Cockpit Boeing 787-9 (Foto: Jan Gruber).
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Sicherheitsrisiko im Cockpit: Eine Umfrage der Vereinigung Cockpit deckt alarmierende Übermüdung bei Piloten auf

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Eine aktuelle Kurzumfrage der Vereinigung Cockpit (VC), der Berufsorganisation der Pilotinnen und Piloten in Deutschland, hat alarmierende Ergebnisse zutage gefördert: Sogenanntes Napping, also das gezielte Einnahmen von kurzen Ruhepausen während des Fluges, hat sich in deutschen Cockpits zu einem weit verbreiteten Phänomen entwickelt.

Die Umfrage unter mehr als 900 Piloten zeigt, daß dies nicht mehr die Ausnahme, sondern die Regel ist. Die VC warnt eindringlich davor, daß diese Praxis ein Symptom für eine strukturelle Überlastung der Flugbesatzungen ist und ein erhebliches Sicherheitsrisiko darstellt. Die Organisation fordert die Airlines, Aufsichtsbehörden und die Politik auf, die Ermüdung als ernstzunehmenden Sicherheitsfaktor anzuerkennen und umgehend Maßnahmen zu ergreifen, um die Sicherheit der Fluggäste zu gewährleisten.

Napping im Cockpit: Ein Symptom struktureller Probleme

Die Umfrageergebnisse der Vereinigung Cockpit sind eindeutig: 93% der befragten Piloten gaben an, in den vergangenen Monaten während eines Fluges ein Napping genutzt zu haben. Dieser Begriff beschreibt eine kontrollierte Ruhephase, die ausschließlich während der Reiseflugphase stattfindet, also nicht während des Starts oder der Landung. Die Häufigkeit, mit der diese Ruhephasen in Anspruch genommen werden, ist ebenfalls besorgniserregend. Für drei von vier Piloten (74%) ist Napping mittlerweile Standard. 44% gaben an, es regelmäßig zu nutzen, und 12% tun dies sogar bei jedem Flug. Ein kleiner, aber signifikanter Teil (7%) konnte die Häufigkeit nicht mehr zählen.

Die Ergebnisse der Umfrage, die zwar nicht repräsentativ, aber aufschlussreich ist, zeigen, daß die Situation auf Kurzstrecken (44% der Piloten nutzten Napping) und Langstrecken (56% nutzten Napping) gleichermaßen angespannt ist. Die befragten Piloten stammen aus nahezu allen deutschen Airlines, wobei die größte Gruppe von der Lufthansa, gefolgt von Lufthansa Cargo, Eurowings und Condor, gestellt wurde. Die Ergebnisse der Umfrage bestätigen, was die Vereinigung Cockpit und ihre europäischen Partnerverbände seit Jahren betonen: Übermüdung der Cockpitbesatzungen ist ein reales Problem.

Katharina Dieseldorff, Vizepräsidentin der Vereinigung Cockpit, erklärte, daß das Napping ursprünglich als kurzfristige Erholungsmaßnahme gedacht war, sich jedoch zu einem dauerhaften Mittel gegen strukturelle Überlastung entwickelt habe. Insbesondere in den Sommermonaten, die durch ein hohes Flugaufkommen gekennzeichnet sind, verschärft sich die Lage. Die Ursachen liegen in engen Dienstplänen, Personalmangel und einem zunehmenden operativen Druck auf die Flugbesatzungen.

Der Ruf nach einer Neubewertung der Flugsicherheit

Die Vereinigung Cockpit sieht in der weit verbreiteten Übermüdung der Piloten ein direktes Sicherheitsrisiko. Sie fordert eine umfassende Neubewertung des Themas Fatigue, also Ermüdung, in der Luftfahrt. Die Organisation verlangt, daß Ermüdung als ein vollwertiger Sicherheitsfaktor anerkannt und auch so behandelt wird. Dies bedeutet, daß Airlines, Aufsichtsbehörden und Politik gefordert sind, die Einhaltung der Vorschriften zur Flugdienstzeit besser zu überwachen.

Die EU-Vorschriften zu den Flugdienstzeitbegrenzungen (FTL) sind nach Ansicht der VC nicht ausreichend, da die Fluggesellschaften die erlaubten Maximalwerte innerhalb dieser Regeln konsequent ausreizen. Was ursprünglich dazu dienen sollte, die Überlastung der Crews zu verhindern, hat sich in der Praxis zu einer Grundlage für enge und anspruchsvolle Dienstpläne entwickelt. Die VC fordert daher die Einführung eines wissenschaftsbasierten Fatigue Risk Management System (FRMS), das nicht allein von wirtschaftlichen Interessen geprägt ist, sondern sich an wissenschaftlichen Erkenntnissen orientiert und die Erfahrungen der Crews in der Praxis einbezieht.

Internationaler Kontext und Forderungen

Die Problematik der Übermüdung ist kein rein deutsches Phänomen. Ähnliche Berichte über müde Piloten und die Risiken, die damit verbunden sind, gibt es auch von anderen Pilotenvereinigungen in Europa und den Vereinigten Staaten. Der Kampf gegen die Ermüdung der Besatzungen ist eine globale Herausforderung für die Luftfahrtindustrie. Die internationale Luftfahrtorganisation ICAO hat in den letzten Jahren ebenfalls auf die Gefahren von Fatigue hingewiesen und Leitlinien für die Entwicklung von FRMS-Systemen herausgegeben.

Ein bekanntes Beispiel für die Gefahren von Übermüdung ist der Absturz des Colgan Air Fluges 3407 im Jahr 2009 in den USA, bei dem alle 50 Insassen ums Leben kamen. Untersuchungen ergaben, daß Übermüdung der Piloten ein entscheidender Faktor für den Absturz war. Der Vorfall führte zu einer umfassenden Überarbeitung der Flugdienstzeitregeln in den Vereinigten Staaten. Solche tragischen Ereignisse unterstreichen die Notwendigkeit, das Thema Ermüdung ernst zu nehmen. Die Vereinigung Cockpit sieht in der Unternehmenskultur der Fluggesellschaften einen weiteren entscheidenden Faktor. Eine Kultur, die Ermüdung verharmlost oder ignoriert, stelle ein direktes Sicherheitsrisiko dar. Die abschließende Forderung der Vizepräsidentin der VC, Katharina Dieseldorff, an Airlines, Behörden und die Politik ist ein Appell, der auf den Schutz der Crews und der Fluggäste abzielt. Die Ergebnisse der Umfrage sollten als dringendes Warnsignal verstanden werden. Das weit verbreitete Napping im Cockpit ist nicht nur ein Zeichen von Müdigkeit, sondern ein Beleg dafür, daß das System an seine Grenzen stößt. Die kommenden Monate werden zeigen, ob die Forderungen der Piloten Gehör finden und ob die notwendigen Maßnahmen zur Verbesserung der Sicherheit ergriffen werden.

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