Airbus A220-300 (Foto: Airbus).
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Sicherheitsmängel und rechtliche Konsequenzen nach tödlichem Vorfall am Flughafen Salt Lake City

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Ein tragisches Ereignis am internationalen Flughafen von Salt Lake City, bei dem ein Passagier in das Triebwerk eines startbereiten Verkehrsflugzeugs geriet und verstarb, hat nun ein juristisches Nachspiel von erheblicher Tragweite erreicht. Die Eltern des Verstorbenen haben eine umfassende Klage gegen die Stadtverwaltung als Betreiberin des Flughafens eingereicht.

Der Vorfall, der sich bereits am Neujahrstag 2024 ereignete, wirft grundlegende Fragen zur Überwachung von Sicherheitsbereichen, zur Gestaltung von Notausgängen und zur Kommunikation zwischen Bodenpersonal, Flugsicherung und Cockpitbesatzungen auf. Im Zentrum der Vorwürfe steht die Behauptung, dass ein psychisch labiler Mann ungehindert sensible Bereiche durchqueren konnte, ohne dass die vorhandenen Sicherungssysteme rechtzeitig intervenierten.

Der Verstorbene, ein junger Mann namens Kyler Efinger, befand sich am 1. Januar 2024 am Flughafen, um einen Flug der Delta Air Lines nach Denver anzutreten. Laut den vorliegenden Gerichtsdokumenten litt er unter einer bipolaren Störung und befand sich zum Zeitpunkt des Vorfalls in einer offensichtlichen psychischen Ausnahmesituation. Anstatt das Flugzeug regulär zu besteigen, verließ er das Terminalgebäude durch zwei Notausgangstüren, die offenbar nicht hinreichend gesichert oder überwacht waren. Er begab sich auf das Rollfeld und legte eine Strecke von fast einer Meile zurück, bis er den Bereich erreichte, in dem Flugzeuge für den Abflug enteist wurden. Dort stieg er in die Triebwerksverkleidung eines Airbus A220-100, dessen Motoren zu diesem Zeitpunkt bereits liefen.

Lücken in der Überwachung und Kommunikation

Die Klageschrift der Eltern, Judd und Lisa Efinger, zeichnet ein detailliertes Bild eines systemischen Versagens. Sie argumentieren, dass internationale Flughäfen zu den am strengsten gesicherten öffentlichen Einrichtungen zählen müssten. Dennoch sei es ihrem Sohn möglich gewesen, sich über einen längeren Zeitraum unbemerkt auf dem Vorfeld zu bewegen. Die Kläger werfen der Stadt vor, dass entweder kein System zur Erkennung unbefugter Exits vorhanden war oder dieses zum kritischen Zeitpunkt nicht ordnungsgemäß funktionierte. Zudem wird bemängelt, dass das Sicherheitspersonal nicht in der Lage war, den Orientierungslosen rechtzeitig zu lokalisieren, obwohl bereits eine Suchaktion eingeleitet worden war.

Besonders schwer wiegt der Vorwurf mangelnder Kommunikation mit den Piloten im Nahbereich. Während das Flughafenpersonal bereits Kenntnis von einer unbefugten Person auf dem Rollfeld hatte, wurden die Besatzungen der umliegenden Flugzeuge offenbar nicht umgehend gewarnt. Der Pilot des betroffenen Airbus A220 gab später gegenüber der Polizei an, dass er die Triebwerke erst abschaltete, als er den Mann selbst wahrnahm. Zu diesem Zeitpunkt war es jedoch bereits zu spät; der Passagier erlag massiven Verletzungen durch die rotierenden Bauteile des Triebwerks. Die Klage legt nahe, dass der Mann noch am Leben wäre, hätten die Sicherheitskräfte ihn nur dreißig Sekunden früher erreicht oder den Piloten die Anweisung gegeben, die Triebwerke präventiv abzuschalten.

Technische Risiken und die Seltenheit von Triebwerksunfällen

Unfälle dieser Art, bei denen Personen in laufende Triebwerke geraten, sind in der modernen Luftfahrt extrem selten, da die Trennung zwischen Passagieren und dem Vorfeld durch bauliche Maßnahmen und strengste Protokolle gewährleistet werden soll. Ein modernes Strahltriebwerk entwickelt eine enorme Saugkraft, die bereits in mehreren Metern Entfernung gefährlich werden kann. Im Fall von Salt Lake City war die Maschine gerade erst enteist worden und stand kurz vor dem Rollvorgang zur Startbahn. Dass eine Person unbemerkt bis zur Triebwerksgondel vordringen kann, gilt in der Branche als massiver Verstoß gegen die Sicherheitsvorschriften des Anhangs 17 der Internationalen Zivilluftfahrtorganisation (ICAO).

Ein ähnlicher Vorfall ereignete sich im Sommer 2025 am Flughafen Mailand-Bergamo in Italien. Dort gelangte ein unbefugter Eindringling auf das Rollfeld und wurde vom Triebwerk eines Airbus A319 der Fluggesellschaft Volotea angesaugt. Auch in diesem Fall musste der Flughafenbetrieb vorübergehend eingestellt werden, um die Ermittlungen einzuleiten. Diese Häufung von Vorfällen, bei denen Personen physische Barrieren an Flughäfen überwinden, führt international zu einer Debatte über die Notwendigkeit von Bewegungsmeldern und intelligenter Videoüberwachung auf den Außenflächen, die automatisch Alarm schlagen, wenn sich Personen fernab der markierten Wege bewegen.

Rechtliche Argumentation und Verantwortlichkeit des Betreibers

Die Kläger stützen ihre Argumentation auf die Sorgfaltspflicht des Flughafenbetreibers. Ein Flughafen müsse so gestaltet sein, dass auch orientierungslose Personen oder Menschen in medizinischen Notfällen nicht versehentlich in Lebensgefahr geraten können. Das ungehinderte Passieren von Notausgängen direkt auf das aktive Rollfeld wird als Designfehler und Managementversagen gewertet. Die Rechtsvertreter der Familie betonen, dass die ersten sieben Minuten der Suche nach Kyler Efinger vollkommen ineffektiv verlaufen seien, was den tödlichen Ausgang erst ermöglicht habe.

Die Stadt Salt Lake City als Beklagte muss sich nun gegen den Vorwurf verteidigen, dass die Sicherheitsarchitektur des Flughafens nicht dem internationalen Standard entsprach. Oftmals stehen Flughäfen vor dem Dilemma, dass Notausgänge aus Brandschutzgründen leicht zu öffnen sein müssen, gleichzeitig aber unbefugten Zugriff verhindern sollen. In der Regel lösen solche Türen einen sofortigen akustischen Alarm in der Sicherheitszentrale aus und aktivieren Kameras. Warum diese Kette im Januar 2024 nicht zu einer rechtzeitigen Festsetzung der Person führte, wird Kern der gerichtlichen Auseinandersetzung sein.

Implikationen für die Sicherheit an US-Flughäfen

Dieser Fall könnte weitreichende Konsequenzen für die Betriebszulassungen von Verkehrsflughäfen in den Vereinigten Staaten haben. Die Luftfahrtbehörde FAA fordert regelmäßig Updates der Sicherheitspläne. Sollte das Gericht der Klage stattgeben und ein systemisches Versagen feststellen, müssten viele Flughäfen ihre Protokolle für den Umgang mit unbefugten Personen auf dem Rollfeld überarbeiten. Insbesondere die Schnittstelle zwischen der Bodenkontrolle und den Piloten während dynamischer Phasen wie der Enteisung steht nun auf dem Prüfstand.

Zudem rückt die Sensibilisierung des Flughafenpersonals für psychische Notfälle in den Fokus. Die Kläger führen an, dass der Zustand ihres Sohnes bereits im Terminal für jeden Beobachter „offensichtlich“ gewesen sei. Hier wird die Frage aufgeworfen, ob das Personal ausreichend geschult ist, um solche Situationen zu deeskalieren oder die betroffenen Personen frühzeitig in Sicherheit zu bringen, bevor sie gefährliche Bereiche erreichen können. Die Luftfahrtbranche wird den Ausgang dieses Verfahrens genau beobachten, da die Haftungsrisiken bei Bodenunfällen dieser Schwere immens sind.

Der tragische Tod von Kyler Efinger bleibt eine Mahnung an die Betreiber kritischer Infrastrukturen. Die Verbindung aus technischem Versagen, Kommunikationslücken und der Unterschätzung einer menschlichen Krisensituation führte zu einer Katastrophe, die nach Ansicht der Hinterbliebenen vermeidbar gewesen wäre. Während der juristische Prozess seinen Lauf nimmt, bleibt die Hoffnung, dass die daraus gewonnenen Erkenntnisse dazu beitragen, die physische Trennung zwischen Mensch und Maschine an Flughäfen weltweit sicherer zu gestalten.

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