Die spanischen Luft- und Raumfahrtkräfte (Ejército del Aire y del Espacio) haben eine maßgebliche Richtungsentscheidung für die Erneuerung ihrer fliegenden Aufklärungskapazitäten getroffen. Wie das offizielle Dienstmagazin der Streitkräfte, Revista de Aeronáutica y Astronáutica, in seiner Ausgabe berichtet, soll der Airbus A321 als Basis für die künftigen bemannten Flugzeuge zur fernmelde- und elektronischen Aufklärung (SIGINT) dienen.
Das Vorhaben läuft unter der Programmbezeichnung Santiago II-SCAPA und zielt darauf ab, dem Oberkommando der spanischen Streitkräfte wieder eine eigenständige strategische Luftaufklärung zur Verfügung zu stellen. Eine offizielle formelle Bestätigung durch das spanische Verteidigungsministerium, den Flugzeugbauer Airbus oder den Technologiekonzern Indra liegt bis zum 6. Oktober 2026 noch nicht vor, jedoch gilt die Veröffentlichung im Fachorgan der Streitkräfte als maßgeblicher Indikator für den Abschluss der Plattformauswahl.
Entscheidung im Rahmen der Machbarkeitsstudie Santiago II-SCAPA
Die Wahl des Verkehrsflugzeugs A321 ist das Ergebnis einer Systemdefinitionsstudie, die im Rahmen des Programms Santiago II-SCAPA ins Leben gerufen wurde. Der spanische Ministerrat hatte den Vertrag für diese Entwicklungsphase am 18. November 2025 mit einem veranschlagten Finanzvolumen von 16 Millionen Euro und einer geplanten Laufzeit von 18 Monaten genehmigt. Am 30. Dezember 2025 gaben Airbus und Indra bekannt, dass sie mit der Ermittlung der am besten geeigneten Plattform sowie der passenden Aufklärungssensorik für eine nationale Gesamtlösung beauftragt wurden.
Gemäß den vertraglichen Vereinbarungen obliegt es Airbus, ein ziviles Standardmuster der A321-Familie an die militärischen Anforderungen anzupassen, während Indra die Spezifikation und Integration der komplexen Sensorik und Aufklärungssysteme verantwortet. Das Vorhaben sieht die Beschaffung und den Umbau von insgesamt drei Luftfahrzeugen vor. Der Hersteller Airbus verwies in diesem Zusammenhang auf seine langjährigen Erfahrungen bei der Konvertierung von Großraumflugzeugen am Standort Getafe bei Madrid, wo unter anderem die A330-Flotte zu Betankungsflugzeugen des Typs MRTT umgebaut wird. Dass die Wahl bereits rund neun Monate nach Projektstart auf den A321 fiel, beschleunigt den ursprünglichen Zeitplan der Studie, die regulär bis Mitte 2027 ausgelegt war.
Rechtlicher Rahmen und nationale Technologieförderung
Das übergeordnete Framework für das Aufklärungsprogramm wurde mit dem königlichen Dekret 1032/2025 am 13. November 2025 im spanischen Gesetzblatt verankert. Darin wird das System Santiago als zentrales, streitkräfteübergreifendes Signalaufklärungssystem der spanischen Streitkräfte definiert. Die unter Geheimhaltung eingestuften Kapazitäten sollen dem Chef des Verteidigungsstabes (JEMAD) hochauflösende Lagebilder für die strategische Planung und die Führung von Einsätzen liefern.
Das bemannte Flugzeugsegment ist in zwei operative Phasen unterteilt. Die erste Phase umfasst die Bewertung geeigneter Flugzeugtypen und die Erstellung von Systemarchitekturen zur Sensorintegration, ohne dass in diesem Stadium bereits Hardware gefertigt wird. Das spanische Ministerium für Industrie und Tourismus unterstützt diese Vorphase durch ein zinsloses Darlehen in Höhe von 5,99 Millionen Euro an ein temporäres Konsortium aus Airbus Defence and Space und Indra, wobei die Mittel über den Zeitraum von 2025 bis 2027 bereitgestellt werden. Das Dekret legt zudem fest, dass die volle nationale Konstruktionshoheit über die Systeme sowie die Fertigung und Systemintegration im Land durch die heimische Industrie zu erfolgen haben. Spanien hatte diese spezifische Fähigkeit zur strategischen Signalaufklärung im Jahr 2014 mit der Außerdienststellung seiner betagten Boeing 707 Phalcon verloren und schließt nun diese operative Lücke.
Mögliche Ausweitung auf ein nationales Frühwarnsystem
Die Veröffentlichung in der Revista de Aeronáutica y Astronáutica ordnet die Entscheidung für den A321 auch in einen breiteren luftstreitkräfteseitigen Kontext ein. Demnach eröffnet die Wahl des A321 für das Programm Santiago II-SCAPA die technische Option, dasselbe Flugzeugmuster und die dazugehörige industrielle Basis künftig auch für ein nationales Projekt zur airborne early warning (AEW) – also zur fliegenden Frühwarnung und Luftraumüberwachung – zu nutzen. Ein entsprechendes AEW-Programm wurde von den spanischen Behörden bislang jedoch noch nicht offiziell formuliert oder budgetiert.
Ein mögliches nationales Frühwarnsystem auf A321-Basis würde koexistieren mit den Initiativen der NATO. Das Bündnis hat im Juli 2026 im Rahmen seines Beschaffungsprogramms zur Erneuerung der alternden AWACS-Flotte auf Basis der Boeing E-3A die schwedische Plattform Saab GlobalEye ausgewählt. Spanien gehört zu den Mitgliedsstaaten, die sich an der Beschaffung dieser Bündnis-Flugzeuge beteiligen, sucht jedoch parallel nach Wegen, die nationale Souveränität im Bereich der Luftraumüberwachung zu stärken.
Militärische Vielseitigkeit der Airbus A321-Plattform in Europa
Mit der spanischen Vorentscheidung gewinnt die A321-Familie von Airbus ein weiteres militärisches Anwendungsfeld innerhalb der europäischen Streitkräfte. Bereits im Februar 2025 wählte die französische Verteidigungsbehörde DGA den A321 MPA als Plattform für das zukünftige Seeraumüberwachungs- und U-Boot-Jagdflugzeug der französischen Marine aus, das die Flotte der Atlantique 2 ersetzen soll.
Während die französische Variante primär für die Seefernaufklärung und die Bekämpfung von Seekielen optimiert wird, etabliert Spanien das Kurz- und Mittelstreckenmuster als Trägerplattform für fernmelde- und elektronische Aufklärungseinsätze (SIGINT). Die Nutzung ziviler Serienflugzeuge für komplexe militärische Sonderaufgaben bietet den Streitkräften deutliche Vorteile bei den Betriebskosten, der weltweiten Ersatzteilversorgung sowie bei den Flugeigenschaften im Langstreckenbereich.