Der europäische Billigflugriese Wizz Air vollzieht einen bemerkenswerten strategischen Schritt und reiht sich in die wachsende Zahl von ultra-low-cost-carriern (ulcc) ein, die ihr Angebot erweitern, um eine breitere Kundenschicht anzusprechen. Die ungarische Airline kündigte die Einführung des Testbetriebs für das neue Produkt „Wizz Class“ an, mit dem sie gezielt Geschäftsreisende ansprechen will, die Wert auf zusätzlichen Komfort legen, ohne dafür die hohen Preise traditioneller Premiumtarife zu zahlen. Kern der Wizz Class ist die temporäre Blockierung des mittleren Sitzes in ausgewählten Reihen, um mehr Arbeits- und Bewegungsfreiheit zu bieten.
Diese Initiative stellt eine interessante Entwicklung für Wizz Air dar, deren Geschäftsmodell traditionell auf maximaler Sitzdichte und dem Verkehr von Urlaubsreisenden sowie dem Besuch von Freunden und Verwandten (vfr) basiert. Die kontinuierliche Vergrößerung der Flotte und des Streckennetzes ermöglicht es dem ulcc nun, neue Kundensegmente zu erschließen. Die Tests für das neue Konzept beginnen im Dezember an ausgewählten Flügen von fünf wichtigen europäischen Basen: Bukarest, Budapest, London, Rom und Warschau.
Wizz Class: Mehr Raum für den Low-Cost-Geschäftsreisenden
Die Pläne für die Wizz Class wurden bei einer Medienveranstaltung in London vorgestellt. Michael Delehant, Chief Commercial and Operations Officer von Wizz Air, erklärte, dass die Einführung dieses Produkts eine direkte Reaktion auf Wünsche von Passagieren der ersten Reihen sei, denen es um mehr Platz und einen schnelleren Ausstieg gehe.
Anders als bei der traditionellen europäischen Business Class auf der Kurzstrecke, bei der mehrere vordere Reihen mit geblockten Mittelsitzen ausgestattet werden und ein umfassendes Servicepaket (Mahlzeiten, Lounge-Zugang) inkludiert ist, wird sich die Wizz Class voraussichtlich auf die erste Sitzreihe konzentrieren, die ohnehin über zusätzliche Beinfreiheit verfügt. Es handelt sich bei der neuen Klasse zunächst um ein reines Sitzprodukt – das heißt, es beinhaltet nicht die „bells and whistles“ eines vollwertigen Business-Class-Produkts wie Speisen oder Zugang zu Flughafen-Lounges. Wizz Air ist jedoch zuversichtlich, dass dieses seat-only-Angebot eine attraktive Option für Geschäftsinhaber und kleine Unternehmen darstellt, die ihre Reisekosten niedrig halten möchten.
Delehant betonte dabei den Spagat zwischen dem etablierten Geschäftsmodell und der neuen Kundenanforderung: „Obwohl es uns sehr um die Dichte und das Fliegen mit vollen Flugzeugen geht, haben wir viele Anfragen von [Geschäfts-]Kunden bezüglich der zusätzlichen Beinfreiheit in der ersten Reihe erhalten.“ Die Tests, die in einer phasierten Natur ablaufen werden, sollen die Nachfrage der Geschäftskunden sowie die betriebliche Machbarkeit des Konzepts bewerten.
Parallelen zu US-Marktentwicklungen und Technologische Aufrüstung
Die Expansion von Wizz Air in das Premium-Segment des Billigflugmarktes folgt einem Trend, der sich bereits bei amerikanischen ultra-low-cost-carriern wie Frontier Airlines und Spirit Airlines abgezeichnet hat. Diese Fluggesellschaften bieten ebenfalls „Upgrade-Produkte“ an, die Passagieren gegen Aufpreis mehr Beinfreiheit oder andere Vorteile gewähren. Die Strategie erlaubt es ulcc, die durchschnittlichen Ticketeinnahmen zu steigern, ohne das gesamte Preisniveau für die Masse der Passagiere anheben zu müssen.
Ein weiterer wichtiger Schritt zur Attraktivitätssteigerung für Geschäftsreisende ist die geplante Einführung von Bordkonnektivität. Wizz Air testet derzeit leistungsfähige, leichtgewichtige Onboard-WLAN-Lösungen. Ziel ist es, unter dem Namen „Wizz Play“ einen Service anzubieten, der sowohl Online-Messaging und Streaming als auch digitale Bestellungen an Bord ermöglicht. Michael Delehant merkte an, dass in der heutigen Geschäftswelt die Fähigkeit, während des Fluges vernetzt zu bleiben, ein entscheidender Faktor ist. Die Bereitstellung dieser Technologie würde Wizz Air in die Lage versetzen, mit traditionellen Full-Service-Carriern auf Kurz- und Mittelstrecken direkter zu konkurrieren.
Die technische Nachrüstung der Flugzeuge mit W-lan-Funktionalität ist eine erhebliche Investition für einen ulcc, doch der erwartete Mehrwert durch den Verkauf von Konnektivität und die höhere Attraktivität für zahlungskräftige Geschäftsreisende scheint diesen Schritt zu rechtfertigen.
Kundenbindung durch „All You Can Fly“-Mitgliedschaft
Neben der Neuausrichtung auf Geschäftsreisende konzentriert sich Wizz Air auch auf die Stärkung der Kundenbindung und die Generierung von stabilen wiederkehrenden Einnahmen. Zu diesem Zweck startet die Airline eine dritte Welle ihrer „All You Can Fly“-Mitgliedschaft. Dieses Abo-Modell, das erstmals im März 2024 in Zusammenarbeit mit dem Partner Caravelo eingeführt wurde, richtet sich an extrem häufig fliegende Passagiere.
Im Rahmen der dritten Phase werden 10.000 Mitgliedschaften in 34 Ländern zum Kauf angeboten. Die Teilnehmer zahlen eine einmalige Gebühr von 499 Euro (rund 581,75 US-Dollar) und erhalten dafür zwölf Monate lang unbegrenzte Flüge gegen eine geringe Buchungsgebühr von 9,99 Euro (11,65 US-Dollar) pro Flug.
Die große Nachfrage nach den ersten beiden Phasen belegt den Erfolg des Modells. Wizz Air berichtete, dass Abonnenten im Durchschnitt neunmal pro Jahr geflogen sind. Mit der dritten Phase wird das Angebot zudem um die Möglichkeit erweitert, zusätzlich kostenpflichtige Optionen wie aufgegebenes Gepäck und Priority Boarding hinzuzubuchen. Dieses Modell bindet Stammkunden stark an die Marke und liefert der Fluggesellschaft gleichzeitig eine zuverlässige, im Voraus bezahlte Einnahmequelle. Die Einführung solcher Abo-Modelle ist eine innovative Antwort der Billigfluganbieter auf die Loyalitätsprogramme der traditionellen Fluggesellschaften und schafft einen starken Anreiz für die Passagiere, sämtliche Flugreisen über Wizz Air abzuwickeln.