Die lettische Regierung hat die Bereitstellung von 14 Millionen Euro für die staatliche Fluggesellschaft Air Baltic beschlossen, eine Maßnahme, die die finanzielle Stabilität des Unternehmens bis zu seinem lange erwarteten Börsengang sichern soll.
Die Entscheidung, die im Kabinett getroffen wurde, ist an die jüngst erfolgte Investition der Lufthansa-Gruppe in gleicher Höhe geknüpft und soll sicherstellen, dass die Kapitalzufuhr den strengen Regeln der Europäischen Union für staatliche Beihilfen entspricht. Die Regierung hat damit ein klares Signal gesetzt: Man ist bereit, die Fluglinie, die als strategisch wichtig für die baltische Region gilt, mit staatlichen Mitteln zu stützen, doch dies geschieht nicht ohne die Beteiligung privaten Kapitals. Dieser Schritt ist von entscheidender Bedeutung, da Air Baltic weiterhin rote Zahlen schreibt und der geplante Börsengang, der die notwendigen Mittel für das Wachstum und die Refinanzierung von Schulden generieren soll, sich bis ins kommende Jahr verzögert.
Die rettende Finanzspritze unter Auflagen
Die Finanzlage der Air Baltic, die sich seit dem Jahre 2020 in einer angespannten Situation befindet, zwang die Regierung zu dringendem Handeln. Wäre die staatliche Investition in dieser Form nicht erfolgt, wäre die Fluglinie kurzfristig in einen Liquiditätsengpaß geraten. Verkehrsminister Atis Švinka bekräftigte, dass die Regierung stets die Möglichkeit gehabt habe, die Investition der Lufthansa-Gruppe zu spiegeln. Die Premierministerin Evika Siliņa unterstrich, dass diese Vorgehensweise sicherstelle, dass die Gelder nicht als unrechtmäßige Beihilfe im Sinne des EU-Rechts eingestuft würden.
Ein Gutachten, das im Vorfeld eingeholt wurde, soll diese Einschätzung bestätigen. Die Tatsache, dass das staatliche Kapital an die Beteiligung eines internationalen, privaten Akteurs gebunden ist, schafft die juristische Legitimation, die andernfalls gefehlt hätte. Das Kapital wird aus den Budgets des Finanz- und des Verkehrsministeriums umverteilt, um die Maßnahme ohne zusätzliche Kreditaufnahme zu ermöglichen. Der Minister betonte, dass vorerst keine weiteren Investitionen von staatlicher Seite nötig oder geplant seien.
Ein Börsengang mit Hindernissen
Der Börsengang von Air Baltic ist seit vielen Jahren in Planung und gilt als entscheidender Schritt für die langfristige Unabhängigkeit der Fluglinie vom Staat. Zunächst für das Jahr 2025 vorgesehen, musste der Termin aufgrund der Volatilität des internationalen Kapitalmarktes auf 2026 verschoben werden. Die angestrebte Notierung soll nicht nur die notwendigen Mittel für das künftige Wachstum generieren, sondern auch zur Refinanzierung der teuren Anleihen dienen, die Air Baltic im Jahre 2024 begeben hat.
Die Fluglinie hatte damals Anleihen im Wert von 380 Millionen Euro ausgegeben, um frisches Kapital zu beschaffen. Die Finanzexperten der Fluglinie mussten dafür eine hohe Marge einräumen, die sich in einem Zinssatz von 14,5 Prozent niederschlägt. Solch hohe Zinsen sind ein deutlicher Indikator für die Wahrnehmung der Fluglinie am Kapitalmarkt und die dringende Notwendigkeit, diese Papiere so schnell wie möglich durch günstigere Finanzinstrumente zu ersetzen, die über den Börsengang generiert werden sollen. Der Erfolg des Unternehmens wird wesentlich davon abhängen, ob es gelingt, die Börsengänger von seiner Zukunftsfähigkeit zu überzeugen und einen attraktiven Aktienkurs zu erzielen, der die Refinanzierung ermöglicht.
Die strategische Rolle der Lufthansa-Gruppe
Die Investition der Lufthansa-Gruppe in Air Baltic ist mehr als nur eine finanzielle Transaktion. Sie ist ein strategischer Schritt, der die wachsende Bedeutung des baltischen Marktes für große, europäische Fluglinien unterstreicht. Die Genehmigung der Transaktion durch das deutsche Bundeskartellamt, die Ende August erwartet wird, öffnet der Lufthansa die Tür zu einer starken Präsenz in einer Region, die als Tor zu Osteuropa gilt. Die Kooperation mit einem etablierten, lokalen Akteur, der über ein dichtes Netz an regionalen Verbindungen verfügt, ermöglicht es der Lufthansa, ihr eigenes Streckennetz zu ergänzen und neue Märkte zu erschließen.
Für Air Baltic bedeutet die Partnerschaft mit der Lufthansa Zugang zu einem globalen Vertriebsnetz und einem Partner, der über Jahrzehnte an Erfahrung in der Führung eines großen Luftfahrtkonzerns verfügt. Es ermöglicht der lettischen Fluglinie, ihre Position als führende Kraft im baltischen Luftverkehr zu festigen. Die strategische Allianz könnte zu weiteren operativen Synergien führen, wie der engeren Abstimmung von Flugplänen, dem Codesharing und der Nutzung von Wartungs- und Dienstleistungskapazitäten. Die Verbindung der regionalen Stärke Air Baltics mit der globalen Reichweite der Lufthansa schafft eine Allianz, die dem Unternehmen langfristige Vorteile verschaffen könnte, unabhängig von seiner staatlichen oder privaten Eigentümerstruktur.
Das baltische Dreigestirn: Zwischen Solidarität und Eigeninteressen
Die Finanzlage der Air Baltic war in der Vergangenheit mehrfach Gegenstand von Diskussionen zwischen den baltischen Staaten. Litauen und Estland, deren Hauptstädte Vilnius und Tallinn von Air Baltic als wichtige Basen genutzt werden, wurden von der lettischen Regierung angefragt, ob sie sich an der Kofinanzierung der Fluglinie beteiligen würden. Wäre Air Baltic eine rein lettische Angelegenheit, so argumentierten die Verantwortlichen in Riga, könnten die Nachbarstaaten von den Vorteilen des umfassenden Flugangebotes nicht im selben Maße profitieren. Estland lehnte das Ansinnen jedoch umgehend ab.
Die Regierung in Tallinn verfügt über ein eigenes Interesse an ihrer nationalen Fluggesellschaft, und eine finanzielle Beteiligung an einem Konkurrenzunternehmen erschien nicht opportun. Im Gegensatz dazu hat die litauische Regierung zugestimmt, eine tiefgehende Studie über eine mögliche Beteiligung zu erstellen. Das Interesse Litauens ist ein deutliches Signal, dass man die Wichtigkeit Air Baltics für die Anbindung des Landes erkennt und eine mögliche finanzielle Beteiligung aus strategischen Erwägungen in Betracht zieht. Dieses unterschiedliche Vorgehen zeigt, wie komplex und von nationalen Interessen geprägt die Zusammenarbeit in der baltischen Region in einem solch sensiblen Feld wie der Luftfahrt ist.
Die Anleihe von 2024: Ein Zeichen von Risiken
Die im Jahre 2024 begebenen Anleihen in Höhe von 380 Millionen Euro sind ein Schlüsselaspekt der aktuellen finanziellen Herausforderungen von Air Baltic. Die hohe Verzinsung von 14,5 Prozent war nicht nur eine Reaktion auf die angespannte Lage an den Kapitalmärkten, sondern auch ein Ausdruck des Risikos, das Investoren in der Fluglinie sahen.
Der Schritt, die Finanzierung über Anleihen zu suchen, anstatt auf eine sofortige Börsennotierung zu drängen, spiegelte die Notwendigkeit wider, schnell an Kapital zu gelangen. Die damals notwendigen Mittel dienten nicht nur der Aufrechterhaltung des laufenden Geschäfts, sondern auch der Sicherung der Betriebsbereitschaft und der Finanzierung der Flugzeugflotte. Die Refinanzierung dieser teuren Schulden ist nun eine der Hauptmotivationen für den Börsengang, da die Rückzahlung und der Service der Anleihen eine erhebliche finanzielle Belastung für die Fluglinie darstellen.