Boeing 737-Max-8 (Foto: Mario Caruana / MAviO News).
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Russen suchen Partner: Äthiopien im Fokus russischer Luftfahrtstrategie

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Die russische Luftfahrtindustrie, die unter den Auswirkungen globaler Sanktionen leidet, hat eine unerwartete Annäherung an Äthiopien gesucht. Eine hochrangige russische Delegation reiste nach Addis Abeba, um mit der äthiopischen Zivilluftfahrtbehörde (ECAA) über eine vertiefte Zusammenarbeit zu verhandeln.

Im Zentrum der Gespräche standen das sogenannte „Wet-Leasing“ von Flugzeugen der Ethiopian Airlines sowie die Zusammenarbeit im Bereich der Flugzeugwartung. Der Vorstoß der Russen, der von der ECAA in einer mittlerweile gelöschten Stellungnahme öffentlich gemacht wurde, hat jedoch umgehend eine Kontroverse ausgelöst. Während Rußland nach Wegen sucht, seine Luftfahrtindustrie aufrechtzuerhalten, sieht sich Äthiopien in einer Zwickmühle zwischen lukrativen Geschäftsangeboten und dem Risiko, den Zugang zu westlichen Märkten zu verlieren.

Russische Avia-Diplomatie: Eine Suche nach Lösungen

Die Luftfahrtindustrie in Rußland steht seit Beginn des Krieges in der Ukraine vor erheblichen Herausforderungen. Aufgrund der internationalen Sanktionen ist es russischen Fluggesellschaften verwehrt, neue Flugzeuge von westlichen Herstellern wie Boeing oder Airbus zu erwerben oder Ersatzteile zu beschaffen. Diese Situation hat die russische Luftfahrtindustrie, die stark auf westliche Technik angewiesen ist, in eine schwierige Lage gebracht. Um die Flugsicherheit und den Betrieb aufrechtzuerhalten, haben sich die russischen Verantwortlichen nun auf eine diplomatische Offensive begeben.

Unter der Leitung des Handelskommissars Yaroslav V. Tarasyuk traf eine russische Delegation am 29. Juli 2025 mit Yohannes Abera, dem Generaldirektor der ECAA, in Addis Abeba zusammen. Laut der ursprünglichen Stellungnahme der äthiopischen Zivilluftfahrtbehörde wurden dabei mehrere Vorschläge unterbreitet:

  • Wet-Leasing von Flugzeugen: Die Russen fragten nach den rechtlichen Rahmenbedingungen für ein Wet-Leasing von Flugzeugen der Ethiopian Airlines. Beim Wet-Leasing handelt es sich um eine Form des Flugzeugverleihs, bei dem der Leasinggeber (in diesem Fall Ethiopian Airlines) nicht nur das Flugzeug, sondern auch die Besatzung, die Wartung und die Versicherung stellt. Das Flugzeug würde dabei unter äthiopischer Registrierung fliegen. Dies würde russischen Fluggesellschaften ermöglichen, moderne Boeing- oder Airbus-Modelle zu betreiben, die ihnen ansonsten verschlossen blieben.
  • Wartung und Überholung (MRO): Die russische Delegation schlug eine Zusammenarbeit im Bereich der Wartung und Überholung von Flugzeugen vor. Dabei verwiesen sie auf die Tatsache, daß Äthiopien über ein von Boeing akkreditiertes MRO-Zentrum verfügt, und zeigten Interesse an einer möglichen Partnerschaft.
  • Flugnavigationstechnik: Rußland äußerte auch Interesse daran, Äthiopien mit russischer Flugnavigationstechnik zu beliefern, wie sie bereits an vielen indischen Flughäfen zum Einsatz kommt.

Die russische Delegation nutzte das Treffen auch, um um Unterstützung für Rußlands Wiederwahl in den Rat der Mitgliedsstaaten der Internationalen Zivilluftfahrtorganisation (ICAO) zu werben. Die Wahl findet im Rahmen der 42. Sitzung der ICAO, die vom 23. September bis 3. Oktober in Montréal stattfinden wird, statt.

Äthiopiens Zwickmühle: Zwischen Chance und Risiko

Die Vorschläge der Russen wurden von der äthiopischen Zivilluftfahrtbehörde grundsätzlich positiv aufgenommen. Generaldirektor Abera bekräftigte, daß russische Lieferanten an Ausschreibungen für Luftfahrtausrüstung teilnehmen könnten, und zeigte sich offen für die Prüfung einer Zusammenarbeit bei den MRO-Einrichtungen nach Rücksprache mit anderen Akteuren.

Doch die öffentliche Reaktion auf die Bekanntgabe der Gespräche war heftig. Das Statement der ECAA wurde in den sozialen Medien geteilt und führte zu einer Welle der Kritik. Kurze Zeit später wurde die offizielle Mitteilung von der ECAA-Seite wieder entfernt, was als ein Versuch gedeutet werden kann, die Angelegenheit aus der öffentlichen Debatte zu nehmen. Die Ethiopian Airlines selbst distanzierte sich umgehend von den Spekulationen. Ihr Geschäftsführer Mesfin Tasew betonte in einer Pressekonferenz, daß es keinerlei Abkommen gebe, Flugzeuge oder Ersatzteile an eine russische Fluggesellschaft zu verleasen. Er bezeichnete derartige Behauptungen als „komplett falsch“, wie die Zeitung „Addis Standard“ berichtete.

Hinter den Kulissen der äthiopischen Regierung und Luftfahrtbehörden dürfte die Situation jedoch komplexer sein. Ein Wet-Lease-Abkommen mit Rußland würde Ethiopian Airlines erhebliche Einnahmen bescheren und könnte die Position des Landes als wichtiger Luftfahrtakteur auf dem afrikanischen Kontinent stärken. Allerdings würde ein solches Geschäft, so berichtet die äthiopische Nachrichtenwebseite „Addis Insight“, die Aufmerksamkeit der Europäischen Union und der Vereinigten Staaten auf sich ziehen. Die westlichen Staaten, die die Sanktionen gegen Rußland verhängt haben, könnten ein solches Abkommen als Verstoß gegen die Sanktionen interpretieren. Das größte Risiko für Ethiopian Airlines wäre dabei, den Zugang zum westlichen Luftraum zu verlieren. Die Fluggesellschaft betreibt ein ausgedehntes internationales Netzwerk, das Flüge nach Europa und Nordamerika beinhaltet. Ein Verlust dieser Routen würde die Fluggesellschaft schwer treffen und die potenziellen Einnahmen aus einem Wet-Lease-Geschäft mit Rußland bei weitem übertreffen.

Ethiopian Airlines: Eigene Herausforderungen und Wachstumspläne

Die Fluggesellschaft Ethiopian Airlines steht selbst vor erheblichen Herausforderungen. Geschäftsführer Mesfin Tasew hatte bereits im Juni in einem Gespräch mit dem Luftfahrt-Nachrichtenportal ch-aviation eingeräumt, daß die Airline selbst unter Flugzeugknappheit leide. Die andauernden Lieferverzögerungen von Flugzeugherstellern wie Airbus und Boeing könnten die Wachstumspläne der Airline beeinträchtigen.

Die Auslieferung von elf Airbus A350-900 und elf Boeing B787-9 wurde auf 2028 verschoben, ein Jahr später als ursprünglich geplant. Auch die Lieferung von acht B777-9, die eigentlich für 2027 erwartet wurde, hat sich um sechs Monate verzögert. Derartige Verzögerungen zwingen die Airline dazu, auf Leasing von Flugzeugen aus dem Markt zurückzugreifen. So erwartet sie die Lieferung einer B787 von AerCap im Januar 2026 und least vier weitere B737-8 ab Mitte 2026.

Die eigene Flugzeugknappheit macht ein Wet-Lease-Abkommen mit Rußland zusätzlich unwahrscheinlich, da Ethiopian Airlines die eigenen Kapazitäten für das eigene Streckennetz benötigt. Die offiziellen Dementis der Fluggesellschaft scheinen daher nicht nur politisch motiviert zu sein, sondern auch die operative Realität widerzuspiegeln.

Ein diplomatisches Manöver ohne absehbaren Erfolg

Der Vorstoß der russischen Delegation in Äthiopien kann als ein diplomatisches Manöver gesehen werden, das die Abhängigkeit von westlichen Luftfahrtausrüstern umgehen sollte. Die Vorschläge, von einem Wet-Lease bis hin zur Zusammenarbeit bei Wartungsanlagen, zeigen, wie dringend Rußland nach Wegen sucht, um die Sanktionen zu umgehen und seine Luftfahrtindustrie am Laufen zu halten.

Doch die Reaktion der äthiopischen Regierung und insbesondere der Fluggesellschaft Ethiopian Airlines macht deutlich, daß dieses Manöver wohl nicht zum gewünschten Erfolg führen wird. Das Risiko, den Zugang zu den lukrativen westlichen Märkten zu verlieren, überwiegt die potenziellen Einnahmen aus einer Zusammenarbeit mit Rußland bei weitem. Der Fall Äthiopien zeigt beispielhaft, wie die Sanktionen gegen Rußland wirken und welche Schwierigkeiten sich für Dritte ergeben, die in geschäftliche Beziehungen mit sanktionierten Ländern eintreten. Die Äthiopier haben klargestellt, daß sie keine Partnerschaften eingehen werden, die ihre internationale Position gefährden könnten.

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