Die Europäische Kommission hat einen weitreichenden Vorschlag zur Modifikation des EU-Emissionshandelssystems (EU-ETS) vorgelegt, der insbesondere die Funktionsweise der Marktstabilitätsreserve (MSR) betrifft. Im Kern sieht die Initiative vor, den bisherigen Automatismus zur unwiderruflichen Löschung überschüssiger CO2-Zertifikate abzuschaffen. Bislang wurden Bestände in der Reserve, die die Marke von 400 Millionen Tonnen überschritten, jährlich vernichtet, um ein Überangebot am Markt zu verhindern und das Preisniveau zu stützen. Künftig sollen diese Zertifikate stattdessen als dauerhafter Puffer im System verbleiben.
Dieser Schritt erfolgt zu einem Zeitpunkt, an dem die europäische Luftfahrtindustrie unter erheblichem Kostendruck steht, da seit dem 1. Januar 2026 die Ära der kostenlosen Emissionsrechte für Fluggesellschaften endgültig beendet ist. Während die Kommission mit der Reform die Volatilität am Markt begrenzen und die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie sichern will, bezweifeln Analysten, ob die Maßnahme ausreicht, um die massiv steigenden Belastungen für Airlines spürbar abzumildern. Die Branche blickt nun gespannt auf die für Juli geplante umfassende Revision des ETS-Rahmenwerks, die weitere Weichenstellungen für den internationalen Luftverkehr bringen könnte.
Funktionsweise und geplante Änderungen der Marktstabilitätsreserve
Die Marktstabilitätsreserve fungiert seit ihrer Einführung als ein zentrales Steuerungsinstrument des europäischen Emissionshandels. Ihr Ziel ist es, das Gleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage bei den Emissionsberechtigungen (EUA) zu wahren. Der Mechanismus arbeitet weitgehend automatisiert: Übersteigt die Gesamtmenge der im Umlauf befindlichen Zertifikate – im Fachjargon als Total Number of Allowances in Circulation (TNAC) bezeichnet – den Schwellenwert von 833 Millionen Tonnen, werden 24 Prozent dieses Überschusses aus dem Auktionsvolumen entnommen und in die Reserve überführt. Sinkt die Menge hingegen unter 400 Millionen Tonnen, werden 100 Millionen Zertifikate aus der Reserve zurück in den Markt gegeben, um eine künstliche Verknappung und damit verbundene Preissprünge zu verhindern.
Der bisherige entscheidende Faktor für die langfristige Preisbildung war jedoch die Löschungsregel. Alles, was über die Menge von 400 Millionen Zertifikaten in der Reserve hinausging, wurde am 1. Januar eines jeden Jahres gelöscht. Dies führte in der Vergangenheit zu gewaltigen Reduktionen; allein zu Beginn des Jahres 2023 wurden auf diese Weise 2,5 Milliarden Zertifikate vernichtet. Der neue Vorschlag von EU-Klimakommissar Wopke Hoekstra sieht nun vor, diesen Entzug von Zertifikaten zu stoppen. Die Bestände sollen im System verbleiben, um die Widerstandsfähigkeit des Marktes gegenüber extremen Preisschwankungen zu erhöhen. Damit folgt die Kommission einer Ankündigung von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die beim Europäischen Rat im März den Schutz der industriellen Wettbewerbsfähigkeit in den Fokus gerückt hatte.
Auswirkungen auf die Luftfahrtbranche nach Wegfall der Gratis-Zertifikate
Für die Fluggesellschaften kommt diese Reform in einer kritischen Phase. Seit dem Beginn des Jahres 2026 ist der stufenweise Abbau der kostenlosen Zuteilung von Emissionsrechten, der bereits 2024 eingeleitet wurde, abgeschlossen. Airlines müssen nun für jede ausgestoßene Tonne CO2 auf Flügen innerhalb des Europäischen Wirtschaftsraums Zertifikate am Markt erwerben. Der Branchenverband Airlines for Europe (A4E) prognostiziert, dass sich die jährlichen Kosten durch das ETS bis zum Jahr 2030 auf rund fünf Milliarden Euro verdoppeln könnten. Vor diesem Hintergrund wird jede Maßnahme, die das Preisniveau der Zertifikate potenziell stabilisiert oder leicht dämpft, von der Branche genau beobachtet.
Da die MSR nicht zwischen stationärer Industrie und dem Luftverkehr unterscheidet, wirkt sich die Reform indirekt auf den gesamten Markt aus. Experten von S&P Global schätzen, dass durch den Verzicht auf die Löschung bis Ende 2026 etwa 42 Millionen zusätzliche Zertifikate im System verfügbar bleiben könnten. Dies könnte zwar einen leicht preisdämpfenden Effekt haben, jedoch warnen Analysten von Banken wie der BBVA davor, die Auswirkungen zu überschätzen. Es sei unwahrscheinlich, dass die Maßnahme allein ausreicht, um die EUA-Preise materiell und dauerhaft zu senken. Die Preise für Zertifikate zeigten sich im Frühjahr 2026 bereits volatil und erreichten im März mit 66,65 Euro pro Tonne ein Elf-Monats-Tief, was jedoch eher auf allgemeine Markterwartungen und Konjunkturdaten als auf die spezifische MSR-Reform zurückzuführen war.
Politischer Druck und Ausblick auf die Revision im Juli
Die Initiative der Kommission steht unter erheblichem politischen Zeitdruck. Zehn EU-Mitgliedstaaten hatten im März in einem gemeinsamen Schreiben gefordert, die Revision des Emissionshandels zu beschleunigen, um die Industrie angesichts hoher Energiekosten und globalen Wettbewerbsdrucks zu entlasten. Insbesondere Länder mit starken Industriesektoren sehen in den aktuellen CO2-Preisen ein signifikantes Risiko für die Standortattraktivität Europas. Die geplante Abschaffung der Löschungsregel in der MSR gilt daher als erster diplomatischer Vorstoß, um den Sorgen der Wirtschaft entgegenzukommen, ohne die grundlegenden Ziele des Emissionshandels in Frage zu stellen.
Die eigentliche Zerreißprobe für den Luftverkehrssektor steht jedoch im Juli bevor. Dann wird die EU-Kommission eine Bewertung des globalen ICAO-Klimaschutzprogramms Corsia vorlegen. Sollte die Kommission zu dem Schluss kommen, dass Corsia nicht ausreicht, um die europäischen Zielvorgaben zu erfüllen, droht eine Ausweitung des EU-ETS auf alle Flüge, die aus der EU in Drittstaaten starten. Dies würde die Kostenbelastung für europäische Netzwerk-Carrier massiv erhöhen und deren Wettbewerbsposition gegenüber außereuropäischen Fluggesellschaften, die über Drehkreuze in der Türkei oder am Golf operieren, erheblich schwächen. Die MSR-Reform wäre in einem solchen Szenario lediglich ein Tropfen auf den heißen Stein.
Prognosen zur Preisentwicklung der Emissionszertifikate
Die Einschätzungen über die künftige Preisentwicklung am CO2-Markt gehen weit auseinander. Während ein Reuters-Konsens für den Jahresverlauf 2026 von einem Durchschnittspreis von 91 Euro ausgeht, kalkuliert die ING mit moderateren 83 Euro. Langfristig zeigen die Kurven jedoch steil nach oben: BloombergNEF sieht das Preisniveau bis zum Jahr 2030 bei rund 145 Euro pro Tonne. Diese Erwartungen basieren auf der Annahme, dass die jährlich verfügbare Gesamtmenge an Zertifikaten (Cap) planmäßig weiter sinkt.
Sollte die Marktstabilitätsreserve künftig tatsächlich als dauerhafter Puffer dienen, könnte dies extreme Preisspitzen in Phasen knappen Angebots abmildern. Für die Airlines bleibt die finanzielle Planbarkeit dennoch schwierig. Die Integration des Luftverkehrs in den allgemeinen Zertifikatemarkt bedeutet, dass Fluggesellschaften mit finanzstarken Energiekonzernen und Industrieunternehmen um die verfügbaren Rechte konkurrieren. Die Reform der MSR könnte hier zwar für eine höhere Liquidität sorgen, das grundlegende Problem der steigenden Kostenbelastung durch den vollständigen Erwerb von Emissionsrechten bleibt jedoch bestehen. Die Branche fordert daher flankierende Maßnahmen, die über eine bloße Marktstabilisierung hinausgehen, um den Luftverkehrsstandort Europa nicht dauerhaft gegenüber globalen Wettbewerbern zu benachteiligen.