Die irische Billigfluggesellschaft Ryanair hat als Reaktion auf geplante Steuererhöhungen der belgischen Regierung und regionaler Behörden eine signifikante Reduktion ihres Flugangebots in Belgien für den Winterflugplan 2026/27 angekündigt.
Diese Entscheidung betrifft sowohl den Flughafen Brüssel-Zaventem als auch den Flughafen Charleroi (Brussels South). Ryanair plant, das Sitzplatzangebot um eine Million Sitze zu kürzen, fünf dort stationierte Flugzeuge abzuziehen und insgesamt 20 Strecken einzustellen. Das Unternehmen bezeichnete die Steuerpolitik Belgiens als „bizarr“ und „schädlich“ und warnte vor einem Verlust von Investitionen in Höhe von 500 Millionen US-Dollar sowie der Gefährdung tausender Arbeitsplätze.
Zweifache Steuererhöhung als Auslöser für drastische Kürzungen
Die Reaktion von Ryanair erfolgt auf die Pläne der belgischen föderalen Regierung, die nationale Flugpassagiersteuer ab 2027 auf 10 Euro pro Passagier zu verdoppeln. Zusätzlich zu dieser föderalen Maßnahme plant die Stadtverwaltung von Charleroi ab dem kommenden Jahr die Einführung einer neuen kommunalen Abgabe in Höhe von 3 Euro pro Passagier.
Diese jüngsten Ankündigungen stellen die zweite größere Steuererhöhung in Belgien innerhalb weniger Monate dar. Bereits im vergangenen Sommer hatte Belgien seine Flugpassagiersteuer, insbesondere für Flüge über 500 Kilometer, um bis zu 150 Prozent angehoben. Erst in der vergangenen Woche wurde eine weitere Erhöhung der Steuer auf 11 Euro ab 2029 beschlossen. Diese kumulativen Steuerbelastungen haben die Kritik von Ryanair und anderen Fluggesellschaften sowie von regionalen Politikern auf sich gezogen. Wallonische Führungskräfte bezeichneten die vorgeschlagene kommunale Abgabe in Charleroi als „sinnlos“ und schädlich für die regionale Beschäftigung.
Belgien auf dem Weg zum „unkompetitiven“ Luftverkehrsmarkt
Ryanair argumentiert, dass Belgien durch die wiederholten Steuererhöhungen zu einem der am wenigsten wettbewerbsfähigen Luftverkehrsmärkte in Europa werde. Diese Entwicklung stehe im Gegensatz zu den strategischen Entscheidungen mehrerer anderer europäischer Staaten, die ihre Luftverkehrssteuern aktiv senken oder abschaffen.
Als Beispiele für die gegenläufige Entwicklung nannte Ryanair Schweden, Ungarn, Italien und die Slowakei, die ihre Luftverkehrsabgaben streichen. Auch Deutschland bereitet eine Steuersenkung für 2026 vor, nachdem frühere Erhöhungen als kontraproduktiv anerkannt wurden. Diese internationale Perspektive untermauert die Warnung von Ryanair, dass die belgische Politik zu einer Verlagerung des Passagierverkehrs auf günstigere Flughäfen in den Nachbarländern führen wird, darunter Eindhoven, Lille und Düsseldorf.
Detaillierte Reduzierungen an den belgischen Drehkreuzen
Die angekündigten Kürzungen verteilen sich strategisch auf die beiden wichtigsten Flughäfen des Landes, wobei Charleroi, der Hauptstützpunkt von Ryanair in Belgien, am stärksten betroffen ist:
- Sitzplatzkapazität: Eine Reduktion um insgesamt eine Million Sitze.
- Stationsflugzeuge: Fünf stationierte Flugzeuge werden abgezogen, die alle in Charleroi stationiert waren.
- Streckeneinstellungen: 20 Strecken werden eingestellt, davon 13 in Charleroi und 7 am Brüsseler Flughafen Zaventem.
Ryanair warnte zudem, dass bei einer tatsächlichen Einführung der von Charleroi geplanten Kommunalsteuer bereits im April 2026 weitere Kürzungen, zusätzliche Streckenschließungen und die Verlagerung von Flugzeugen in Betracht gezogen werden müssten.
Kritik des Managements und politische Forderungen
Jason McGuinness, Chief Commercial Officer von Ryanair, äußerte scharfe Kritik an den „seltsamen“ und „schädlichen“ Steuerentscheidungen. Er betonte in einer Pressemitteilung, dass diese wiederholten Erhöhungen Belgien „völlig unkompetitv“ machten. Er appellierte an die Regierung, die Steuerpolitik zu überdenken: „Wenn die Regierung die Wirtschaft wirklich ankurbeln will, sollte sie diese schädliche Luftverkehrsabgabe abschaffen, anstatt sie zu verdoppeln.“
Die vorgeschlagene Kommunalsteuer in Charleroi bezeichnete McGuinness als „wahnsinnig“ und warnte davor, dass sie nicht nur die Beschäftigung reduzieren, sondern auch langfristig zu niedrigeren lokalen Steuereinnahmen führen werde. Diese deutlichen Worte spiegeln die Frustration der Fluggesellschaften über die als kurzsichtig empfundene Finanzpolitik wider.
Konfliktpotenzial im belgischen Luftfahrtsektor
Ryanairs Ankündigung folgt auf ähnliche Warnungen anderer großer Akteure im belgischen Luftverkehr. Bereits Brussels Airlines hatte erklärt, dass sie die neuen föderalen Steuern nicht ohne Weiteres absorbieren könne und die Mehrkosten an die Passagiere weitergeben müsse. Beide Carrier teilen die Befürchtung, dass die Steuerbelastung Reisende dazu veranlassen wird, auf die Flughäfen in den benachbarten Ländern auszuweichen, was eine Kapital- und Arbeitsplatzabwanderung zur Folge hätte.
Der aktuelle Konflikt zwischen der belgischen Regierung und den Fluggesellschaften ist tiefgreifend und deutet auf eine bevorstehende politische und wirtschaftliche Konfrontation hin. Die Entscheidung der föderalen Regierung, die Steuer bis 2029 weiter zu erhöhen, und das lokale Vorgehen in Charleroi zwingen die Fluggesellschaften zu strategischen Anpassungen, die direkt die operative Kapazität und die Preisgestaltung betreffen. Die Warnungen vor Arbeitsplatzverlusten und einem sinkenden Wettbewerbsniveau des belgischen Luftverkehrssektors stellen die Politik vor die Herausforderung, die angestrebten Steuereinnahmen gegen die langfristigen volkswirtschaftlichen Konsequenzen abzuwägen.
Die Kürzungen von Ryanair, einem der größten Betreiber im Land, sind ein konkretes Zeichen für die Unzufriedenheit des Marktes und erhöhen den Druck auf die belgischen Entscheidungsträger, ihre Steuerpolitik im Luftverkehr zu revidieren, um die Attraktivität des Landes als internationalen Verkehrsknotenpunkt zu erhalten.