Es herrscht die Hoffnung, dass nicht nur «gewinnorientierte excel-tabellen» das bisherige Miteinander verdrängen. Der Schweizer Reise-Verband (SRV) bezeichnete Dertour als den besten Käufer, der bereits bei der Kuoni-Übernahme seine Fähigkeit zur Markenbewahrung unter Beweis gestellt habe. Die Bewährungsprobe der Integration ist jedoch unbestritten.
Strategie: Markenkontinuität versus Kosteneffizienz
Trotz der notwendigen Konsolidierung der Strukturen hält Dertour offiziell an seiner Strategie fest, die etablierten Marken der Hotelplan Group zu erhalten. Marken wie Hotelplan und Kuoni hätten eine grosse lokale Bindung und genössen das Vertrauen ihrer Kunden. Die Geschäftsfelder sollen erfolgreich weiterentwickelt werden, und die Schweizer dna von Hotelplan soll erhalten bleiben.
Die Herausforderung für den neuen Reiseriesen besteht nun darin, die erwarteten Skaleneffekte und Kosteneinsparungen – die primäre Motivation für eine solche Fusion – zu realisieren, ohne die starke Markenidentität und das langjährige Kundenvertrauen zu beschädigen. Der Abbau der Filialdoppelungen ist dabei ein zentraler Schritt zur Effizienzsteigerung, der jedoch mit dem Versprechen der Markenerhaltung und des Bekenntnisses zur persönlichen Beratung in Einklang gebracht werden muss. Die Zukunft des stationären Reisebüros im fusionierten Konzern wird massgeblich durch die Geschwindigkeit und das Ausmass der Filialschließungen geprägt. Die gesamte Branche blickt gespannt auf die Integrationsphase, die über die künftige Gestalt des Schweizer Reisemarktes entscheiden wird.