Am späten Mittwochabend ereignete sich am Flughafen Brüssel-Zaventem ein schwerwiegender Zwischenfall im Rollverkehr, der den Flugbetrieb kurzzeitig beeinträchtigte. Eine Maschine der Fluggesellschaft SAS Scandinavian Airlines leitete den Startvorgang fälschlicherweise auf einer Rollbahn anstatt auf der zugewiesenen Startbahn ein.
Dank eines rechtzeitigen Abbruchs des Manövers kamen keine Personen zu Schaden.
Die belgischen Luftfahrtbehörden haben eine Untersuchung eingeleitet, um die genauen Ursachen für die Verwechslung der Asphaltflächen zu klären, während die 165 Passagiere evakuiert und vor Ort betreut werden mussten.
Der Vorfall und die unmittelbare Reaktion
Gegen 21:54 Uhr Ortszeit sollte Flug SK2590 den Flughafen Brüssel mit Ziel Kopenhagen verlassen. Die eingesetzte Maschine, ein Airbus A320 mit der Kennung SE-ROM, erhielt die Freigabe für die Startbahn 07R. Den vorliegenden Telemetriedaten zufolge bewegte sich das Flugzeug zunächst planmäßig über das Rollfeld. Beim Erreichen des Startpunktes bog die Besatzung jedoch nach links auf den Taxiway E1 ab, eine parallel zur Startbahn verlaufende Rollstrecke, die nicht für den Start von Verkehrsflugzeugen ausgelegt ist.
Unmittelbar nach dem Eindrehen auf den Taxiway beschleunigten die Piloten das Flugzeug. Daten von Aufzeichnungsdiensten belegen, dass die Maschine eine Geschwindigkeit von bis zu 107 Knoten, was etwa 198 Kilometern pro Stunde entspricht, erreichte. Bevor das Flugzeug jedoch abheben konnte oder eine kritische Geschwindigkeit erreichte, bei der ein Stopp nicht mehr sicher möglich gewesen wäre, kam die Maschine im Bereich der Kreuzung der Rollwege C1 und E1 zum Stillstand. Die schnelle Reaktion verhinderte, dass das Flugzeug in Bereiche vordrang, in denen es zu Kollisionen mit anderen Objekten oder Fahrzeugen hätte kommen können.
Evakuierung und logistische Herausforderungen
Nach dem Stillstand der Maschine wurde die Feuerwehr des Flughafens sowie die föderale Polizei alarmiert. Da ein reguläres Zurückrollen zum Gate nach einem so abrupten Bremsmanöver aus Sicherheitsgründen oft nicht möglich ist – unter anderem wegen der thermischen Belastung der Bremsen –, wurde entschieden, die Passagiere direkt auf dem Rollfeld aussteigen zu lassen. Die 165 Fluggäste verließen das Flugzeug über mobile Treppen und wurden mit Bussen zum Terminal zurückgebracht.
Die Polizei übernahm dabei nicht nur die Absicherung der Unfallstelle, sondern leistete auch psychologische Unterstützung für die Reisenden, die durch den plötzlichen Abbruch des Starts verunsichert waren. Laut einer Stellungnahme des Flughafens Brüssel wurden keine Verletzungen gemeldet. Für die Fluggesellschaft SAS ergab sich daraus die Notwendigkeit, kurzfristig Unterbringungen und Umbuchungen für die betroffenen Passagiere zu organisieren, da der Flug nach dem Vorfall gestrichen wurde und die Maschine für technische Inspektionen am Boden bleiben musste.
Analyse der Infrastruktur und Bodenmarkierungen
Ein zentraler Aspekt der beginnenden Untersuchung wird die Beschilderung und Beleuchtung am Flughafen Brüssel sein. Startbahnen und Rollwege sind durch international genormte Farbcodes und Markierungen gekennzeichnet. Während Startbahnen in der Regel über eine weiße Randbeleuchtung und eine weiße Mittellinie verfügen, sind Rollwege durch blaue Randlichter und grüne Mittellinien markiert. Zum Zeitpunkt des Vorfalls herrschte Dunkelheit, was die visuelle Orientierung erschwert haben könnte.
Ermittler prüfen nun, ob alle technischen Systeme am Boden zum Zeitpunkt des Vorfalls ordnungsgemäß funktionierten. Dazu gehört auch die Untersuchung des sogenannten Surface Movement Guidance and Control Systems, das Fluglotsen dabei unterstützt, die Positionen aller Fahrzeuge und Flugzeuge auf dem Boden in Echtzeit zu überwachen. Es gilt zu klären, warum das Abweichen von der vorgeschriebenen Route nicht bereits vor dem Beschleunigen bemerkt oder kommuniziert wurde.
Rolle der Kommunikation zwischen Cockpit und Tower
Ein weiterer Schwerpunkt der Untersuchung liegt auf dem Funkverkehr zwischen der Besatzung des Fluges SK2590 und der Flugsicherung. In der Luftfahrt ist das Prinzip des gegenseitigen Bestätigens von Anweisungen Standard. Die Piloten müssen jede Anweisung des Lotsen wiederholen und vor dem Start sicherstellen, dass sie sich auf der korrekten Bahn befinden. Die Auswertung der Stimmenrekorder im Cockpit und der Aufzeichnungen im Tower wird zeigen, ob es Missverständnisse in der Sprachkommunikation gab oder ob die Besatzung durch interne Abläufe abgelenkt war.
In der Vergangenheit haben ähnliche Vorfälle weltweit gezeigt, dass Faktoren wie Ermüdung der Besatzung, komplexe Flughafenlayouts oder unklare Anweisungen zu Fehlern beim Aufrollen führen können. Die Ermittler werden untersuchen, wie lange die Crew bereits im Dienst war und ob es Besonderheiten im Flugplan gab, die zu einem erhöhten Zeitdruck geführt haben könnten.
Technische Inspektion der Maschine
Der Airbus A320 verblieb nach dem abgebrochenen Start zunächst in Brüssel. Bei einem Startabbruch bei über 100 Knoten werden die Bremsanlagen extremen Belastungen ausgesetzt. Die kinetische Energie des Flugzeugs wird in Wärme umgewandelt, was eine detaillierte Prüfung der Reifen, Felgen und Bremsscheiben erforderlich macht. Erst nach einer vollständigen technischen Freigabe und dem Austausch potenziell beschädigter Komponenten darf die SE-ROM wieder in den aktiven Dienst zurückkehren.
Zusätzlich werden die Flugdatenschreiber analysiert, um die genauen Leistungsdaten der Triebwerke und den exakten Zeitpunkt der Bremsbetätigung zu bestimmen. Diese Daten sind essenziell, um zu verstehen, wie viel Spielraum bis zum Ende des Taxiways verblieb und wie effizient die Sicherheitssysteme an Bord der Maschine reagierten.
Konsequenzen für den Flughafenbetrieb
Der Vorfall führte am späten Mittwochabend zu Verzögerungen bei anderen Abflügen und Ankünften, da Teile des Rollfeldes für die Evakuierung und die anschließende Sicherung der Maschine gesperrt werden mussten. Der Flughafen Brüssel betonte jedoch, dass der allgemeine Betrieb am Folgetag nicht mehr beeinträchtigt war. Solche Ereignisse ziehen oft eine Überprüfung der lokalen Betriebsverfahren nach sich, um das Risiko einer Wiederholung zu minimieren.
Sollten die Ermittlungen ergeben, dass bauliche Gegebenheiten oder unzureichende Markierungen zum Fehler beigetragen haben, könnten Anpassungen an der Infrastruktur notwendig werden. Die Zusammenarbeit zwischen der belgischen Luftfahrtbehörde und der skandinavischen Airline wird in den kommenden Wochen fortgesetzt, um einen abschließenden Bericht vorzulegen.