Bundeswehrtraining am FMO (Foto: Flughafen Münster/Osnabrück).
Redakteur
Letztes Update
Give a coffee
Informationen sollten frei für alle sein, doch guter Journalismus kostet viel Geld.
Wenn Ihnen dieser Artikel gefallen hat, können Sie Aviation.Direct freiwillig auf eine Tasse Kaffee einladen.
Damit unterstützen Sie die journalistische Arbeit unseres unabhängigen Fachportals für Luftfahrt, Reisen und Touristik mit Schwerpunkt D-A-CH-Region und zwar freiwillig ohne Paywall-Zwang.
Wenn Ihnen der Artikel nicht gefallen hat, so freuen wir uns auf Ihre konstruktive Kritik und/oder Ihre Hinweise wahlweise direkt an den Redakteur oder an das Team unter unter diesem Link oder alternativ über die Kommentare.
Ihr
Aviation.Direct-Team

Strategische Neuausrichtung der europäischen Luftverteidigung: Tom Enders warnt vor nationalem Alleingang Deutschlands

Werbung

In der Debatte um die zukünftige Schlagkraft der Luftwaffe und die Fortführung des europäischen Prestigeprojekts Future Combat Air System (FCAS) hat sich ein prominenter Kenner der Branche zu Wort gemeldet. Tom Enders, ehemaliger Vorstandsvorsitzender von Airbus und EADS sowie aktuelles Vorstandsmitglied des KI- und Drohnenentwicklers Helsing, warnt die Bundesregierung eindringlich davor, ein rein nationales Kampfjetprogramm zu initiieren.

In einem Gastbeitrag für das Redaktionsnetzwerk Deutschland am 23. Februar 2026 legte Enders dar, dass ein solcher Schritt hunderte Milliarden Euro verschlingen würde, ohne die militärische Kapazität in einem absehbaren Zeitraum nennenswert zu steigern. Angesichts wachsender industrieller und politischer Spannungen zwischen den Partnernationen Deutschland, Frankreich und Spanien plädiert Enders für eine radikale Priorisierung von unbemannten Flugsystemen und künstlicher Intelligenz. Seine Warnung erfolgt zu einem Zeitpunkt, an dem auch die deutsche Regierungsspitze unter Bundeskanzler Friedrich Merz die Relevanz des bemannten Kernstücks von FCAS öffentlich infrage stellt, während die Industrie nach tragfähigen Auswegen aus der aktuellen Sackgasse sucht.

Wirtschaftliche Risiken und zeitliche Verzögerungen eines nationalen Jetprogramms

Die Entwicklung eines modernen Kampfflugzeugs der sechsten Generation stellt technologisch wie finanziell eine der größten Herausforderungen für eine Industrienation dar. Enders verweist in seiner Analyse auf das US-amerikanische Programm der F-35 als Maßstab, dessen Gesamtkosten die Marke von 400 Milliarden Dollar überschritten haben. Selbst bei einer konservativen Schätzung müsste Deutschland für eine Eigenentwicklung hunderte Milliarden Euro allein für die Forschungs- und Entwicklungsphase aufwenden. Der ehemalige Airbus-Chef stellt klar, dass die technologische Kompetenz im Land zwar vorhanden sei, die ökonomische Vernunft jedoch dagegen spreche. Ein solches Projekt würde die Verteidigungshaushalte über Jahrzehnte hinweg massiv belasten und andere notwendige Beschaffungen blockieren.

Besonders kritisch bewertet Enders den Zeithorizont. Eine Einsatzbereitschaft eines rein deutschen Jets wäre vor Ende der 2040er Jahre kaum zu realisieren. Damit käme das System für die aktuellen sicherheitspolitischen Herausforderungen zu spät. Enders bezeichnet ein solches Vorhaben daher als nationales Prestigeprojekt, das keinen unmittelbaren Beitrag zur Kampfkraft der Luftwaffe leisten würde. Die Bundeswehr benötige vielmehr Lösungen, die kurz- und mittelfristig greifen, anstatt Ressourcen in ein technologisch riskantes Langzeitprojekt zu binden, dessen Relevanz am Ende des Entwicklungszyklus bereits durch neue Technologien überholt sein könnte.

Die Drohne als vorrangiges Verteidigungsinstrument

Anstatt sich auf die Entwicklung eines neuen bemannten Kampfflugzeugs zu konzentrieren, rät Enders Berlin dazu, massiv in unbemannte Luftfahrzeuge, Autonomie, Software und KI-gesteuerte Systeme zu investieren. Er sieht in diesen Feldern die eigentliche Revolution der Luftkriegsführung. Als Mitglied des Vorstands von Helsing verweist er auf jüngste Erfolge bei autonomen Testflügen in Kooperation mit dem schwedischen Hersteller Saab. Diese Technologien seien bereits heute verfügbar oder befänden sich in einer Phase, in der sie deutlich schneller zur Einsatzreife gebracht werden könnten als ein komplexer Kampfjet.

Der Fokus auf skalierbare Produktion und Software-Exzellenz ist nach Ansicht von Enders der Schlüssel zur strategischen Souveränität. Während die Entwicklung bemannter Plattformen immer teurer und langwieriger wird, bieten Drohnenschwärme und autonome Begleitflugzeuge eine kosteneffiziente Möglichkeit, Luftraumüberlegenheit zu sichern oder komplexe Missionen durchzuführen, ohne das Leben von Piloten zu gefährden. Diese Fähigkeiten müssten bereits weit vor den 2040er Jahren in die Truppe integriert werden, um den technologischen Anschluss nicht zu verlieren.

Politische Unsicherheit und divergierende Anforderungen

Die Debatte wird zusätzlich durch die Haltung von Bundeskanzler Friedrich Merz befeuert. Merz hat zuletzt Zweifel daran geäußert, ob die Luftwaffe überhaupt noch einen bemannten Jet der sechsten Generation benötigt. In den Gesprächen mit Frankreich zeigt sich zudem eine deutliche Diskrepanz in den Anforderungsprofilen. Während Paris ein System fordert, das sowohl kernwaffenfähig als auch für den Einsatz auf Flugzeugträgern geeignet ist, liegen die deutschen Prioritäten eher bei der kontinentalen Luftverteidigung und der Integration in bestehende NATO-Strukturen.

Merz hatte zwar die Möglichkeit ins Spiel gebracht, dass deutsche Flugzeuge im Rahmen einer europäischen Abschreckungsstrategie französische oder britische Atomwaffen tragen könnten, doch die industrielle Umsetzung dieser Vision innerhalb des FCAS-Rahmens gestaltet sich schwierig. Die unterschiedlichen nationalen Interessen führen zu einem Stillstand im sogenannten New Generation Fighter-Pillar, dem bemannten Teil von FCAS. Diese politische Pattsituation begünstigt Überlegungen, sich von der bisherigen Struktur zu lösen und alternative Partnerschaften zu prüfen.

Alternative Kooperationen und die Zwei-Jet-Lösung

Tom Enders schließt eine Beteiligung Deutschlands an zukünftigen bemannten Projekten nicht gänzlich aus, sieht aber andere Partner als zielführender an. Er nennt das britisch geführte Global Combat Air Programme (GCAP) oder eine engere Zusammenarbeit mit Schweden als potenzielle Optionen für die letzte Generation bemannter Kampfflugzeuge. Diese Programme seien in ihren Zielsetzungen und industriellen Strukturen möglicherweise besser mit den deutschen Bedürfnissen vereinbar als das aktuelle Konstrukt mit Frankreich.

Der amtierende Airbus-Chef Guillaume Faury zeigt sich unterdessen offen für eine pragmatische Lösung, um das Gesamtprojekt FCAS zu retten. Er brachte eine Zwei-Jet-Lösung ins Gespräch, bei der Frankreich und das Team aus Deutschland und Spanien unterschiedliche Flugzeugtypen entwickeln, die jedoch auf einer gemeinsamen technologischen Architektur basieren. Dies würde Drohnen, Datenverbindungen und die sogenannte Combat Cloud umfassen. Faury warnt jedoch davor, zu früh auf eine rein unbemannte Lösung zu setzen, da dies eine gefährliche Fähigkeitslücke für Europa entstehen lassen könnte, bevor die autonomen Systeme vollständig ausgereift sind.

Industrieller Wettbewerb und technologische Souveränität

Die Diskussion um FCAS und mögliche nationale Alternativen berührt den Kern der europäischen Rüstungsindustrie. Experten befürchten, dass ein Scheitern der trilateralen Kooperation die Fragmentierung der europäischen Verteidigungslandschaft weiter vorantreiben würde. Gleichzeitig zeigt der Vorstoß von Enders, dass Teile der Industrie bereits über die klassische Luftfahrt hinausdenken. Die Bedeutung von Software und künstlicher Intelligenz übersteigt in modernen Gefechtsszenarien zunehmend die Bedeutung der reinen Flugzeugzelle.

Die Entscheidung Berlins wird maßgeblich davon abhängen, wie die Prioritäten zwischen industrieller Teilhabe, militärischer Notwendigkeit und finanzieller Machbarkeit gesetzt werden. Der Druck durch Akteure wie Enders erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Bundesregierung ihre Investitionen umschichtet. Ein verstärktes Engagement im Bereich der autonomen Luftsysteme könnte Deutschland eine technologische Spitzenposition sichern, ohne die finanziellen Risiken eines bemannten Alleingangs tragen zu müssen. In den kommenden Monaten wird sich zeigen, ob die Partnernationen von FCAS einen Kompromiss finden oder ob die strategischen Wege in der Luftverteidigung Europas endgültig auseinandergehen.

Werbung

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..

Werbung