Die skandinavische Fluggesellschaft SAS (Scandinavian Airlines System) durchläuft derzeit eine Phase tiefgreifender Veränderungen, welche sowohl ihre Eigentümerstruktur als auch ihre langfristige strategische Ausrichtung betreffen. Nach dem erfolgreichen Abschluß des US-amerikanischen Chapter-11-Insolvenzverfahrens im August 2024 steht das Unternehmen nun vor einer Neupositionierung auf dem europäischen Luftfahrtmarkt – mit dem Ziel, Teil einer größeren Luftfahrtallianz zu werden.
Im Zuge der wirtschaftlichen Schwierigkeiten und sinkender Einnahmen hatte SAS im Juli 2022 Insolvenz nach Chapter 11 in den Vereinigten Staaten angemeldet. Das Verfahren wurde 2024 abgeschlossen. Im Rahmen der Sanierung konnte ein neues Finanzierungspaket in Höhe von rund 1,175 Milliarden US-Dollar gesichert werden. Dieses Kapital stammt von einem Konsortium bestehend aus Air France-KLM, dem US-Investor Castlelake, dem dänischen Staat sowie der dänischen Beteiligungsgesellschaft Lind Invest.
Die Eigentümerstruktur präsentiert sich seither grundlegend verändert: Castlelake hält rund 32 Prozent, der dänische Staat 25,8 Prozent, Air France-KLM 19,9 Prozent und Lind Invest 8,6 Prozent. Die restlichen Anteile verteilen sich auf Gläubiger und kleinere Investoren. Frühere Aktionäre gingen leer aus – ein harter Einschnitt für viele Kleinanleger, nachdem SAS im Oktober 2023 die Börsennotierung aufgab.
Air France-KLM als strategischer Anker
Im Zentrum der neuen Eigentümerstruktur steht die enge Zusammenarbeit mit Air France-KLM. Bereits seit September 2024 besteht eine weitreichende kommerzielle Kooperation zwischen beiden Fluggesellschaften. Diese beinhaltet Codesharing, Interlining sowie abgestimmte Flugpläne. SAS-Kunden können seitdem bequem über die Drehkreuze Paris Charles de Gaulle und Amsterdam Schiphol zahlreiche neue Ziele erreichen, während Air France-KLM Zugang zu skandinavischen Märkten über die SAS-Hubs Kopenhagen, Stockholm und Oslo erhält.
Diese Zusammenarbeit wird durch die Aufnahme von SAS in die SkyTeam-Allianz flankiert, zu der Air France-KLM seit Jahren gehört. SAS hatte zuvor der Star Alliance angehört, entschied sich jedoch im Rahmen der Umstrukturierung für einen strategischen Wechsel.
Aussagen des SAS-Vorstandsvorsitzenden
Anko van der Werff, der derzeitige Vorstandsvorsitzende von SAS, äußerte sich im April gegenüber dänischen Medien zur zukünftigen Eigentümerstruktur des Unternehmens. Ihm zufolge sei es auf lange Sicht sinnvoll, daß SAS lediglich zwei Haupteigentümer habe – namentlich Air France-KLM und der dänische Staat. Die übrigen Beteiligten, so van der Werff, könnten sich zu gegebener Zeit zurückziehen.
Zugleich betonte van der Werff die Bedeutung der europäischen Konsolidierung im Luftfahrtsektor. Europa sei im internationalen Vergleich nach wie vor fragmentiert. SAS müsse sich daher strategisch richtig positionieren, um langfristig Teil einer größeren Fluggesellschaftsgruppe zu werden.
Van der Werffs Äußerungen stehen im Einklang mit den Ambitionen des CEO von Air France-KLM, Ben Smith. Dieser hatte jüngst bekundet, daß der Konzern bereit sei, seinen Anteil an SAS zu erhöhen – vorausgesetzt, die Integration in SkyTeam verlaufe planmäßig und wirtschaftlich tragfähig.
Börsengang nicht ausgeschlossen
Obwohl SAS aktuell nicht börsennotiert ist, schließen die Unternehmensverantwortlichen einen zukünftigen Börsengang nicht aus. Ziel sei es, weiteres Kapital für Wachstum, Flottenerneuerung und Netzwerkentwicklung zu beschaffen. Voraussetzung dafür sei allerdings eine stabile finanzielle Basis sowie ein günstiges Marktumfeld.
Bislang verlief das laufende Geschäftsjahr durchwachsen. SAS meldete im zweiten Quartal 2024 einen Vorsteuerverlust in Höhe von über drei Milliarden schwedischen Kronen. Die Ursachen dafür liegen unter anderem in gestiegenen Treibstoffkosten, Wechselkurseffekten sowie inflationsbedingten Betriebsausgaben.
Perspektiven im Wettbewerb
SAS agiert in einem zunehmend umkämpften Marktumfeld. Die großen europäischen Wettbewerber – Lufthansa, die International Airlines Group (IAG) sowie Ryanair und Wizz Air – verfügen über umfangreiche Netzwerke, skalierbare Strukturen und finanziellen Rückhalt. Um in diesem Umfeld bestehen zu können, muß sich SAS strategisch optimal aufstellen.
Mit dem Beitritt zu SkyTeam, der Neuordnung der Eigentümerstruktur und der engeren Verzahnung mit Air France-KLM geht SAS einen klaren Schritt in diese Richtung. Die Zukunft wird zeigen, ob diese Strategie ausreicht, um wirtschaftlich dauerhaft tragfähig zu sein.
Für SAS beginnt eine neue Phase. Die aktuelle Eigentümerstruktur kann als Übergangsmodell verstanden werden, bei dem eine zunehmende Konzentration auf zwei starke Partner – Air France-KLM und den dänischen Staat – angestrebt wird. Die kommenden Monate werden entscheidend dafür sein, ob sich die Integration in SkyTeam reibungslos gestaltet und ob Air France-KLM seine Anteile wie angedeutet weiter ausbaut.
Die skandinavische Identität der Marke SAS bleibt dabei ein sensibles Thema – sowohl für Mitarbeiter als auch für langjährige Kunden. Inwieweit diese in einer konsolidierten, europaweiten Struktur bewahrt bleibt, dürfte maßgeblich vom künftigen Kurs der Unternehmensführung abhängen.