Am 7. März 2025 erteilte die US-amerikanische Richterin Leonie Brinkema des Bezirksgerichts des östlichen Virginia grünes Licht für eine Sammelklage gegen Boeing. Diese Sammelklage wurde von James A. Diossa, dem Schatzmeister von Rhode Island, initiiert und richtet sich gegen das Unternehmen sowie mehrere ehemalige und aktuelle Führungskräfte des Flugzeugherstellers. Die Klage behauptet gravierende Sicherheitsmängel bei Boeing und die Verbreitung falscher oder irreführender Aussagen über die Maßnahmen, die das Unternehmen angeblich getroffen hatte, um diese Mängel zu beheben.
Die Entscheidung des Gerichts stellt einen weiteren bedeutenden Schritt in den rechtlichen Auseinandersetzungen rund um das Unternehmen dar, das in den vergangenen Jahren mit mehreren schweren Sicherheitsvorfällen konfrontiert war. Besonders im Fokus steht die Boeing 737 MAX, deren Probleme nach den beiden tödlichen Abstürzen 2018 und 2019 die weltweit größte Flugzeugkrise des Unternehmens auslösten.
Die Sammelklage und ihre Vorwürfe
Die Sammelklage wurde von Diossa eingereicht, um im Namen des Rhode Island Pensionsystems und anderer Aktionäre gegen Boeing und fünf weitere Angeklagte vorzugehen, darunter die ehemaligen CEOs David Calhoun und Dennis Muilenburg, der ehemalige CFO Gregory Smith sowie der aktuelle CFO Brian West. Diossa wirft den Angeklagten vor, von Oktober 2019 bis Januar 2024 falsche und irreführende Aussagen über den Stand der Sicherheitsmaßnahmen bei Boeing getroffen zu haben. Diese Aussagen hätten dazu geführt, dass der Aktienkurs des Unternehmens künstlich in die Höhe getrieben wurde, was dazu führte, dass Anleger, die in dieser Zeit Aktien kauften, finanziell geschädigt wurden, als die wahren Ausmaße der Sicherheitsprobleme öffentlich wurden.
Insbesondere geht es um den Zeitraum nach den beiden Abstürzen der Boeing 737 MAX, bei denen insgesamt 346 Menschen ums Leben kamen. Trotz dieser tragischen Ereignisse behauptete das Unternehmen öffentlich, dass man die Sicherheit der 737 MAX schnell wiederherstellen würde. Diese Aussagen, so die Kläger, hätten die Investoren in dem Glauben gelassen, dass die Sicherheitsprobleme des Flugzeugs rasch behoben würden, wodurch sich die Aktie von Boeing überbewertete.
Im Juni 2024 erklärte Diossa: „Boeing hat das Vertrauen der Rentner von Rhode Island verraten und muss für sein Verhalten zur Rechenschaft gezogen werden.“ Diese Aussage unterstreicht den weitreichenden Einfluss der Boeing-Krise auf Investoren, insbesondere auf Pensionsfonds, die auf eine stabile und sichere Geldanlage angewiesen sind.
Die Entscheidung des Gerichts
Das Gericht entschied, dass die Sammelklage grundsätzlich weitergeführt werden könne, allerdings gab es einige Modifikationen in Bezug auf den zeitlichen Rahmen und den Umfang der Klage. Besonders bemerkenswert war die Entscheidung, den Zeitraum für die Klage einzuschränken. Während die Kläger ursprünglich den Zeitraum ab dem 30. September 2019 beanspruchen wollten – dem Zeitpunkt, an dem Boeing öffentlich erklärte, den Rückkehrprozess der 737 MAX nach den beiden tödlichen Abstürzen voranzutreiben – setzte die Richterin den Beginn der Klagefrist auf den 7. Januar 2021 fest.
Dieser Zeitpunkt markiert den Tag, an dem Boeing und das US-amerikanische Justizministerium ein Verfahren gegen das Unternehmen im Zusammenhang mit den Sicherheitsmängeln der 737 MAX einstellten. Die Angeklagten argumentierten, dass sich zu diesem Zeitpunkt bereits eine stärkere Kursdifferenz bei Boeings Aktien gezeigt habe, die das Unternehmen in Zusammenhang mit den Krisen und dem juristischen Verfahren durchmachen musste. Das Gericht folgte dieser Argumentation, indem es das Startdatum der Sammelklage auf Januar 2021 festlegte, da es zuvor keine signifikanten Kurssteigerungen bei Boeing-Aktien aufgrund der angeblichen falschen Aussagen in den Jahren 2019 und 2020 gegeben habe.
Brinkema entschied ebenfalls, den Zeitraum der Sammelklage am 8. Januar 2024 enden zu lassen. Dieser Tag markiert den Vorfall mit einem Türschott der Boeing 737 MAX, das auf einem Flug mit Alaska Airlines im Januar 2024 zu einem Zwischenfall führte. Bei diesem Vorfall, so das Gericht, trat die Problematik der Sicherheitsrisiken von Boeing erneut offen zutage, was zu einem deutlichen Rückgang des Aktienkurses führte. Ab diesem Zeitpunkt seien weitere Kursveränderungen nach Ansicht der Richterin eher als Reaktion auf den Vorfall zu betrachten und nicht mehr als direktes Ergebnis der angeblichen Falschaussagen seitens des Unternehmens.
Die Reaktionen der Beteiligten
Die Entscheidung des Gerichts wurde sowohl von den Klägern als auch von den Beklagten unterschiedlich aufgenommen. Diossa, der die Sammelklage anführte, äußerte sich zufrieden mit dem Fortschritt der Klage und betonte, dass es notwendig sei, Boeing für seine Fehler zur Verantwortung zu ziehen. „Boeing muss sich seiner Verantwortung stellen. Wir können es uns nicht leisten, dass ein Unternehmen in solch einer wichtigen Branche mit den Leben von Menschen spielt“, sagte Diossa in einer Erklärung.
Die Anwälte von Boeing sowie die Angeklagten – darunter die ehemaligen CEOs Muilenburg und Calhoun – haben sich bisher nicht öffentlich zu den aktuellen Entwicklungen geäußert. Es wird jedoch erwartet, dass sie weiterhin gegen die Sammelklage vorgehen werden, insbesondere gegen die Entscheidung des Gerichts, den Zeitraum und die Bedingungen der Klage zu ändern.
Auswirkungen auf die Luftfahrtindustrie
Dieser Rechtsstreit stellt einen weiteren bedeutenden Prüfstein für Boeing dar, ein Unternehmen, das nach den tragischen Abstürzen der 737 MAX und der anschließenden weltweiten Bodenstationierung von 2019 bis 2020 unter enormem Druck stand. Die Sammelklage könnte nicht nur finanzielle Folgen für das Unternehmen haben, sondern auch das Vertrauen der Anleger und der Öffentlichkeit in die Sicherheitsstandards von Boeing weiter erschüttern. Auch wenn Boeing bereits Schritte unternommen hat, um die Probleme der 737 MAX zu beheben, bleibt das Unternehmen angesichts der laufenden rechtlichen Auseinandersetzungen und der öffentlichen Wahrnehmung der Sicherheitsprobleme in einer schwierigen Lage.
Der Fall könnte auch Auswirkungen auf die gesamte Luftfahrtindustrie haben, insbesondere in Bezug auf die Verantwortung von Flugzeugherstellern für die Sicherheit ihrer Produkte. Sollte Boeing im Rahmen dieser Klage zur Rechenschaft gezogen werden, könnte dies weitreichende Konsequenzen für andere Unternehmen in der Branche haben, die ebenfalls mit Sicherheitsbedenken und Rechtsstreitigkeiten konfrontiert sind.
Ein weiterer Meilenstein im Kampf um Gerechtigkeit
Die Entscheidung des Gerichts, die Sammelklage gegen Boeing zuzulassen, stellt einen weiteren wichtigen Schritt in den Bemühungen dar, das Unternehmen für seine Fehler in Bezug auf die Sicherheit und Transparenz zur Verantwortung zu ziehen. Die Klage wirft ein Schlaglicht auf die gravierenden Mängel bei Boeing und auf das Versäumnis des Unternehmens, seinen Investoren gegenüber wahrheitsgemäße Informationen zu liefern.
Die kommenden Monate könnten entscheidend dafür sein, wie dieser Fall weiter verläuft und welche langfristigen Auswirkungen er auf das Unternehmen und die Luftfahrtindustrie insgesamt haben wird.