Das National Transportation Safety Board (NTSB), die führende Untersuchungsbehörde für zivile Transportunfälle in den Vereinigten Staaten, hat in einer jüngsten Sitzung klare und scharfe Schuldzuweisungen im Zusammenhang mit dem Vorfall vom Januar 2024 gemacht, bei dem sich ein Türpfropfen aus einem Boeing 737 Max 9 Flugzeug der Alaska Airlines löste.
NTSB-Vorsitzende Jennifer Homendy sprach deutliche Worte und stellte die Aufsichtsrolle der Federal Aviation Administration (FAA) vehement in Frage: „Ich habe viele Fragen, wo die FAA während all dessen war.“ Sie betonte, die FAA sei die letzte Verteidigungslinie zur Gewährleistung der Flugsicherheit, und die Fehler, die zu diesem Zwischenfall führten, hätten sowohl dem Hersteller Boeing als auch der Regulierungsbehörde evident sein müssen. Dieser Vorfall löste zudem eine strafrechtliche Untersuchung durch das US-Justizministerium (DOJ) aus, und der damalige Boeing-Chef Dave Calhoun trat wenige Monate später von seinem Amt zurück. Die Enthüllungen der NTSB-Untersuchung werfen ein düsteres Licht auf die Sicherheitskultur bei Boeing und die Effektivität der staatlichen Aufsicht.
Ineffektives Handeln und unzureichende Aufsicht: Die Ursachen des Beinahe-Unglücks
Am Dienstag trafen sich die Beamten des NTSB, um die wahrscheinliche Ursache des Alaska Airlines Vorfalls zu ermitteln, bei dem am 5. Januar 2024, kurz nach dem Start, ein Türpfropfen aus einem fabrikneuen Boeing 737 Max 9 herausgerissen wurde. Der Vorfall auf Alaska Airlines Flug 1282, welcher von Portland (PDX) nach Ontario (ONT) unterwegs war, zwang die Maschine zu einer sofortigen Rückkehr nach Portland, nachdem die linke mittlere Notausgangstür abgerissen war und eine rapide Dekompression der Kabine verursachte. Es ist ein wahres Wunder, daß niemand bei diesem Beinahe-Unglück ernsthaft körperliche Verletzungen erlitt oder gar ums Leben kam, wie Homendy betonte.
Die Untersuchung des NTSB ergab, daß vier Bolzen, die den Türpfropfen an Ort und Stelle halten sollen, zum Zeitpunkt des Vorfalls fehlten. Das Gremium kritisierte in diesem Zusammenhang scharf die Sicherheitskultur des Flugzeugherstellers Boeing und dessen Versäumnis, diese vier entscheidenden Bolzen an dem neuen Schmalrumpfflugzeug zu installieren. Während der Sitzung erklärte Homendy, der Vorfall sei gänzlich vermeidbar gewesen, da Boeing bereits vor langer Zeit hätte Maßnahmen gegen unautorisierte Produktionsarbeiten ergreifen müssen. Solche Mängel seien in mehreren internen Audits, Berichten, Qualitätswarnungen und bei Compliance-Prüfungen entdeckt worden. Die wiederholten Warnzeichen wurden offenbar ignoriert oder nicht ausreichend behoben, was zu dieser kritischen Sicherheitslücke führte.
Die NTSB-Vorsitzende Jennifer Homendy äußerte viele Fragen bezüglich der Aufsichtsfunktion der FAA und hob hervor, daß ein solcher Vorfall niemals hätte geschehen dürfen. Sie fügte hinzu, daß ein derartiges Ereignis nur eintreten könne, wenn mehrere Systemfehler vorliegen. Diese Aussage deutet auf ein tiefgreifendes Problem in den Kontrollmechanismen hin, sowohl auf Herstellerseite als auch bei der Regulierungsbehörde. Homendy stellte klar: „Die Sicherheitsmängel, die zu diesem Unfall führten, hätten sowohl Boeing als auch der FAA offensichtlich sein müssen. Es ist nichts weniger als ein Wunder, daß niemand gestorben oder ernsthaft körperlich verletzt wurde.“
Das NTSB wird den vollständigen und endgültigen Untersuchungsbericht in wenigen Wochen veröffentlichen. Dieser Bericht wird detaillierte Erkenntnisse über die genaue Abfolge der Ereignisse und die Verantwortlichkeiten liefern, welche zu diesem schwerwiegenden Zwischenfall führten.
Langfristige Folgen und weitreichende Konsequenzen für Boeing und die FAA
Der Vorfall vom 5. Januar 2024 hatte umgehende und weitreichende Folgen für die Luftfahrtindustrie. Er führte zu einem vorübergehenden Flugverbot für alle Boeing 737 Max 9 Flugzeuge, die mit einem Türpfropfen ausgestattet sind. Die betroffenen Flugzeuge wurden anschließend von Boeing einer umfassenden Inspektion unterzogen, um sicherzustellen, daß ähnliche Mängel nicht vorhanden waren.
Obwohl ein Großteil der Schuld dem Flugzeughersteller Boeing zugeschrieben wurde, da das Flugzeug ohne die entscheidenden Bolzen ausgeliefert worden war, wurde auch die FAA für ihre „unzureichende Aufsicht“ kritisiert. Homendy betonte, daß der Vorfall nicht allein auf Boeing oder Spirit AeroSystems zurückzuführen sei – letzteres Unternehmen produziert Rumpfsektionen für die 737. Dies unterstreicht die Notwendigkeit einer umfassenden Verantwortungskette in der Luftfahrtproduktion und -regulierung.
Die Anhörung am Dienstag offenbarte zudem, daß die fehlenden Bolzen, wäre der Türpfropfen im Januar nicht herausgeflogen, erst in weiteren zwei Jahren inspiziert worden wären. Dies verdeutlicht, wie knapp das Unglück vermieden wurde und wie groß die Lücke in den Inspektionsprotokollen war. Jennifer Homendy lobte ausdrücklich die Besatzung von Alaska Airlines für ihre heldenhaften Aktionen, das Flugzeug sicher zu Boden zu bringen. Ihre professionelle Reaktion verhinderte eine noch größere Katastrophe.
Die FAA wird im Rahmen der NTSB-Sitzung Sicherheitsempfehlungen erhalten, ist jedoch nicht verpflichtet, diese zu übernehmen. Dennoch ist der Druck auf die Behörde groß, die Empfehlungen ernst zu nehmen und entsprechende Maßnahmen umzusetzen, um das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Flugsicherheit wiederherzustellen. Der Zwischenfall vom Januar 2024 verschärfte Boeings Probleme erheblich, da das Unternehmen bereits mit den Nachwirkungen der verheerenden Max-Abstürze in den Jahren 2018 und 2019 zu kämpfen hatte, welche Hunderte von Menschenleben forderten und das Vertrauen in den Flugzeugtyp zutiefst erschütterten.
Neues Führungsduo und der Weg nach vorne: Herausforderungen für Boeing
Zwei Monate nach dem Max 9-Vorfall gab Boeing bekannt, daß der damalige CEO Dave Calhoun zurücktreten würde. Er wurde im August 2024 von Kelly Ortberg abgelöst. Die NTSB-Vorsitzende lobte Ortberg für die bisher geleistete Arbeit, merkte jedoch an, daß er noch zahlreiche Herausforderungen vor sich habe und es Zeit brauchen werde, diese zu bewältigen. Homendy führte an, daß sie „mehrere großartige Gespräche“ mit Ortberg geführt habe, was auf eine konstruktive Arbeitsbeziehung hindeutet, die für die zukünftige Sicherheitsverbesserung von entscheidender Bedeutung sein wird.
Sowohl Boeing als auch Spirit AeroSystems haben infolge des Vorfalls neue Qualitätskontrollen implementiert und erste Fortschritte erzielt. Dennoch ist klar, daß noch viel zu tun ist. Homendy äußert die Hoffnung, daß die neue Führung bei der FAA und dem Verkehrsministerium (DOT) weitere Schritte zur Verbesserung der Sicherheit unternehmen wird. Dies unterstreicht die gemeinsame Verantwortung aller Akteure in der Luftfahrt, kontinuierlich an der Verbesserung von Sicherheitsstandards und -praktiken zu arbeiten.
Der Türpfropfen-Vorfall löste nicht nur eine strafrechtliche Untersuchung durch das US-Justizministerium (DOJ) aus, sondern führte auch zu der Feststellung, daß Boeing eine im Jahre 2021 vereinbarte aufgeschobene Strafverfolgungsvereinbarung nicht eingehalten hatte. Diese Vereinbarung war eine Folge der vorherigen Max-Abstürze und sollte die Verpflichtung Boeings zu einer umfassenden Sicherheitskultur und Qualitätskontrolle sicherstellen. Die Nichterfüllung dieser Auflagen hat schwerwiegende rechtliche Konsequenzen für das Unternehmen. Darüber hinaus führte der Vorfall dazu, daß die FAA eine Produktionsbegrenzung für die 737 Max auf 38 Flugzeuge pro Monat verhängte. Boeing hofft, daß diese Beschränkung angesichts der bereits umgesetzten Sicherheits- und Qualitätsverbesserungen bald aufgehoben werden kann. Der Weg zur vollständigen Wiederherstellung des Vertrauens in die Boeing 737 Max und in die Produktionsprozesse des Herstellers ist jedoch noch lang und erfordert weiterhin höchste Transparenz und unermüdliches Engagement für die Sicherheit.