Ein seit über dreieinhalb Jahren in Kanada festsitzendes russisches Frachtflugzeug vom Typ Antonov An-124 hat am Toronto Pearson International Airport (YYZ) für Aufsehen gesorgt. Die Maschine der Volga-Dnepr Airlines wurde kürzlich erstmals seit ihrer Ankunft im Februar 2022 auf dem Vorfeld bewegt, Berichten zufolge für eine routinemäßige technische Inspektion durch die kanadischen Behörden.
Das Flugzeug, das kurz nach seiner Landung aufgrund der Schließung des kanadischen Luftraumes für russische Maschinen gestrandet war, wurde im Jahr 2023 von der kanadischen Regierung beschlagnahmt. Die jüngste Bewegung signalisiert zwar keine unmittelbar bevorstehende Freigabe, steht aber im Kontext eines laufenden Gerichtsverfahrens, in dessen Verlauf Kanada die endgültige Einziehung des Flugzeugs anstrebt.
Die Odyssee einer Antonov in Kanada
Die ungewöhnliche Geschichte des Frachtflugzeugs mit der Registrierung RA-82078 begann im Februar 2022. Die Antonov An-124-100 der Volga-Dnepr Airlines war in Toronto gelandet, um eine Lieferung von COVID-19-Testkits abzuliefern. Kurz nach der Landung reagierte Kanada jedoch auf den Einmarsch Rußlands in die Ukraine und schloß seinen Luftraum für russische Flugzeuge und deren Betreiber. Das 30 Jahre alte Flugzeug, das 1996 an Volga-Dnepr Airlines ausgeliefert wurde, war damit am Boden gefangen.
Die Folge waren erhebliche Kosten. Bereits im Juni 2022 hatten sich die Parkgebühren für die riesige Maschine auf über 100.000 US-Dollar summiert. Ein Jahr später verschärfte die kanadische Regierung die Situation, indem sie das Flugzeug beschlagnahmte. Die Begründung für diesen Schritt war die Besorgnis, daß Rußland die Maschine zu militärischen Transportzwecken nutzen könnte.
Die Antonov ist seitdem ein unerwarteter Dauergast am Toronto Pearson International Airport. Die lange Verweildauer der viermotorigen Frachtmaschine ist derart ungewöhnlich, daß sie Berichten zufolge sogar in der Luftbildansicht von Google Maps sichtbar ist.
Routineprüfung inmitten des Rechtsstreits
Die jüngste Bewegung des Flugzeugs über das Vorfeld des Flughafens in der vergangenen Woche erregte in der Luftfahrtgemeinschaft großes Aufsehen und Spekulationen über eine mögliche Freigabe. Videoaufnahmen in den sozialen Medien zeigten die Maschine der Volga-Dnepr Airlines beim kurzen Rollen. Ein Sprecher des Flughafens bestätigte jedoch, daß das Flugzeug lediglich für „routinemäßige Kontrollen“, die von der kanadischen Bundesregierung veranlaßt wurden, kurzzeitig verlegt worden sei. Die Maschine kehrte anschließend zu ihrem Abstellplatz zurück. Es wird erwartet, daß die Arbeiten an dem Großraumflugzeug noch bis Ende September andauern.
Der eigentliche Grund für die Bewegung liegt nicht in einer unmittelbar bevorstehenden Wiederinbetriebnahme, sondern in dem laufenden juristischen Verfahren. Die kanadische Regierung hat am 18. März 2025 beim Superior Court of Ontario einen Antrag auf Einziehung (forfeiture) des Flugzeugs gestellt. Global Affairs Canada bestätigte diesen Schritt. Die weitere Zukunft der Maschine wird durch „relevante Gesetze und Gerichtsverfahren“ bestimmt, heißt es. Dies deutet darauf hin, daß Kanada beabsichtigt, das Flugzeug dauerhaft in Besitz zu nehmen.
Geopolitische Implikationen und völkerrechtliche Fragen
Die drohende endgültige Konfiszierung des Frachtflugzeugs ist ein weiterer Ausdruck der angespannten bilateralen Beziehungen zwischen Kanada und Rußland. Die russische Botschaft in Kanada hat bereits vor einer dauerhaften Einziehung gewarnt und argumentiert, daß dieser Schritt die diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern weiter belasten würde.
Die Beschlagnahmung und mögliche Einziehung des Flugzeugs werfen komplexe völkerrechtliche Fragen auf. Die Antonov An-124 ist ein wertvoller Vermögenswert, und die Volga-Dnepr Airlines wird voraussichtlich alle ihr zur Verfügung stehenden Rechtsmittel einlegen, um die RA-82078 zurückzuerhalten. Das kanadische Gesetz sieht vor, daß Parteien, die ein Interesse an beschlagnahmtem Eigentum haben, das Recht haben, im Rahmen des Gerichtsverfahrens Beweise vorzulegen. Es wird erwartet, daß Volga-Dnepr Airlines einen entsprechenden Fall vor Gericht präsentieren wird, um die Beschlagnahmung anzufechten.
Der Fall in Toronto ist nicht singulär. Weltweit wurden russische Vermögenswerte, darunter auch Flugzeuge, im Zuge der Sanktionen eingefroren oder beschlagnahmt. Die Antonov An-124, eines der größten und leistungsfähigsten Frachtflugzeuge der Welt, spielt eine wichtige Rolle im globalen Schwerlastverkehr. Die dauerhafte Stilllegung oder Einziehung dieser Maschine hätte nicht nur finanzielle Auswirkungen für Volga-Dnepr, sondern auch strategische Bedeutung für die russische Luftfahrt.
Der Ausgang des Gerichtsverfahrens in Ontario wird einen Präzedenzfall für den Umgang mit beschlagnahmten russischen Vermögenswerten in westlichen Ländern darstellen. Er zeigt, wie zivile Vermögenswerte im Kontext internationaler Konflikte zu Verhandlungsobjekten und Symbolen diplomatischer Spannungen werden können.