Die britische Billigfluggesellschaft EasyJet ist erneut in den Fokus von potenziellen Übernehmern geraten. Medienberichten zufolge sondiert die Schweizer Großreederei MSC Mediterranean Shipping Company in Zusammenarbeit mit einem Investmentfonds aktuell die Möglichkeit eines Gebots.
Die Nachricht, die am Dienstag von der italienischen Tageszeitung Corriere della Sera unter Berufung auf Insiderquellen verbreitet wurde, ließ den Aktienkurs von EasyJet kurz nach Handelsstart um rund zehn Prozent in die Höhe schnellen. Obwohl MSC umgehend jegliche Beteiligung an laufenden Gesprächen dementierte, zeigt das erneute Interesse an der Fluglinie, die derzeit eine Marktbewertung von etwa 4 Milliarden Euro aufweist, die anhaltende Attraktivität des Unternehmens im europäischen Luftverkehrsmarkt. Die Erwägungen, die sich vom Kauf einer Mehrheitsbeteiligung bis hin zur vollständigen Übernahme erstrecken könnten, befinden sich jedoch angeblich noch in einem Frühstadium.
Die strategische Logik hinter dem Interesse von Reedereien
Das wiederkehrende Interesse von Akteuren außerhalb der traditionellen Luftfahrt an Fluggesellschaften wie EasyJet ist bemerkenswert. Besonders die MSC Group, eine weltweit führende Reederei im Containertransport und im Kreuzfahrtgeschäft, verfolgt bereits seit geraumer Zeit eine Strategie der vertikalen Integration in den Luftverkehrssektor. Die Bestrebungen, eine Fluggesellschaft zu erwerben, wurden bereits 2022 deutlich, als MSC gemeinsam mit der deutschen Lufthansa die Mehrheit an der damals neu gegründeten italienischen Fluggesellschaft Ita Airways anstrebte. Dieses Vorhaben wurde später nicht umgesetzt, was jedoch das grundsätzliche strategische Kalkül der Reederei nicht minderte.
Die industrielle Logik für eine Großreederei, eine Fluggesellschaft zu besitzen, liegt in mehreren Bereichen. Im Passagierverkehr kann eine integrierte Airline als Zubringer für das expansive Kreuzfahrtgeschäft von MSC Cruises dienen. Kreuzfahrtunternehmen benötigen zuverlässige und flexible Flugkapazitäten, um Passagiere aus verschiedenen Regionen zu den Abfahrtshäfen ihrer Schiffe zu befördern. Die Kontrolle über eine Fluggesellschaft würde es MSC ermöglichen, Fly-and-Cruise-Pakete effizienter und nahtloser zu gestalten, was sowohl die Kundenerfahrung verbessert als auch die Wertschöpfungskette des Konzerns verlängert und absichert.
Darüber hinaus ist MSC seit 2021 im Luftfrachtgeschäft aktiv. Im August 2023 erwarb der Konzern die Mehrheit an der Frachtfluggesellschaft AlisCargo Airlines, um seine MSC Air Cargo-Aktivitäten zu stärken. Obwohl EasyJet in erster Linie eine Passagierfluggesellschaft ist, könnte der Zugang zu ihrer Infrastruktur, ihren Slots an europäischen Großflughäfen und ihrem Know-how im Betriebsmanagement für eine Ausweitung der Frachtlogistik interessant sein. Branchenbeobachter sehen in der Bündelung von Transportkapazitäten – ob zu Wasser oder in der Luft – einen Weg, um globale Logistikketten widerstandsfähiger zu machen und die Abhängigkeit von Dritten zu reduzieren.
Marktbewertung und Attraktivität von EasyJet
EasyJet wird in der Branche als attraktives Übernahmeziel betrachtet, da die Fluggesellschaft in einem kapazitätsbeschränkten Sektor tätig ist und über eine wertvolle Basis an Start- und Landerechten (Slots) an wichtigen europäischen Flughäfen verfügt. Experten des Investmenthauses Bernstein, wie Analyst Alex Irving, äußerten jedoch Skepsis hinsichtlich der unmittelbaren industriellen Synergien zwischen einer Reederei und einem Billigflieger. Es sei möglich, dass MSC und der beteiligte Investor schlicht an der Übernahme eines profitablen Unternehmens interessiert seien. Es wird erwartet, dass EasyJet, die ihren Vorsteuergewinn für das Geschäftsjahr 2025 optimistisch einschätzt, in einem tendenziell positiven Marktumfeld agiert, was ihre Attraktivität als Investitionsobjekt erhöht.
Die Billigfluggesellschaft hat in den letzten Jahren durch eine starke Positionierung in wichtigen Märkten und durch Investitionen in die Modernisierung ihrer Flotte eine stabile Grundlage geschaffen. Gleichzeitig wird der europäische Luftfahrtmarkt von starkem Wettbewerbsdruck und der Notwendigkeit zur Konsolidierung geprägt.
Historie gescheiterter Übernahmeversuche und Marktreaktion
Die aktuellen Übernahmegerüchte sind nicht die ersten, mit denen EasyJet konfrontiert ist. Bereits im Jahr 2021 lehnte das Unternehmen ein Übernahmeangebot des ungarischen Konkurrenten Wizz Air ab. Wizz Air hatte damals ein All-Share-Angebot mit einer niedrigen Prämie und vielen Bedingungen unterbreitet, welches der Verwaltungsrat von EasyJet als eine fundamentale Unterbewertung des Unternehmens einstufte und zurückwies. Der damalige Vorstoß von Wizz Air war Teil einer aggressiven Expansionsstrategie, die darauf abzielte, die Marktposition in Westeuropa auszubauen und die Flotte im Vergleich zu EasyJet deutlich zu modernisieren. Die Ablehnung des Angebots durch EasyJet im Jahr 2021 unterstrich die Überzeugung des Managements, dass das Unternehmen über einen höheren strategischen Wert verfügt, als vom Bieter angenommen.
Die erneute Welle von Spekulationen hat eine unmittelbare und deutliche Reaktion des Kapitalmarktes hervorgerufen. Der sprunghafte Anstieg des Aktienkurses um rund zehn Prozent zeigt, dass Investoren die Wahrscheinlichkeit einer Übernahme und des damit verbundenen Aufschlags auf den aktuellen Marktwert als realistisch einschätzen. Analysten betonen jedoch, dass die Verhandlungen und Due-Diligence-Prüfungen komplex sind und ein erfolgreicher Abschluss keineswegs garantiert ist. Die Möglichkeit eines Gegenangebots durch andere große Fluggesellschaften, für die EasyJet aufgrund ihres Streckennetzes und ihrer Slot-Basis eine ideale Ergänzung darstellen könnte, bleibt ebenfalls ein Faktor in den Marktbetrachtungen.
Die Situation um EasyJet beleuchtet die anhaltende Dynamik im globalen Transportsektor, in dem große Reedereien zunehmend versuchen, synergistische Geschäftsbereiche in der Luftfahrt zu erschließen, um ihre globalen Transportketten zu optimieren. Die kommenden Wochen werden zeigen, ob das Interesse von MSC und seinen Partnern zu einem formalen Gebot führt und ob EasyJet bereit ist, dieses Mal über einen Verkauf zu verhandeln.